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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 11.07.2014

MahlzeitEin Vitamin wirft lange Schatten

B2 hat eine glänzende Zukunft – aber bitte nicht im Essen

Von Udo Pollmer

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Einlegegurken im Glas (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
Das Vitamin B2, auch als E 101 bekannt, macht Gurken im Glas richtig gurkengrün. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Als "lebenswichtig" gelten sie, die Vitamine. Immer neue Wunderwirkungen werden ihnen nachgesagt. Jetzt soll Vitamin B2, das bisher ein Schattendasein führte, helfen, Krankheitserreger zu bekämpfen.

Nach langen Jahren der verschämten Trauer über die verheerenden Studienergebnisse, mit denen populäre Vitamine den Bach runtergingen, gibt es nun einen neuen Hoffnungsträger. Es ist das unscheinbare Vitamin B2, Riboflavin genannt. Auch als E 101 bekannt, weil es wegen seines gelbgrünlichen Teints als Lebensmittelfarbstoff zugelassen ist. Vor allem Gurken im Glas erscheinen mit E 101 gurkengrüner.

Nun soll Vitamin B2 helfen, Trinkwasser und Blutkonserven zu sterilisieren. In Gegenwart von UV-Strahlen entstehen sehr aggressive Verbindungen, die Viren, Bakterien, Pilzen und Parasiten den Garaus machen – egal ob Malaria, Candida, Staphylokokken oder Aids. Die Methode zersetzt auch noch ein paar Blutbestandteile, die bei einer Bluttransfusion ebenfalls als problematisch gelten und die bisher mit Gammastrahlen zerstört wurden. Jetzt könnte ein Vitamin das Gleiche leisten wie die Strahlenkanone. Oder im Falle von Wasser das Gleiche wie ein echtes Desinfektionsmittel. Motto: Vitamine statt Chlorbleiche.

Man fragt sich da unwillkürlich, wie kommt man überhaupt auf die Idee, ein Vitamin zur Desinfektion einzusetzen? Ganz einfach: Vor 25 Jahren erkannte man die ungewöhnliche Aggressivität des Stoffes in Gegenwart von Tageslicht. Also verwendete man Vitamin B2 in Tierversuchen, beispielsweise um Leberschäden zu erzeugen oder um die Augen der Tiere an Grauem Star erkranken zu lassen. Heute spielt das Vitamin in der Krebsforschung eine wichtige Rolle. Krebszellen versorgen sich gezielt mit einer Extraportion B2. An dieser Sammelleidenschaft lassen sie sich sogar erkennen.

Heute weiß man, Vitamin B2 ist ein perfekter Photosensitizer, also ein Stoff, der durch Licht hochreaktiv wird. Dann zersetzt es andere Vitamine wie beispielsweise Folsäure, aber auch Aminosäuren wie Tryptophan. Es entsteht ein ganzer Schwarm fragwürdiger bis giftiger Verbindungen. Anhand dieser Experimente haben die Mediziner eines Tages erkannt, woher die Leberschäden kamen, wenn Patienten intravenös ernährt wurden. Wenn die Plastikbeutel mit der Mixtur dem Licht ausgesetzt waren, bildeten sich Substanzen, die die Leber angreifen. Im Tierversuch verursachte eine B2-haltige Multivitaminlösung eine typische Fettleber.

Und wie sicher ist ein solcher Stoff für den Menschen? An die üblichen Gehalte in der Nahrung sind wir vermutlich gut angepasst. Doch überall werden Lebensmittel mit "gesunden Vitaminen" angereichert, von den hochdosierten Multivitaminpillen ganz zu schweigen. Was passiert dann beim Sonnenbad?

Dass Licht das Blut erreicht, weiß man aus Erfahrungen an Neugeborenen. Sie entwickeln manchmal eine harmlose Gelbsucht. Die lässt sich gut mit Blaulicht behandeln. Die Therapie hat allerdings einen Schönheitsfehler: Das B2, das im Blut zirkuliert, reagiert und wird dabei zerstört. In diesem Falle mag das aufgrund der nur sehr kurzen Anwendung kein Problem sein, aber eine massive Riboflavinfracht über längere Zeiträume gilt als eine Ursache der Hautschäden durch UV-Strahlung.

Und wie ist das mit Lebensmitteln? Ist Vitamin B2 noch als Farbzusatz in Produkten akzeptabel, die dem Tageslicht ausgesetzt sind? Wie riskant sind Süßwaren mit Multivitaminen? Vielleicht wäre es vernünftiger, statt Jagd auf "Süßes" zu machen oder auf "künstliche Farbstoffe", sich mal um die "gesunden Vitamine" zu kümmern? Hier gäbe es noch Forschungsbedarf, vielleicht erklären die Vitamine ja die stete Zunahme der Fettleber. Es wäre auch nicht das erste Vitamin, das gesundheitlich riskant ist.

Dafür weckt Riboflavin bei der chemischen Industrie große Hoffnungen: Denn es hat das Zeug zum Antibiotikum, auf seiner Basis werden gerade neue Antibiotika entwickelt. Und es wird als Pflanzenschutzmittel eingesetzt. In Verbindung mit einem Emulgator hindert es Insekten und Milben an der Häutung. Der Stoff hat wohl noch eine glänzende Zukunft vor sich – aber bitte nicht im Essen. Mahlzeit!

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