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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.04.2007

Mahnmal für eine russische Journalistin

Norbert Schreiber (Hg.): "Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes", Wieser Verlag, Klagenfurt 2007, 256 Seiten

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Die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja (AP)
Die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja (AP)

Ihre Berichte aus Tschetschenien und ihre Kritik an Präsident Putin wurden Anna Politkowskaja zum Verhängnis. Im Oktober 2006 wurde die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin in Moskau ermordet. Zum Gedenken an die mutige Frau hat Norbert Schreiber zahlreiche Beiträge – Reportagen, Essays, Gespräche, Analysen und Würdigungen - zusammengetragen.

Dieses Buch ist ein Mahnmal für eine mutige Frau, zugleich eine Klageschrift – ein Konvolut Texte von und über Anna Politkowskaja.

Erinnern wir uns: Am 7. Oktober 2006, einem Samstag, kam die 48-jährige Journalistin und Mutter zweier Kinder nachmittags vom Einkauf heim in ihre Moskauer Mietskaserne. Zweimal fuhr sie mit Tüten hinauf in die Wohnung. Als sich die Lifttür das dritte Mal öffnete, fielen Schüsse. Viermal wurde sie getroffen, neben dem Herzen, in die Schulter, zum Schluss in den Kopf. Der Täter wollte wohl sicher gehen; er wurde bislang nicht gestellt.

"Chronik eines angekündigten Mordes". Der etwas reißerische, bei García Márquez entlehnte Titel des Buches trifft es nicht genau, denn der Band leistet mehr und zugleich weniger als eine minutiös recherchierte Chronik. Er bündelt 16 Beiträge – Reportagen, Essays, Gespräche, Analysen, Würdigungen.

Herausgeber Norbert Schreiber, Hörfunk-Redakteur in Hessen, versammelte Autorinnen und Autoren zu einer Gedenkrunde, deren Äußerungen den Leser emotional und intellektuell berühren. Fritz Pleitgen, einst ARD-Korrespondent in Moskau, untersucht die Gleichgültigkeit der internationalen Politik, Rupert Neudeck ("Cap Anamur") die Bedingungen der Pressefreiheit in Krisenregionen. Historiker und Publizisten aus Russland und Deutschland beschreiben Moskaus Umgang mit dem Erbe der Diktatur, die Spielregeln einer "gelenkten Demokratie ohne Demokraten", das "coole Gespenst" des Nationalismus sowie die Wirkungskraft der Reporterin und Buchautorin Politkowskaja.

Wegbegleiterinnen zeichnen ihr Porträt: "Sie ist hartnäckig, unbestechlich, gleichwohl diplomatisch, nicht utopisch." – "Schön war sie und beeindruckend, hatte ein ausdrucksvolles Gesicht und einen schwierigen Charakter."

Putin wird zitiert, kommentarlos, weil er sich selbst kommentiert. Er würde alles tun, um die Täter ausfindig zu machen, versprach der Präsident in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" kurz nach dem Mord. Und setzte subtil diffamierend hinzu: "In der Tat war die Journalistin Politkowskaja eine Kritikerin der jetzigen Machtverhältnisse. Ihr politischer Einfluss im Lande war aber nicht sehr groß. Dieses schreckliche Verbrechen fügt Russland großen Schaden zu. Es schadet dem politischen System, das wir gerade aufbauen – ein System, in dem für jeden die Meinungsfreiheit garantiert ist, auch in den Massenmedien."

Ausführlich kommt sie selbst zu Wort, Anna Politkowskaja, Opfer einer speziell russischen Art von Meinungsfreiheit. Wir lesen ihre letzten Artikel für die Moskauer "Neue Zeitung", die "Nowaja Gaseta", Artikel mit sprechenden Titeln: "Tschetschenien. Der Hass wird über die Ufer treten" oder "Ungenehmigte Trauer" (über den Polizeiterror gegen eine Manifestation zu Ehren der Toten von Beslan). Wir hören ihre nüchtern anklagende Stimme: "Die Personen aus meinem ersten Tschetschenien-Buch sind inzwischen alle tot. Sie haben nicht gekämpft, sie sind bei ‚Ausweiskontrollen’ oder ähnlichen Anlässen ums Leben gekommen."

Sie ahnte, dass auch sie bald sterben würde. Wiederholt hatte sie Auftragsmorde in Russland beschrieben, ein paar von jenen fünf- oder achthundert Fällen jährlich. Sie erhielt Warnungen, war Opfer eines Giftanschlags.

Was sie für sich selbst erwarte, fragte Norbert Schreiber, der Herausgeber dieses Buches, im Frühjahr 2005, sie, eine schmale Frau, bedroht vom russischen Staat...
"Na ja", erwiderte Anna Politkowskaja, "ich versuche das auszublenden, weil ich sonst nicht arbeiten könnte."

In einem anderen Interview wurde die Reporterin deutlicher, an uns gewandt, ihre deutschen Leser: "Die demokratischen Kräfte in Russland können nur auf Hilfe von außen hoffen – Hilfe, die zunächst einmal darin bestehen müsste, Putin nicht auch noch zu hofieren. In Ihrem Land kommt Putin gut an, weil er so gut Deutsch kann – bei uns sterben dafür Menschen!"

Rezensiert von Uwe Stolzmann

Norbert Schreiber (Hrsg.): Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes
Wieser Verlag, Klagenfurt 2007
256 Seiten, 19,80 Euro

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