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Sein und Streit | Beitrag vom 06.12.2020

Männlichkeit als politischer KampfbegriffWie Verunsicherung in Gewalt umschlägt

Susanne Kaiser im Gespräch mit Catherine Newmark

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Illustration: Mann pumpt seinen Bizeps mit einer Fahrradpumpe auf. (imago images / Patrick George)
Aufgepumpt mit Wut und Kränkung: Susanne Kaiser beobachtet, wie in Internetforen eine Krise der Männlichkeit beschworen und gegen Frauen gezielt gehetzt wird. (imago images / Patrick George)

Männlichkeit wird zu einem Kampfbegriff. Frauen in einstigen Männerdomänen wie Politik, Kultur oder Sport schlage oft organisierter Hass entgegen, so die Publizistin Susanne Kaiser. Vor allem im Internet fänden die Frauenhasser zusammen.

Als sich der Attentäter von Halle am 9. Oktober 2019, unmittelbar vor seinem Versuch, schwer bewaffnet in die Synagoge einzudringen, an die Follower seines Internet-Livestreams wandte, stellte er sich mit dem Bekenntnis vor, er glaube, "dass der Holocaust niemals stattgefunden hat". Dann sagte er: "Der Feminismus ist der Grund für die sinkenden Geburtenraten im Westen, die das Einfallstor für Massenmigration sind."

Ein Attentäter redet von Geburtenraten

Geburtenraten? Einwanderungstrends? Statistiken und Thesen zur Bevölkerungsentwicklung im Soziologenjargon aus dem Mund eines nicht einmal 30-jährigen Mannes, der das Gewehr im Anschlag vor einem jüdischen Gotteshaus steht, um möglichst viele Feiernde zu töten? Es wäre zu kurz gegriffen, in den Männern, die in Halle, Hanau oder Christchurch in Neuseeland aus rechtsradikalen oder rassistischen Beweggründen töteten, nur Einzeltäter mit psychischen Problemen zu sehen, sagt die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Susanne Kaiser.

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Zwar zeigten sich in Einzelfällen übereinstimmende Muster der persönlichen Lebenssituation: Wie der Attentäter von Halle wohnten auch andere Todesschützen zum Zeitpunkt des Verbrechens einsam und zurückgezogen in ihrem früheren Elternhaus, zum Teil mit ihrer Mutter als der einzigen engen Bezugsperson. Wichtig sei jedoch darüber hinaus, das ideologische Umfeld zu beachten, in dem sich die Täter bewegten, so Kaiser. Es gebe weitverbreitete Verschwörungsmythen, die ihnen in etwaigen individuellen Konfliktlagen Identifikationsangebote machten. Und ein wichtiges Motiv dabei sei Frauenhass.

Mobilmachung für das Patriarchat

Das Argument, der Feminismus habe dazu geführt, dass in westlich orientierten Ländern die Geburtenraten sinken, stehe in Zusammenhang mit der Idee vom "großen Austausch", die auch der Attentäter von Christchurch und der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik in online publizierten Manifesten vertreten hätten, erklärt Kaiser: Dadurch, dass der Feminismus Frauen dazu bringe, zu arbeiten oder nicht mehr mit weißen Männern zusammen zu sein, würden laut dieser Argumentation immer mehr Muslime nach Europa einwandern und Kinder bekommen, sodass die weiße europäische Bevölkerung innerhalb der nächsten Jahrzehnte ausgetauscht werde.

Gerade für Breivik, der am 22. Juli 2011 bei Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen ermordet hat, sei die Ablehnung des Feminismus ein zentrales Thema gewesen. Diese dezidiert frauenfeindliche Dimension von rechtsextrem motivierten Terrorakten sei von der Öffentlichkeit bisher zu wenig wahrgenommen worden, betont Kaiser.

In ihrem Buch "Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen", zeigt Susanne Kaiser anhand zahlreicher Beispiele auf, wie sich sogenannte "Maskulinisten" im Internet politisch organisieren. Eine große internationale Community bilden etwa Männer, die sich selbst als "Incels" bezeichnen: Der Begriff, zusammengesetzt aus den Wörtern "involuntary" und "celibate" meint Männer, die unfreiwillig enthaltsam leben – und dafür eine in ihren Augen überzogene und zu weitreichende Emanzipation von Frauen in der Gesellschaft verantwortlich machen.

Populisten punkten mit "wehrhafter" Männlichkeit 

Die Bewegung verfolge das Ziel, "das Patriarchat zu restaurieren" und Frauen "wieder auf einen untergeordneten Platz in der sozialen Hierarchie zurückzuverweisen", erklärt Kaiser. "Incels" initiieren und steuern Droh- und Hasskampagnen in den sozialen Medien gegen Frauen, die selbstbewusst öffentlich Stellung beziehen, sei es als Politikerinnen, Kabarettistinnen oder Fußballkommentatorinnen. Auch Männer, die Gewalt- und Terrorakte begingen, bezeichneten sich offensiv als "Incels".

Das frauenfeindliche Gedankengut solcher Bewegungen wirke über extremistische Chatgruppen hinaus inzwischen mehr und mehr in den politischen Diskurs hinein, beobachtet Kaiser. Populistische Parteien versuchen aus Attacken gegen einen vermeintlichen "Genderwahn" oder die LGBTQ-Community, politisch Kapital zu schlagen. Zugleich schwören sie ihre Gefolgschaft auf ein traditionelles Verständnis von Männlichkeit ein.

So rief Björn Höcke von der AfD der versammelten Menge während einer Rede in Erfurt im Herbst 2015 zu: "Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft, und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft – und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde."

Prekarisierung der Arbeit trifft Männer empfindlich

Weshalb verfangen derartige Appelle in einer Gesellschaft, die seit Langem die Gleichberechtigung der Geschlechter und die individuelle Freiheit der Lebensgestaltung hochhält, bei einem überraschend hohen Anteil der Wählerinnen und Wähler? Welche Faktoren begünstigen ein Klima, in dem nicht nur rechte Populisten, sondern zum Beispiel auch konservative Stimmen innerhalb der katholischen Kirche beklagen, dass die Bedeutung der Familie nachlasse, dass Familienbande zerreißen, und dafür in erster Linie Frauen die Schuld geben, denen der "Spagat zwischen Karriere und Familie" nicht gelinge?

Susanne Kaiser sieht eine wesentliche Ursache dafür in einer fundamentalen Verunsicherung in Bezug auf die Rollen der Geschlechter. Zwar präge männliche Vorherrschaft in vielen Lebens- und Arbeitszusammenhängen nach wie vor die Art und Weise, wie Mitsprache, Entscheidungsgewalt, Status und ökonomische Verhältnisse verteilt seien. Aber gleichzeitig sei diese Ungleichheit noch nie so stark infrage gestellt worden wie heute.

"Das Männliche ist nicht mehr die Norm", sagt Kaiser. "Es wird plötzlich erklärungsbedürftig, und Frauen und politische Minderheiten geben sich eben nicht mehr damit zufrieden, irgendwie mitgemeint zu sein, sondern die wollen selber eine Rolle spielen." Gleichzeitig würden Männer von der zunehmenden Globalisierung und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse seit den 1990er-Jahren in ihrer Identität besonders hart getroffen.

Gleichberechtigung ist kein Nullsummenspiel

"Männer sind diejenigen, die durch dieses doch immer noch sehr weit verbreitete Männlichkeitsideal die Kontrolle haben müssen, stark sein müssen, die Ernährer sein müssen", so Kaiser. Und wenn sie das nicht mehr können, einfach weil ihr Arbeitsverhältnis so prekär geworden ist, dass das Gehalt zum Beispiel nicht mehr für die ganze Familie reicht, Frauen eben auch arbeiten gehen müssen, arbeiten wollen und so weiter, dann verunsichert das."

Ein fatales Missverständnis besteht aus Kaisers Sicht darin, dass verbitterte Männerrechtler den Feminismus als eine Art "Nullsummenspiel" begreifen: "In dem Moment, wo Frauen mehr Rechte erlangen, müssen die irgendjemand anderem weggenommen werden – und das sind dann die Männer." Dabei wolle Feminismus, richtig verstanden, "für alle Menschen gerechte Zustände erwirken", sagt Kaiser. Und davon könnten auch Männer profitieren:

"Wenn sie nicht mehr dieses eine Männlichkeitsideal erfüllen müssen und zum Beispiel auch in Elternzeit gehen können, ohne dass sie Angst haben müssen, dass sie danach ihren Job verlieren, oder genauso für ihre Kinder da sein können, ohne dass gleich ihr männliches Ansehen sinkt. In dem Moment, wo wir Gleichberechtigung haben, gewinnen ja alle mit, weil es eben kein Nullsummenspiel ist."

(fka)

Porträt der Journalistin und Politikwissenschaftlerin Susanne Kaiser vor einem Haus mit Bruchsteinwand (Susanne Kaiser) (Susanne Kaiser)Susanne Kaiser, geboren 1980, ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin, Sachbuchautorin und politische Beraterin. Sie schrieb ihre Doktorarbeit über das postkoloniale Afrika und arbeitet als freie Autorin unter anderem für den Spiegel, die Zeit und die Neue Zürcher Zeitung.


Susanne Kaiser: "Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen"

Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
268 Seiten, 18 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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