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Studio 9 | Beitrag vom 24.10.2014

MahlzeitBitter: Aromastoffe in Babykost

Säuglingsnahrungshersteller wollen ihre Produkte mit Aromen "aufbessern"

Von Udo Pollmer

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Ein kleines Mädchen löffelt ohne Hilfe allein und mit großem Appetit seinen Möhrenbre aus einer Plastikschüsseli. (picture alliance/dpa-Zentralbild - Hansjürgen Wiedl)
Ein kleines Mädchen löffelt ohne Hilfe allein und mit großem Appetit seinen Möhrenbre aus einer Plastikschüsseli. (picture alliance/dpa-Zentralbild - Hansjürgen Wiedl)

Aromastoffe geben wieder Anlass zu Diskussionen: Der europäische Diätverband wünscht sich eine Zulassung für die Säuglings- und Kleinkindernahrung - angeblich sollen Aromen die Entwicklung des Geschmackssinns fördern. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält dagegen.

Die Hersteller von Säuglingsnahrung würden diese gern geschmacklich etwas aufbessern. Deshalb wünschen sie die Zulassung von Aromen für ihre Babykost. Natürlich stellen sie dabei das Kindeswohl in den Vordergrund – Aromen könnten dabei helfen, den Geschmackssinn der Allerkleinsten zu schulen. Es darf jedoch angenommen werden, dass es den Herstellern gar nicht um die Bedürfnisse der Babys geht, sondern in erster Linie um die der Mütter, die die Fläschchen und Gläschen natürlich vor dem Füttern probieren. Da sie nur das Beste für ihre Kleinen wollen, werden sie logischerweise das Produkt kaufen, das ihnen selbst am besten mundet.

Kinder, die gestillt wurden, bevorzugen eine größere Geschmacksvielfalt als Flaschenkinder. Dies wird auf die geschmacklichen Nuancen der Muttermilch zurückgeführt, die wiederum aus den unterschiedlichen Speisen resultieren, die die Mutter im Laufe des Tages gegessen hat. Ein Teil der Aromastoffe geht in die Milch über. Beim standardisierten Industrieprodukt sind derartige Geschmacksabweichungen naturgemäß unerwünscht, damit die Kunden die Ware nicht beanstanden. Das ist der zweite Grund, warum die Hersteller eine Zulassung von Aromen wünschen. Und Drittens lassen sich dadurch die Rohstoffe austauschen, ohne dass dies geschmacklich wahrnehmbar wäre.

Fläschchenmilch schmeckt mit Vanille weicher 

Das Bundesinstitut für Risikobewertung, das BfR in Berlin, lehnt das Ansinnen der Hersteller jedoch ab. Denn eine Zugabe von Aromen würde bestenfalls die letzten Geschmacksnuancen übertünchen. Und damit ist das Argument von der Geschmacksschulung hinfällig. Dazu kommt das Problem der sogenannten Futterprägung durch Aromazusätze. Die früher übliche Zugabe von einer Spur Vanillin zur Formulamilch genügte, um Flaschenkinder zu prägen: Sie bevorzugen bis ins Erwachsenenalter vanillinhaltige Produkte. Und das obwohl der Vanillinzusatz stets minimal war – die Fläschchenmilch schmeckte dadurch etwas weicher, aber ohne dass ein Vanillearoma wahrnehmbar gewesen wäre.

Der Wunsch nach einer Aromatisierung besteht vor allem für die hypoallergenen Ersatzmilchen, einfach weil sie bitter schmecken. Dies würden die Hersteller natürlich gerne maskieren. Da Kinder eine angeborene Aversion gegen Bitteres haben, kann ein solches Getränk schon mal zu Protesten führen. Doch für die Experten des BfR scheint das kein Problem zu sein: Man bräuchte keine Aromen, sondern müsse nur früh genug mit dem Füttern anfangen, dann würden sich die Kleinen nicht dagegen wehren, oder man müsse es eben immer wieder probieren, irgendwann würden sie es schon schlucken – frei nach dem Motto: der Hunger zwingt's rein.

Größte Gefahr geht von Putzmitteln aus

Diese Haltung ist nicht akzeptabel. Entscheidend ist nicht, ob man das bittere Zeug irgendwie in Säuglinge reinkriegt, sondern warum sie es ablehnen. Bitterkeit ist ein Warnsignal, es bedeutet Gefahr – Gefahr vor Giften. Für den kindlichen Organismus sind diese Stoffe in besonderem Maße gefährlich, weil ihre Leber noch nicht ausgereift ist. Deshalb werden Bitterstoffe von ihnen viel intensiver wahrgenommen. Wenn nun das BfR durchblicken lässt, ein Zusatz von Aromen könne den Geschmack der Kinder beispielsweise auf die Produkte der Hersteller prägen, dann ist zu fragen, warum die Gewöhnung an Bitteres als selbstverständlich angesehen wird.

Kinder, denen hypoallergene Formulamilch verabfolgt wurde, präferieren später bittere Produkte. Bittere Gemüse wie Zucchini haben bereits zu Vergiftungen bei Kindern geführt. Die größte Gefahr geht von Putzmitteln oder Medikamenten aus, die typischerweise bitter sind und von den Kindern dann nicht mehr reflexartig ausgespuckt werden.

Es mag ja sein, dass hypoallergene Formulamilch bei Kuhmilch-Allergien eine Hilfe ist, doch leider werden viele Kinder „präventiv" mit dem bitteren „Milchersatz" ernährt, ohne dass ein ersichtlicher Grund vorliegt. Es wäre eine lohnende Aufgabe für das BfR zu verhindern, dass gesunde Säuglinge von besorgten Müttern aus Angst vor Allergien auf eine Spezial-Diät gesetzt werden, die ganz nebenbei einen angeborenen Schutzmechanismus ausschaltet. Mahlzeit!

 

Literatur

BfR: Aromastoffe in Säuglingsnahrung. Stellungnahme Nr. 034/2014 des BfR vom 27. Juni 2014

Haller R et al: The influence of early experience with vanillin on food preference later in life. Chemical Senses 1999; 24: 465-467

Mennella JA et al: Early milk feeding influences taste acceptance and liking during infancy. American Journal of Clinical Nutrition 2009; 90: 780S-788S

Mennella JA et al: Flavor programming during infancy. Pediatrics 2004; 113: 840-845

Brand PL et al: Dietary prevention of allergic disease in children: are current recommendations really based on good evidence? Pediatric Allergy & Immunology 2007; 18: 475-479

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