Männer, Frauen, Macht

Von Burkhard Müller-Ullrich |
Wie schön, dass man in den letzten Wochen so vieles über die Franzosen zu lesen und zu hören bekam: wie sie leben, wie sie lieben und wie es ihre Präsidenten doch so anders treiben als unser Kanzler oder unsere Kanzlerin.
Das zumindest muss man Turbo-Sarko zugestehen: er hat mit seiner amourösen Eskapade mehr für den internationalen Kulturdialog getan als das Institut Français in einem Jahr. Jetzt wissen wir, dass die Mätressenwirtschaft im Elyséepalast eine jahrhundertelange Tradition hat und dass es in bürgerlichen Zeiten darauf ankommt, das, was unter der Decke geschieht, unter der Decke zu halten. Dies im Unterschied zu den prüden USA, wo man das, was man in Frankreich bloß nicht zeigt, grundsätzlich nicht macht, weshalb die Volksentrüstung über Bill Clintons Affäre von völlig anderer Art war als diejenige über Nicolas Sarkozy.

Das sind freilich keine wirklich neuen Erkenntnisse. Wer ein paar Filme von Claude Chabrol gesehen hat, weiß im Großen und Ganzen, wie Frankreich funktioniert. Und wer schon länger Zeitung liest, weiß auch, dass Sarkozys Vorgänger durchweg neben den Amtsgeschäften ihre Ehefrauen hintergingen – de Gaulle natürlich ausgenommen. Aber es fehlt noch etwas in dem Bild, etwas, das auch in Frankreich weder laut noch oft erzählt wird, obwohl man doch von François Mitterrand inzwischen einiges gewöhnt ist.

Der vor elf Jahren gestorbene Schriftsteller Jean-Edern Hallier gehörte zu den wenigen, die über Mitterrands Privatleben Bescheid wussten. Und er war der einzige, der das ungeschriebene Gesetz, dieses Wissen für sich zu behalten, brach. Er kokettierte öffentlich damit, dass er über des damaligen Präsidenten geheim gehaltene, aber schon weit fortgeschrittene Krebskrankheit, über dessen skrupellose Benutzung des Geheimdienstes zu persönlichen Zwecken und über dessen perfekt kaschiertes Doppelleben, dem die Tochter Mazarine entsprang, Bescheid wisse.

Da Hallier zum Zwecke der Polemik immer alles übertrieb – seine in den siebziger Jahren von Sartre mit gegründete Zeitschrift hieß nicht von ungefähr "L’Idiot International" (also "der internationale Idiot") – hielt sich die allgemeine Erregung über seine Andeutungen, Behauptungen und Enthüllungen in Grenzen. Aber er bekam ungebetenen Besuch von finsteren Gestalten, die klar im Auftrag der Staatsspitze handelten. Dass seine Telefone abgehört wurden, kam später ans Licht und wurde in 133 Fällen offiziell bestätigt. Im Herbst 1996, ein halbes Jahr nach Mitterrands Tod, beschuldigte Hallier dessen Außenminister Dumas in einem Buch, er habe ihn, Hallier, beseitigen lassen wollen. Ein Vierteljahr danach kam Hallier bei einem mysteriösen Fahrradunfall ums Leben.

In Anbetracht solcher Geschichten kann man Frankreich zu Sarkozys Exhibitionismus nur gratulieren. Gewiss besaß Mitterrand mehr Stilgefühl, aber was für Abgründe taten sich dahinter auf! Sarkozys aufdringliche Elysée-Erotik verschleißt den Staatsapparat jedenfalls weniger als das Geheimpolizei-Getue früherer Präsidenten. Und wer sagt eigentlich, dass 40 Jahre, nachdem die 68er die Sexualität als Politikum entdeckten, selbst ein so schwerfälliges Land wie Frankreich nicht reif sei für die öffentliche Inszenierung von Politsex oder Sexpolitik?

Selbst in England hat man ja solches unlängst erlebt, schließlich war Tony Blair der erste britische Premierminister seit 150 Jahren, der im Amt ein Kind zuwege brachte, und die Öffentlichkeit hat dies besonders vor dem Hintergrund der Tatsache, dass seine Frau Cherie schon 45 war, gewürdigt. Doch ganz unabhängig von der Frage der Fruchtbarkeit der Frau zählt die Zeugungsfähigkeit des Mannes zu seinen definitiven Machterlebnissen. Auf das lateinische Wort "potestas" gehen sexuelle Potenz und politische Macht gleichermaßen zurück.

In früheren Zeiten waren die Herrschenden auch die am meisten Zeugenden. Von dieser Gleichung hat sich dem modernen Mann zwar in trüben anthropologischen Tiefenschichten noch ein schwummriges Gefühl erhalten, aber das wird höchstens dann zum öffentlichen Thema, wenn so einer wie Tony oder Nicolas den Horizont aufreißt. Mit der den beiden eigenen hedonistischen Direktheit führten sie der Welt die Gültigkeit einer durch Epochen vergreisten Regententums in Vergessenheit geratenen Tatsache vor: Macht ist geil und macht geil.

Daran hat sich seit feudalistischen Vorzeiten wenig geändert. Die Bettgeschichten von Monarchen – bis heute der Kraftstoff einer ganzen Nachrichtenindustrie – haben überhaupt nichts Abwegiges, und das allgemeine Interesse daran ist das einzige, welches einem Fürsten von der Sache her zukommt. Das Wichtigste an jedem Adelsgeschlecht ist schließlich das Geschlecht. Die Zeugungsorgane der Adligen sind ihre Daseinsberechtigung schlechthin, und das Volk ist von jeher darauf verwiesen, sich mit ihrem Einsatz zu beschäftigen.

So gesehen, ist Sarkozy ein großer Traditionalist, bei aller Modernität der publizistischen Gestaltung seines geschlechtlichen Begehrens.


Burkhard Müller-Ullrich, geboren 1956 in Frankfurt am Main, studierte Philosophie, Geschichte und Soziologie. Schreibt für alle deutschsprachigen Rundfunkanstalten und viele Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er war Redakteur beim Abendstudio des Schweizer Radios, beim Schweizer Buchmagazin "Bücherpick" und Leiter der Redaktion "Kultur heute" beim Deutschlandfunk. Mitglied der Autorengruppe "Achse des Guten", deren Website www.achgut.de laufend aktuelle Texte publiziert.