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Reportage / Archiv | Beitrag vom 16.06.2014

MännerbündeSäbelrasseln auf der Wartburg

Kontroversen um Verbandstreffen der Deutschen Burschenschaften

Von Henry Bernhard

Umstritten: Die Deutsche Burschenschaft trift sich auf der Wartburg.  (dpa / Martin Schutt)
Umstritten: Die Deutsche Burschenschaft trift sich auf der Wartburg. (dpa / Martin Schutt)

In Thüringen findet ein dreitägiges Verbandstreffen der Deutschen Burschenschaften statt. Immer wieder gibt es Kritik an deren politischer Ausrichtung. Jetzt hält die Stadt bewusst dagegen - und veranstaltet zeitgleich eine wissenschaftliche Tagung zum Thema "Rechte Burschen".

"Es marschiert ein: Die Fahne der Urburschenschaft. Es chargiert ein: Die Braunschweiger Burschenschaft Thuringia."

Ein kleiner Bursche mit militärisch kurz geschnittenem Haar, schmalen Augen, im Anzug mit bunter Kappe auf dem Kopf steht am Rednerpult und lässt 12 junge Männer aufmarschieren, mit Fahnen und Säbeln, im Samtwams mit kniehohen Stulpen. Hüte mit Federbüschen auf dem Kopf. Einmal aufmarschiert halten sie ihre Säbel so vor sich, dass der Handschutz sie gesichtslos macht. Ein Zufall, sicher.

"Chargen! Versorgt die Schläger!"

Als sie ihre Säbel in die Scheiden stecken, tauchen die Gesichter wieder auf. Kindergesichter, die erwachsen spielen. Nur nichts falsch machen. Ein paar haben schon ein Schmiss auf der Wange.

Unten, bei den alten Herren, gibt es einige regelrecht zerfleischte Gesichter. Philip Hentschel aus Köln hat mehrere schmale Narben an der Schläfe:

"Die Mensur, die schweißt zusammen. Es ist natürlich nicht angenehm, auf Mensur zu stehen. Man ist hochgradig angespannt; nach der Mensur ist es dann umso schöner, dass es vorbei ist, dass jeder dieses Gefühl einmal hatte, mindestens; das schweißt innerhalb des Bundes ungemein zusammen, und innerhalb des Dachverbandes wäre das natürlich auch so gewesen."

Aber der Deutsche Burschentag hat sich am Wochenende anders entschieden: Es bleibt dabei, dass die Mensur, das Schlagen, für die Mitgliedsbünde nicht zur Pflicht erklärt wird. Rodja Bartholomäus aus Marburg, ein Dauergast seit Jahren, erklärt die Zurückhaltung:

"Wir haben uns im Moment auch, was politische Themen betrifft, sehr zurückgenommen. Wir haben natürlich unsere politischen Überzeugungen, die sind in unserer Verfassung festgelegt, aber das muss nicht immer bedeuten, dass man das immer zu einem tagespolitischen Thema ummünzt, um sich dann darüber zu zerstreiten."

Mitgliederschwund beim Dachverband

Die verbliebenen 74 Mitgliedsbünde der Deutschen Burschenschaft sind vorsichtig geworden: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Anzahl der Bünde im Dachverband praktisch halbiert. Allein 41 Bünde haben die Deutsche Burschenschaft in den vergangenen zwei Jahren verlassen, als die Diskussion um den sogenannten "Arier-Paragraphen" die Burschentage fast zerriss. Es ging um die Frage, wer deutsch ist und wer Mitglied in einer Burschenschaft werden darf. Und um die Frage, ob der Nazi-Gegner Dietrich Bonhoeffer ein "Vaterlandsverräter" sei. Übrig geblieben sind die rechtskonservativen und – so meinen Kritiker und auch der Verfassungsschutz – einige rechtsextreme Bünde.

"Ist ein bißchen bitter. Die Kritiker haben natürlich nicht unrecht. Der harte Kern ist übrig geblieben und tritt nunmehr natürlich wesentlich stärker in Erscheinung. Es ist mehr eine kleine, heimelige Runde, in der man sich wohlfühlt. Das ist so ein trotziges 'Es geht weiter!'. Es geht jetzt darum, dass wir uns festigen und dass keine neuen Austritte stattfinden."

Um die 200 Studenten und alte Herren stehen am Fuß des Burschenschaftsdenkmals in Eisenach, einem 33 Metzer hohen, wilhelminischen Klotz aus Muschelkalk. Eigentlich sollte der Festakt auf der Wartburg stattfinden, so wie jedes Jahr, aber der Stiftungsrat hatte die Burschen wegen des Rechtsschwenks kurzfristig ausgeladen. Sie seien nicht mehr "repräsentativ" und "akzeptabel". Der Sprecher der Burschen, Gordon Engler, ist sauer:

"Ja, das ist jetzt natürlich ein Ärgernis. Der Festakt auf der Wartburg ist aber ein fester Programmpunkt der Deutschen Burschenschaft, und der muss es auch künftig wieder sein. Uns dort nicht willkommen zu heißen, halte ich für eine große Übeltat gegenüber der eigenen deutschen Geschichte."

Unten in der Stadt ziehen etwa 200 Gegendemonstranten durch die Straßen. Die meisten aus den großen Universitätsstädten im Westen. Viele schwarz vermummt, keiner ist zu einem Interview bereit. Was sie sagen wollen, kommt durch den Lautsprecher:

"Wir sind nach Eisenach gekommen, um unsere Kritik an Männerbünden auf die Straße zu tragen, um die Burschen nicht ungestört ihre Scheiße abziehen zu lassen, aber auch um einzufordern, dass eine Stadt wie Eisenach mit ihren sexistischen und nationalistischen Gästen auseinandersetzt. Dabei sollten alle was machen: Burschen aus den Betten schmeißen, ihnen ins Bier spucken! Denn solange Burschen sich hier wohl fühlen, man sie hier empfängt und bewirtet wie einen harmlosen Kaninchenzüchterverein, wird sich hier überhaupt nichts ändern. Das wollten wir eigentlich all die Jahre mal über loswerden."

Stadt veranstaltet zeitgleich wissenschaftliche Tagung

Die Stadt Eisenach positioniert sich zumindest offiziell: Die Oberbürgermeisterin Katja Wolf von der Linken hat zu einer wissenschaftlichen Tagung zum Thema "Rechte Burschen" eingeladen und will den Mietvertrag für die Tagungshalle der Burschen nicht verlängern, wenn er in drei Jahren ausläuft:

"Es geht nicht um die Burschenschafter an sich, sondern es geht um die Deutsche Burschenschaft. Die Entwicklung, die die Deutsche Burschenschaft in den letzten Jahren genommen hat, war für uns einfach nicht mehr akzeptabel. Also mit einem so gewaltigen Rechtsruck ist für eine Stadt irgendwann automatisch die Situation, dass wir sagen: Da können wir keine Gastfreundschaft mehr zeigen."

Der Fackelzug der rund 250 Burschen, wieder zum Burschenschaftsdenkmal. Nur ein paar hundert Meter Weg sind ihnen gestattet– es besteht Waldbrandgefahr, und sie müssen Eimer mit Wasser und Löschdecken mitführen. Ein wenig heroisches Bild. Und Walter Tributsch, der Pressesprecher der Deutschen Burschenschaft, unterstellt der Oberbürgermeisterin, die 1989 dreizehn Jahre alt war, eine SED-Vergangenheit:

"Also, von Eisenach fühlen wir uns auf jeden Fall gut behandelt, von den Eisenachern. Wir fühlen uns aber, ja, wie soll man sagen 'schlecht behandelt von der Politik' ist fast zu milde ausgedrückt. Wir finden uns eigentlich fast verfolgt von dieser Frau!"

Das Totengedenken der Burschen findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Aber man kann von weitem zuhören, wie sie der deutschen Opfer der beiden Weltkriege gedenken und andere Opfer nicht einmal erwähnen. Und man kann hören, wie sie ein Deutschland von der Maas bis an die Memel besingen.

 

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