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Zeitfragen | Beitrag vom 18.07.2019

Magische Kräfte?Was der Mond wirklich mit uns macht

Von Katja Strippel

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Im Vordergrund ist einer Pusteblume zu sehen. Dahinter, viel kleiner, ein Halb-Mond. (unsplash / Kevin Müller)
Ob auch ein halber Mond die Pusteblume schneller wachsen lässt? (unsplash / Kevin Müller)

Dem Mond werden seit Urzeiten magische Kräfte nachgesagt. Er soll das Wachstum von Pflanzen steuern und unseren Schlaf stören. Doch was ist wissenschaftlich dran an diesen Theorien?

Hundemüde. Schlecht geschlafen. Im Bett gefühlt Hundert Mal von rechts nach links und dann wieder von links nach rechts gedreht. Gefühlt gibt es ihn: den Zusammenhang zwischen einer Vollmondnacht und schlechtem Schlaf.

Für Martin Dresler ist die Erfahrung allein noch kein Beweis. Der Neurowissenschaftler hat beim Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie mit mehr als eintausend Probanden eine große Studie zum Thema Mond und Schlaf gemacht. Mehr als 2000 Nächte verbrachten die Personen im Schlaflabor, einige kamen bis zu 60 Mal und damit über zwei Mondphasen hinweg. Ergebnis: "Wir konnten keinerlei Zusammenhang zwischen Mondphasen und Schlaf feststellen", so Dresler.

Schlafstörungen bei Vollmond?

Warum glauben dann so viele Leute, dass sie bei Vollmond schlechter schlafen? In der Psychologie nenne man das selektive Erinnerung, erklärt Dresler. Jeder Mensch schlafe ab und zu schlecht, aber normalerweise vergesse man das sofort wieder. "Wenn wir aber etwas Ungewöhnliches sehen in unserem Aufwacherlebnis, wie den hellerleuchteten Mond, dann bleibt das im Gedächtnis." Rückblickend sehe es dann so aus, als würde man immer dann schlecht schlafen, wenn Vollmond ist. Oder umgekehrt der Vollmond einen schlechten Effekt auf unseren Schlaf habe. "Objektiv aber können wir das alles mit unseren Daten aus dem Schlaflabor nicht bestätigen", so der Neurowissenschaftler.

Das Schlaflabor war tief im Keller des Münchner Max-Planck-Instituts. Hier konnte kein Mond durchs Fenster scheinen. Als Erklärung für den schlechten Schlaf bleibt dann ein weiterer Grund: Die selbsterfüllende Prophezeiung. "Wenn man fest davon ausgeht, dass man bei Vollmond schlecht schläft, dann kann allein dieses Wissen uns den Schlaf rauben", so Dresler. Wer weiß, dass bald Vollmond herrscht und fest daran glaube, dass der den Schlaf stört, erlebe das häufig auch. Die Prophezeiung erfüllt sich also selbst, der Mond aber hat damit nichts zu tun.

Kein Einfluss auf den Menschen

Und wie wird man so eine selbsterfüllende Prophezeiung wieder los? Indem man mit noch mehr Wissenschaftlern über den Mond redet. Mit dem Münchner Astrophysiker Harald Lesch zum Beispiel. Der hat vor ein paar Jahren in einem Interview auf die Frage nach einem statistischen Beleg für Mondtheorien erfrischend deutlich geantwortet: "Das Ding ist 400.000 Kilometer von uns entfernt. Dieses Ding macht nichts anderes als einfach nur schwer zu sein." Der Mond sei einfach nur ein "schöner Gesteinsbrocken".

Tatsächlich erwiesen ist, dass der Mond auf die Erde einwirkt: Er bewegt riesige Weltmeere und bestimmt die Gezeiten. Aber er bewege nichts in uns, sagt Lesch. Auch wenn der Mensch zu 70 Prozent aus Wasser bestehe, habe das keine Auswirkungen. Und er verweist darauf, dass alle Diskussionen über kosmische Energien bis heute keinen einzigen wissenschaftlichen Test bestanden haben.

Der Astrophysiker wundert sich, wie empfänglich manche für die Mythen rund um den Erdtrabanten seien: "Wenn ich mir überlege, dass wir beim Kauf eine Staubsaugers Überprüfungen vornehmen, aber gleichzeitig solche Weltbilder völlig undifferenziert annehmen." Er höre oft: "Ja, meine Oma hat schon immer gesagt, das liegt am Mond. Ich kann da nur sagen: Dann sind wir noch einen weiten Weg entfernt von dem, was Aufklärung ist."

Ratgeber als Verkaufsschlager

Dennoch: Viele Menschen richten ihr Leben nach den Mondphasen aus. Sie machen Diäten bei abnehmendem Mond oder gehen zum Friseur, wenn der Mond im Sternbild Löwe steht. Anleitungen finden sie in Mondratgebern. Der wohl berühmteste stammt aus der Feder von Johanna Paungger und Thomas Poppe. "Vom richtigen Zeitpunkt" wurde in 25 Sprachen übersetzt. "Wenn man es probiert, dann funktioniert es", sagt Autorin Paungger. Ihr seien Kritiker dabei oft lieber als Fanatiker: "Alles was man fanatisch macht, führt nicht zum Ziel. Egal ob in der Politik, der Religion, der Wirtschaft oder im Privatleben."

Den Heidelberger Soziologen Edgar Wunder überzeugt das nicht. Ratschläge, alles, was zunehmen soll, bei zunehmendem Mond zu tun und alles, was abnehmen soll, bei abnehmendem, hält er für einen simplen Analogieschluss. Beispiel Operationen: Wunder hat in einer Studie untersucht, ob es bei Vollmond tatsächlich ein höheres Risiko gibt. Mehr als 30 empirische Studien hat er ausgewertet, selbst Daten zu Knie- und Hüftoperationen erhoben. Das Ergebnis ist eindeutig: "Es ist völlig belanglos, zu welcher Mondphase man sich operieren lässt." Niemand brauche seinen OP-Termin zu verschieben. Anderslautende Empfehlungen hält der Soziologe für "reine Angstmache, die aus meiner Sicht ziemlich verantwortungslos ist."

Besser Schlafen dank des Monds

Manchmal ist es aber auch ganz praktisch, nach dem Mondkalender zu leben. Beim Gärtnern zum Beispiel. Der Regensburger Volkskundler Helmut Groschwitz hat eine Frau getroffen, die nach dem Mond gegossen hat. Und auf einmal sind ihre Pflanzen aufgeblüht. Die Erklärung habe aber nichts mit dem Mond zu tun, sagt Groschwitz. "Die Frau hat ab diesem Zeitpunkt einfach regelmäßig gegossen." Der Mond wurde zum externen Zeitgeber, der dabei half, den Alltag zu strukturieren. Das übrigens hilft auch dabei, besser zu schlafen.


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