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Konzert / Archiv | Beitrag vom 25.07.2021

Mahler Chamber Orchestra und Klaus MäkeläSibelius auf der Alhambra

Moderation: Volker Michael

Nachkoloriertes Foto des sitzenden Komponisten Jean Sibelius, der etwas grimmig zur Seite schaut. (imago images / Leemage)
Er war zwar nie in Granada, doch seine Musik klingt gut auf der Alhambra – der finnische Komponist Jean Sibelius. (imago images / Leemage)

Die Musik von Jean Sibelius und Edvard Grieg erklingt auf einer andalusischen Burg. Der junge Dirigent Klaus Mäkelä war "conductor in residence" beim Granada-Festival und leitete das "Mahler Chamber Orchestra" im Palast von Karl V. auf der Alhambra.

Der Kontrast könnte größer nicht sein – und genau das ist Europa! Die Musik von Jean Sibelius und Edvard Grieg erklingt auf einer andalusischen Burg. Und alles passt irgendwie zusammen, selbst wenn sich die Musik der beiden Skandinavier mit anderen Landschaften verbindet als denjenigen, die um die Alhambra in Granada liegen.

Ein Orchester im Inneren des Palasts von Karl V. auf der Alhambra. (Radio Clasica/EBU)Ein Konzert im Innern des Palasts von Karl V. auf der Alhambra. (Radio Clasica/EBU)

Beim Granada-Festival 2021 spielte das Mahler Chamber Orchestra unter Leitung von Klaus Mäkelä am 22. Juni auf der Alhambra – der finnische Dirigent ist ein ausgesprochener Jungstar. 25 Jahre ist er alt und schon Direktor bei so bedeutenden Orchestern wie den Philharmonikern in Oslo und ab dem nächsten Jahr beim Orchestre de Paris. Das Granada-Festival hat ihn kurz entschlossen zum conductor in residence 2021 ernannt. Also hat er mehrere Konzerte in Andalusien geleitet. Unter anderem dieses im Inneren des Palasts Kaiser Karls, des Fünften. Es war also ein Open-Air-Konzert zu recht später Stunde.

Blick auf die Alhambra in Granada mit der Sierra Nevada im Hintergrund. (picture alliance / Richard Linke)Blick auf die Alhambra in Granada. (picture alliance / Richard Linke)

Javier Perianes, der spanische Pianist, wird als Solist in Edvard Griegs Klavierkonzert zu erleben sein. Außerdem gibt es im zweiten Teil die sechste und die siebte Sinfonie von Jean Sibelius. Der Abend beginnt mit einem Ausschnitt aus der Lemminkäinen-Suite, ebenfalls von Jean Sibelius, dem berühmtesten Teil dieser Dichtung, nämlich dem "Schwan von Tuonela".

Der knapp zehn Minuten dauernde Satz über den Schwan ist also nur ein kleiner, sehr melancholischer Ausschnitt aus dem Werk. Ein weißer Schwan spielt eine große Rolle in den Kindheitserinnerungen des Komponisten. Sein früh verstorbener Vater hatte ihn, den kleinen Janne, auf den Schoß genommen und ihm einen weißen Schwan in einem Bilderbuch gezeigt. Wichtigstes Instrument ist das Englischhorn in diesem satt-melodiösen Abschnitt.

Populär wie ein Klingelton

Einen quasi Heimvorteil genoss der spanische Pianist Javier Perianes. Er spielte zusammen mit dem Mahler Chamber Orchestra das überaus bekannte und ereignisreiche Klavierkonzert von Edvard Grieg. Der norwegische Komponist kann in gewisser Weise als künstlerischer Vater von Jean Sibelius gelten. Er ist einen ähnlichen Weg wie Sibelius gegangen.

Die zentralen Motive in seinem Klavierkonzert stammen zweifelsohne aus der Volksmusik. Aber es ist nicht unbedingt dieser volkstümliche Ton, der das Konzert so bekannt gemacht hat. Wahrscheinlich eher die eingängigen, letztlich einfachen Themen – es reicht schon der Solopart zu Beginn – eine perfekte Erkennungsmelodie, wie für einen Klingelton geschaffen.

Heimvorteil für den Solisten

Der Solist des Abends ist renommiert in Spanien und darüber hinaus: Javier Perianes. Er ist auch Andalusier, kam 1978 in Nerva zur Welt. Er hat sich als Schubert-Interpret einen Namen gemacht und sich auch intensiv mit Edvard Griegs Musik beschäftigt. Dem Klavierkonzert des Norwegers verlieh er eine kühle Klarheit, um gar nicht einen falschen romantischen Glamour aufkommen zu lassen.

Die letzten beiden Sinfonien von Jean Sibelius gab es im zweiten Teil des Konzerts auf der Alhambra zu hören. Der junge Dirigent Klaus Mäkelä hat sie attacca gespielt – die sechste und siebte Sinfonie ohne Pause.

Schnee und lange Schatten in Andalusien

Die sechste ist Sibelius' vorletzte Sinfonie. Ein kompaktes, aber auch karges Stück. In alter dorischer Kirchentonart, offiziell in d-Moll. Und weder eindeutig dramatisch noch lyrisch wie die Sinfonien zuvor. Das störte vor allem die eingeschworene Sibeliusgemeinde. Gedanken und Idee zu einem nie geschriebenen zweiten Violinkonzert und einer Sinfonischen Dichtung "Kuutar" (Der Mond) flossen ein in diese Sinfonie.

Der Komponist selbst sagte über seine Sechste im Rückblick: "Se erinnert mich immer an den ersten Schneefall." Oder an anderer Stelle: Sie sei die Musik "der länger werdenden Schatten". Die Assoziationen klingen im heißen andalusischen Sommer, wo diese Aufnahme entstand, natürlich äußerst angenehm.

Eine Sinfonie wie die Puppe in der Puppe

Die siebte Sinfonie blieb Sibelius' ein wenig rätselhafter Beitrag zur Gattung. Einerseits ist das Stück seiner Form nach sehr modern, denn es hat nur einen Satz und birgt wie eine Matrjoschka-Figur viele musikalische Gestalten in sich, die einander ähneln, aufeinander aufbauen und sich abwechseln und ergänzen.

Anderseits ist diese siebte Sinfonie eine einzige lange Melodie. Sie zeigt den Komponisten auf einer Reise, die er mit einem langen Atemzug bewältigen will. Und sie steckt voller Rückblicke, voller nostalgischer Reminiszenzen, die wie Selbstzitate aus vorherigen Sinfonien wirken. Nicht zuletzt durch die Tonart C-Dur hat diese siebte Sinfonie etwas Basales und Existenzielles.

Alhambra, Palast von Karl V., Granada
Aufzeichnung vom 22. Juni 2021

Jean Sibelius
"Der Schwan von Tuonela" aus der "Lemminkäinen Suite op. 22"

Edvard Grieg
Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 16

Jean Sibelius
Sinfonie Nr. 6 d-Moll op. 104
Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 105

Javier Perianes, Klavier
Mahler Chamber Orchestra
Leitung: Klaus Mäkelä

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