Mäzenatentum im öffentlichen Raum

Das Berliner Schloss als Mahnmal

06:10 Minuten
Krähen überfliegen am Abend das Kreuz der Kuppel am Humboldt Forum.
Zum Mäzenatentum sollte in einer Demokratie gehören, dass es sich nicht überall selbst ein Denkmal setzen kann, sagt Hans von Trotha. © picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild / Jens Kalaene
Ein Kommentar von Hans von Trotha · 19.01.2022
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Private Geldgeber ermöglichen viel. Das ist oft ein Segen. Über öffentliche Bauten sollte aber nicht ein kleiner Zirkel entscheiden, meint der Historiker Hans von Trotha. Denn das untergrabe die Entscheidungssouveränitat einer demokratischen Gesellschaft.
Vor 20 Jahren, 2002, begann ein selbsternanntes „Comité national pour la reconstruction des Tuileries“ mit seiner Lobbyarbeit für den Wiederaufbau eines riesigen Königspalastes im Herzen von Paris, gleich gegenüber vom Louvre, der im Rahmen des Aufstands der Pariser Commune 1871 abgefackelt worden war. Zu den Beförderern eines Wiederaufbaus des Tuilerien-Schlosses gehörten finanzkräftige konservative Ästheten wie der Champagner-Erbe Jean Taittinger.
In ebendiesem Jahr 2002 beschloss der Deutsche Bundestag die weitgehende Finanzierung eines Neubaus mit Fassaden, die an das Berliner Schloss erinnern sollen, das einst den Hohenzollern als Residenz diente und unter Walter Ulbricht gesprengt worden ist. 2020 wurde der Bau unter dem Namen Humboldt Forum eröffnet.

Wind der Restauration im 21. Jahrhundert

Ebenfalls 2002 wurde in der Landeshauptstadt Potsdam eine dem Original getreu nachempfundene Kopie eines der Portale des nach 1945 abgeräumten Stadtschlosses präsentiert, ebenfalls eine ehemalige Hohenzollern-Residenz – als Aufforderung, auch einen dort entstehenden Neubau historistisch einzukleiden.
Da scheint Anfang des 21. Jahrhunderts ein Wind der Restauration im Gewand royalistischer Architekturträume durch westeuropäische Demokratien geweht zu haben. Man kann das ja auch verstehen. Umbruchzeiten bringen nicht selten ein gesteigertes Bedürfnis nach Vergangenheit hervor.

Der Einfluss kleiner Zirkel

Aber die entsprechenden Böen kamen nicht ganz von selbst auf. In all den genannten Fällen bedurften sie des Nachdrucks, einer Verstärkung durch zunächst kleine Zirkel, innerhalb derer man sich besonders von dem jeweiligen Projekt und den damit verbundenen städtebaulichen, ästhetischen aber naturgemäß auch geschichtspolitischen Visionen überzeugt zeigte.
Das Mittel der Wahl, die Entscheidungslust der entsprechenden demokratischen Instanzen zu stimulieren, war in allen drei Fällen das allenthalben probate Mittel der Wahl im kapitalistischen Diskursmechanismus: Geld. Privates Geld für öffentliche Bauten.

Projektgebundene Millionen

So hat Günter Jauch das erwähnte Potsdamer Portal finanziert, um Werbung für die historistische Fassade zu machen, die dann der Milliardär Hasso Plattner mit 20 Millionen finanzierte – 20 projektgebundene Millionen für die weitestmöglich auf alt getrimmte Fassade wohlgemerkt.
So wie die Million projektgebunden war, die Versandhauserbin Maren Otto für die höchst umstrittene Rekonstruktion eines goldenen Kreuzes auf der ebenfalls aus privaten Spenden finanzierten, ebenfalls umstrittenen Kuppel des Humboldt Forums, also des Berliner Schlosses, gespendet hat.

Wer viel hat, kann viel gestalten

Wer viel Geld hat, kann viel gestalten. Das ist so in der Welt, in der wir leben, und das ist zunächst einmal weder gut noch schlecht. Es ist einfach so.
Dabei muss man feststellen: Bei uns übernimmt die sogenannte öffentliche Hand auch und gerade im Bereich der Kultur und des Bauens bemerkenswert viele Aufgaben. In anderen Gesellschaften, etwa in den USA, ist das anders. Da ist die Kultur in viel größerem Maß auf die Förderung privater Geldgeber angewiesen, auf Spenden und Mäzenatentum. Entsprechend groß ist der Gestaltungsspielraum privater Personen, auch im öffentlichen Raum. Denn das ist der Preis.

Verantwortung auf Nehmerseite

Dass Menschen, die mehr Geld haben als sie benötigen, einen Teil dieses Geldes für Projekte zur Verfügung stellen, die ohne diese Unterstützung nicht realisiert werden könnten, ist ein Segen. Mit der Annahme dieses Segens ist allerdings eine Delegation von Verantwortung verbunden, von Entscheidungsgewalt, von Einfluss.

Hans von Trotha – 1965 geboren – ist ein deutscher Historiker, Schriftsteller und Journalist. Nach ersten publizistischen Arbeiten für den Rundfunk und verschiedene Printmedien übernahm er für zehn Jahre die Leitung des Nicolai-Verlags. Derzeit arbeitet er selbständig als Publizist für diverse Medien und als Berater im Kulturbereich.

Schwarz-Weiß-Porträt von Hans von Trotha
© Jan Düffelsiek
Mäzeninnen und Mäzene befördern, was sie für beförderungswürdig erachten – sei es aus politischen, aus ästhetischen oder aus ganz anderen Gründen, es ist ihre Sache. Deswegen ist es so wichtig, sie aus Bereichen herauszuhalten, in denen eine Gesellschaft ihr Selbstverständnis formuliert. Und dazu gehören öffentliche Bauten.

Gefahren des Mäzenatentums

Dass wohlhabende Privatpersonen jenseits von demokratischen Entscheidungsprozessen über die Gestaltung von Innenstädten auch da entscheiden, wo es nicht um private, sondern um öffentliche Architektur geht, ist an sich schon fragwürdig.
Wenn ein Bauprojekt jedoch darüber hinaus auch noch mit historischen, gesellschaftlichen, letztlich also politischen Positionen verbunden ist oder wenn es auch nur theoretisch damit verbunden werden könnte, dann ist Mäzenatentum eine Gefahr, weil es die Entscheidungssouveränität einer demokratischen Gesellschaft untergräbt und im schlimmsten Fall sogar konterkariert.
Genau dafür und nicht etwa für eine gelungene Verbindung von Neu und Alt, ist das Berliner Schloss alias Humboldt Forum nun erst einmal zum Mahnmal geworden – vollends, wenn auch nicht erst seit dem Bekanntwerden der rechten Gesinnung von mindestens einem der Großspender, die ja – auch hier projektgebunden – ihr Geld ausdrücklich für historisierende Fassadenelemente, also den Retro-Anschein gegeben haben, nicht für den modernen Teil des Unterfangens.

Mäzene im Graubereich

Man habe, wird der Vorsitzende des die Spenden einsammelnden Schloss-Freundes-Vereins zitiert, „auf bürgerliche Reputation geachtet, nicht auf politische Einstellungen“.
Diese bemerkenswerte Unterscheidung zieht die Frage nach sich, was genau das denn sein mag: „bürgerliche Reputation“ – ein wirksamer Schutz vor antidemokratisch rechter Gesinnung jedenfalls schon mal nicht.
Was auch immer es ist – es sollte keine Eintrittskarte in den Graubereich zwischen öffentlich und privat finanziertem Gestalten in der Öffentlichkeit sein. Zum unverzichtbaren Segen des Mäzenatentums sollte in einer Demokratie schon gehören, dass es sich nicht überall selbst ein Denkmal setzen kann. Nicht in jeder Stadtmitte zum Beispiel.

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