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Weltzeit | Beitrag vom 16.11.2020

Machtwechsel in Oman Das schwierige Erbe des Sultans

Von Anne Allmeling

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Ein Einheimischer blickt auf den Hafen von Maskat an der Muttrah Corniche. (Getty Images / Mark Kolbe)
Blick auf den Hafen von Maskat - Omans Privatwirtschaft ist kaum entwickelt, die Arbeitslosigkeit hoch. (Getty Images / Mark Kolbe)

Am 18. November ist Nationalfeiertag im Oman – zum 50. Mal. Fast durchgängig regierte Qaboos bin Said Al-Said das Sultanat. Sein Nachfolger, Sultan Haitham, hat nun mit einem schwierigen Erbe zu kämpfen: geringe Öleinnahmen, zu hohe Staatsausgaben.

Die Flaggen wehen auf halbmast, die Menschen am Straßenrand recken ihre Hälse: Tausende Omaner versammeln sich am 11. Januar 2020 in der Hauptstadt Maskat, um Sultan bin Said Al-Said die letzte Ehre zu erweisen. Ein offener Land Rover fährt den Sarg des Sultans zur großen Moschee – eskortiert von Dutzenden Geländewagen.

Vielen Menschen steht die Trauer ins Gesicht geschrieben, einige wischen sich die Tränen aus dem Gesicht. Die meisten Omaner sind nie von einem anderen Staatsoberhaupt regiert worden – nur von Sultan Qaboos.

Sultan-Qaboos-Aufkleber auf einem Schaufenster in Salaah. (Getty Images / Corbis News / Eric Lafforgue/)Qaboos-Aufkleber an einem Schaufenster: Der Langzeit-Sultan war allgegenwärtig. (Getty Images / Corbis News / Eric Lafforgue/)

"Er war ein Vater für uns alle. Er hat uns geführt und das Land aufgebaut", sagt eine junge Frau.

Ein älterer Mann ergänzt: "Sultan Qaboos hat sehr viel getan – und zwar aus dem Nichts. Ich hatte gehofft, dass wir sein 50. Thronjubiläum erleben. Wir leben in Frieden. Vor Sultan Qaboos gab es das nicht."

"Er hat vor allem uns Frauen unterstützt. Ich glaube nicht, dass ein anderes Staatsoberhaupt in der Golfregion Frauen so gefördert hat wie er. Ohne seine Unterstützung wäre es uns unmöglich, zu reisen, zu studieren oder zu arbeiten", sagt eine andere Frau.

Ein halbes Jahrhundert Qaboos 

Fast ein halbes Jahrhundert stand Qaboos bin Said Al-Said an der Spitze des Sultanats Oman – länger als jeder andere Herrscher im Nahen Osten. Er brachte die verschiedenen Provinzen unter seine Kontrolle, befriedete die zerstrittenen Stämme und führte das abgeschottete Land in die Moderne. Auch international machte sich Qaboos einen Namen: als erfolgreicher Vermittler zwischen verfeindeten Nationen. In einer Region, die von Kriegen und Konflikten geprägt ist, blieben die Omaner unter seiner Herrschaft von Unruhen weitgehend verschont.

Bis zuletzt genoss der Monarch ein hohes Ansehen – im Nahen Osten und darüber hinaus. Doch seinem Nachfolger, Sultan Haitham, hat Qaboos ein schwieriges Erbe hinterlassen: Die Einnahmen aus der Erdölförderung reichen längst nicht mehr aus, um die üppigen Staatsausgaben zu finanzieren. Die jungen Menschen im Sultanat fordern Mitsprache, Jobs und Perspektiven. 50 Jahre nach Beginn der Renaissance in Oman muss der neue Sultan das Bildungssystem modernisieren, Arbeitsplätze schaffen, die Wirtschaft umgestalten – und sein Volk für schmerzhafte Reformen gewinnen.

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Mansoor Al-Shabibi packt seine Sachen zusammen. Der Bibliothekar mit dem grauen Bart und dem freundlichen Lächeln will nach Hause, zu seiner Frau und seinen sechs Kindern. Gerade einmal eine halbe Stunde braucht er, wenn er den Express Highway vom Vorort Halban ins 40 Kilometer entfernte Stadtzentrum nimmt. Al-Shabibi ist froh über diese schnelle Verbindung. Ende der 60er-Jahre, als er noch ein Kind war, hätte die Fahrt einen ganzen Tag gedauert.

Damals gab es im ganzen Land, das ungefähr so groß ist wie Italien, nur wenige Kilometer asphaltierte Straßen. Oman gehörte zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt.

Oman - ein Entwicklungsprojekt

"Wir haben nur sehr selten ein Auto gesehen", sagt er. "Es war sehr ruhig, vor allem in der Nacht. Nach Sonnenuntergang war es so still, dass man jeden Laut hören konnte, jede Stimme, jedes Wort, das gesprochen wurde. Es gab auch kein Licht. Wir haben Kerzen benutzt, Kerzen, die wir erst einmal selbst herstellen mussten."

Mansoor Al-Shabibi ist ungefähr 52 Jahre alt. Sein genaues Alter kennt er nicht. Er wuchs in Mussanah auf, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Maskat, an der Küste des Golfs von Oman. Sein Vater bewirtschaftete eine Farm, die zehn Kinder halfen beim Anbau von Datteln und Mangos. Eine Schule gab es nicht, aber ein Lehrer aus der Nachbarschaft brachte Mansoor und seinen Geschwistern den Koran bei.

"Er lehrte uns auch das Alphabet", erzählt er. "Wir haben die Buchstaben auf Kamel-Knochen geschrieben. Kamele haben einen großen Knochen im Rücken, flach, ein bisschen wie eine Tafel, und jedes Kind hat einen solchen Knochen zum Schreiben benutzt. Im Wald haben wir schwarze Kohle gesammelt, das war unser Stift."

Ein beschwerlicher Alltag, der viele Omaner dazu brachte, das Land zu verlassen und sich in den reicheren Nachbarstaaten eine Arbeit zu suchen. Bahrain, Qatar und Kuwait entwickelten sich schon in den 50er- und 60er-Jahren rasant. Doch in Oman herrschte Sultan Said bin Taimur, und der, so heißt es, fürchtete den Fortschritt. Sogar den Besitz von Radios und Sonnenbrillen soll er verboten haben.

Sein Sohn Qaboos verabscheute diese Rückwärtsgewandtheit. 1970 stürzte der 29-Jährige seinen Vater vom Thron.

Porträt von Qaboos bin Said Al-Said, Sultan von Muskat und Oman, in Militäruniform, um 1970. (Getty Images / Keystone / Hulton Archive)Qaboos bin Said Al-Said stürzte als 29-Jähriger seinen Vater vom Thron. (Getty Images / Keystone / Hulton Archive)

Wie viele arabische Prinzen war Qaboos an der britischen Militärakademie von Sandhurst ausgebildet worden. Die Briten waren es auch, die Qaboos dabei halfen, den eigenen Vater abzusetzen. Mit den Einnahmen aus der Erdölförderung, die in Oman in den 1960er-Jahren begonnen hatte, begann Qaboos, das Land zu entwickeln.

Dafür holte er viele Gastarbeiter nach Oman. Sie machen inzwischen mehr als die Hälfte der fast fünf Millionen Einwohner aus. Heute verfügt der östlichste Staat der arabischen Halbinsel über Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, eine Oper – und ein Straßennetz, das bis in den letzten Winkel reicht.

"Meine alte Schule ist heute klimatisiert.", sagt Mansoor Al-Shabibi. "Sie hat ein Computerlabor und Internet – es gibt alles. Wenn ich mit meinen Kindern dort vorbeikomme, sagen sie: Die ist ja richtig schön! Und ich sage: Ja, heute ist sie schön. Früher gab es nur ein Zelt mit ein paar Palmen."

Frauen auf dem Vormarsch 

Wie schnell sich das Land in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat – damit beschäftigt sich Jokha Alharthi. In ihrem Roman "Himmelskörper" erzählt die Schriftstellerin von einer Familie, die über drei Generationen den Wandel im Sultanat miterlebt: von einer traditionellen Stammesgesellschaft, in der Sklaven gehalten werden, zu einem modernen Ölstaat.

Einen Teil dieser Veränderungen hat die heute 42-Jährige selbst beobachtet: "Als in den 80er-Jahren die Sultan-Qaboos-Universität eröffnet wurde, zögerten einige Familien, ihre Töchter dorthin zu schicken. Denn die Universität liegt in der Hauptstadt Maskat und die Töchter müssen in einem Studentenheim übernachten. Ein paar Jahre später, in den 90er-Jahren, war es schon ganz normal, dass alle Mädchen zur Uni gehen können. Und im 21. Jahrhundert ist es völlig selbstverständlich, dass die Studentinnen im Ausland studieren und Stipendien für Australien, Großbritannien und die USA bekommen. Für die meisten Familien ist das eine ganz normale Sache. Das heißt: Die Veränderungen auf dem Gebiet der Bildung der Frauen sind sehr schnell gegangen."

Als einer von wenigen Herrschern im Nahen Osten setzte sich Sultan Qaboos für die Förderung der Frauen ein. Jokha Alharthi profitierte davon: Sie hat eine hervorragende Ausbildung, schreibt Bücher und arbeitet als Dozentin für arabische Literatur an der bedeutendsten Hochschule des Landes. Außerdem kümmert sie sich um ihre drei Kinder. Wie viele Frauen im Sultanat ist sie traditionsbewusst, trägt ein langes dunkelblaues Kleid und ein helles Kopftuch.

Von Äußerlichkeiten, sagt sie, solle man sich aber nicht täuschen lassen: "Oman hat einige traditionelle Seiten, aber auch moderne. Im Vergleich mit vielen anderen arabischen Staaten, die ich bereist und in denen ich Freunde habe, ist die Stellung der Frau in Oman besser. Wir sind viel offener, auch wenn es nach außen so scheint, als seien wir konservativ."

Frau in schwarzem Abaya-Kleid läuft  auf den Bogen in der berühmten Großen Moschee des Sultans Qaboos in Maskat zu. (Getty Images / Mlenny)Große Moschee des Sultans Qaboos in Maskat: "Oman hat einige traditionelle Seiten, aber auch moderne", sagt Jokha Alharthi. (Getty Images / Mlenny)

Mit ihrem Roman "Himmelskörper" ist Jokha Alharthi eine kleine Sensation gelungen: Im Jahr 2019 wurde sie – zusammen mit ihrer Übersetzerin – mit dem britischen Literaturpreis Man Booker International ausgezeichnet. Damit ging der Preis zum ersten Mal in die arabische Welt – und noch dazu an eine Frau.

Ohne Sultan Qaboos, meint Mansoor Al-Shabibi, wäre diese Entwicklung nicht möglich gewesen. Der Bibliothekar macht keinen Hehl aus seiner Verehrung für den verstorbenen Monarchen, für dessen Weitsicht und Großzügigkeit.

Zu viel Staat, zu wenig Privatwirtschaft

Dabei steckt das Sultanat schon seit Jahren in Schwierigkeiten. Denn der Staat gibt inzwischen weit mehr Geld aus, als er mit der Erdöl-Förderung einnimmt. Die Staatsverschuldung macht mittlerweile etwa die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts aus.

Alternative Einkommensquellen gibt es wenig: Die Privatwirtschaft ist kaum entwickelt, die Arbeitslosigkeit hoch. Mansoor Al-Shabibi weiß nicht, ob seine Kinder später die Möglichkeit haben werden, eigenes Geld zu verdienen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Im Souk in der Hauptstadt Maskat (Anne Allmeling)Im Souk in der Hauptstadt Maskat: Das Sultanat steckt in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. (Anne Allmeling)

Omans junge Generation hat sich in Schale geworfen: Die Frauen tragen schwarze Abbayas, die Männer lange, weiße Gewänder. In einem Konferenzzentrum am Rande von Maskat präsentieren Schüler und Studenten aus allen Teilen des Sultanats ihre Geschäftsideen. Der Wettbewerb soll ihnen Lust aufs Unternehmertum machen. Aya und ihre Freundin kommen aus einem Dorf im Landesinneren, etwa zwei Autostunden von der Hauptstadt entfernt.

"Wir haben ein Gewächshaus entwickelt, das man mit dem Handy steuern kann", erklärt Aya. "Es ist nicht ganz fertig, wir arbeiten noch daran. Es gibt zum Beispiel Sensoren, die die Temperatur überprüfen."

Wenn das gelingt, könnte die Idee der beiden jungen Frauen Wirklichkeit werden – und aus dem Projekt eine privat geführte Firma. Neue Arbeitsplätze kann das Land gut gebrauchen. Unter der Herrschaft von Sultan Qaboos ist die Bevölkerung in Oman stark gewachsen. Viele Omaner, die im Ausland gelebt hatten, kehrten nach seiner Machtübernahme in ihre Heimat zurück, um beim Aufbau des Landes zu helfen. Als die beliebtesten Posten besetzt waren, wurde die öffentliche Verwaltung Jahrzehnte lang immer weiter ausgebaut, um möglichst viele Omaner mit Stellen zu versorgen.

"Unser Verwaltungsapparat ist sehr groß. Das ist eins der größten Probleme. Zwischen 70 bis 75 Prozent unserer gesamten Öleinnahmen, unserer größten Einnahmequelle, gehen in die Gehälter für die Beamten. Was übrig bleibt, ist sehr wenig. Deshalb haben wir ein riesiges Defizit in unserem Staatshaushalt – und das wächst. Darauf müssen wir achtgeben", sagt der Wirtschaftsexperte Murtadha Hassan Ali.

Neue Prioritäten in der Bildung 

In den Branchen, die den Omanern wenig attraktiv erscheinen, arbeiten vor allem Inder, Pakistaner und Bangladescher. In Oman verdienen sie mehr als in ihren Heimatländern, bekommen aber viel weniger Geld als die Einheimischen. Die würden sich vor allem für Beamten- und Managerposten interessieren, sagt Haji Al-Balushi, Leiter des National College of Automotive Technology in Maskat. 

"In den arabischen Ländern wollen die meisten Eltern für ihre Kinder einen Uni-Abschluss", erklärt er. "Aber der Markt sagt: Die werden gar nicht gebraucht. Wir brauchen Leute mit handwerklichen Fähigkeiten. Manche Eltern verbieten ihrem Kind aber, als Kellnerin oder als Koch in einem Hotel zu arbeiten. Oder als Klempner oder Monteur. Sie sehen ihre Kinder lieber im Militär oder in der Verwaltung. Ich glaube, das ist jetzt der richtige Zeitpunkt für die Regierung, das Bildungssystem zu reformieren und den jungen Leuten klar zu machen: Hier gibt es gute Jobchancen."

Dabei hatte die Regierung in Maskat das Problem bereits in den 80er-Jahren erkannt. Im Rahmen der sogenannten Omanisierung sollten freie Stellen an Omaner vergeben werden mit dem Ziel, die Abhängigkeit des Landes von Gastarbeitern zu reduzieren und die Privatwirtschaft zu stärken. So sollte zum Beispiel die Kleinindustrie gefördert werden, der Tourismus und die Landwirtschaft.

Der Viehmarkt in Nizwa. (Anne Allmeling)Viehmarkt in Nizwa - die Tiere stammen aus allen Teilen Omans. (Anne Allmeling)

Kleine weiße Schafe, kräftige schwarze, geschorene Schafe mit dickem Fell – die Tiere auf dem Viehmarkt in Nizwa stammen aus allen Teilen des Sultanats.

Männer in langen Gewändern und mit weißer Kopfbedeckung tragen Lämmer auf dem Arm, ziehen alte Böcke hinter sich her, immer im Kreis. Interessenten bilden eine Gasse, begutachten die Wiederkäuer, schätzen ihren Preis.

Abdallah Said Al-Sabbary weiß, worauf es ankommt: "Am besten überprüft man die Schafe mit den bloßen Augen. Man muss ihnen auf die Zähne schauen. Es gibt bestimmte Kriterien für ein gutes Schaf. Ich mache das seit meiner Kindheit. Seitdem komme ich regelmäßig zum Markt – jede Woche."

Al-Sabbary züchtet Schafe auf seiner Farm. Die Tiere bietet er dann einem Makler an. Der führt sie auf dem Markt in Nizwa vor, verkauft sie an den Meistbietenden. Zwischen 20 und 80 Rial kostet ein Schaf – also 40 bis 160 Euro.

"Die Bergschafe sind die besten", erklärt er. "Wir haben hier mehrere Rassen: die von den Beduinen, aber auch Bergschafe und Schafe aus Salalah. Manche wurden importiert. Aber die besten Schafe kommen vom Berg Jebl Akhdar. Sie haben ein gutes Gewicht und werden nicht so leicht krank. Sie sind kräftiger und größer, das Fleisch schmeckt besser, und sie geben auch mehr Milch."

Ein beliebtes Ziel für Touristen

Dicht an dicht drängen sich Käufer und Verkäufer – bis in die erste Reihe. Morgens früh um sieben beginnt die Auktion – auch an diesem Freitag im Februar, lange vor dem Mittagsgebet, als die Sonne noch erträglich ist. Der traditionelle Viehmarkt in der Oasenstadt Nizwa, knapp 200 Kilometer von Maskat entfernt, lockt nicht nur Omaner an. Vor Beginn der Corona-Krise beobachteten auch viele Touristen das Spektakel.

"Das ist wunderbar", sagt eine Touristin. "Es ist märchenhaft, ein bisschen orientalisch, ganz viele besondere Eindrücke, jetzt gerade hier auf dem Viehmarkt, wie die hier ihre Runde laufen, eine Runde – ich sage jetzt mal: Eine Viertelstunde die Kühe, dann kommen eine Viertelstunde die Ziegen, dann kommen eine Viertelstunde die Schafe, es ist wunderbar. Und die Leute zu sehen, wie die handeln, und – da vorne ist so eine Frau, die sagt immer ihrem Mann, wo er hingehen muss, und das will ich haben, und die verhandeln. Also das ist ganz, ganz schön, also ganz viele besondere Eindrücke."

Wenige Meter vom Viehmarkt entfernt geht es gemächlicher zu. Auf einem Markt kaufen die Omaner Zwiebeln, Tomaten, Auberginen. Touristen stöbern nach Silberschmuck und edlen Stoffen. Im Schatten eines Gebäudes hat ein Händler eine Matte ausgebreitet. Wer bei ihm vorbeischaut, bekommt eine winzige Tasse Kaffee, gewürzt mit Kardamom.

Die Menschen in Nizwa sind stolz auf ihre Traditionen. Ein Grund dafür, warum Suleiman bin Mohammed bin Suleiman Al-Suleiman eine besondere Initiative unterstützt. Voller Begeisterung führt der 30-jährige Geschäftsmann durch ein Gebäude in der Altstadt. Sein Ziel: Alte Gebäude renovieren, öffentlich zugänglich machen oder in Gästehäuser umwandeln.

Porträt vom Geschäftsmann Suleiman Al-Suleiman in einem historischen Wohnhaus in Nizwa. (Anne Allmeling)Geschäftsmann Suleiman Al-Suleiman in einem historischen Wohnhaus in Nizwa. (Anne Allmeling)

"Diese Häuser sind nicht nur historische Attraktionen", sagt er. "Sie haben auch viele Vorteile, zum Beispiel sind sie im Sommer kalt und im Winter warm. Sie bringen auch die Familie zusammen, denn es handelt sich um kleine Häuser mit einfachen Räumen und einem Wohnzimmer in der Mitte. Das bringt die Familie zusammen – anders als in den heutigen Gebäuden. Die sind sehr groß, sodass die Familienmitglieder fast nur über Mobiltelefone miteinander kommunizieren."

Tourismus soll Öleinnahmen kompensieren

Wenn es nach Suleiman Al-Suleiman geht, sollen hier bald Touristen übernachten – wie früher die Familien, nur mit etwas mehr Komfort. Oman hat sich in den vergangenen Jahren zu einem beliebten Urlaubsziel entwickelt. Die Kombination aus traditioneller Kultur und exklusiven Luxushotels kommt bei den Gästen aus dem Ausland gut an. Auch Wüstentouren, Tauchurlaube und Kreuzfahrten sorgten bis Anfang 2020 für steigende Besucherzahlen.

Im März sollte Oman das offizielle Partnerland der Internationalen Tourismus Börse in Berlin sein – doch dann wurde die Messe abgesagt und der Ausbruch der Corona-Pandemie brachte den Tourismus im Sultanat vollständig zum Erliegen. Die fehlenden Einnahmen aus der Ölförderung werde die Branche so auf absehbare Zeit nicht kompensieren können.

Weihrauch aus dem Süden des Landes, traditionelle Tücher aus Salalah, Schmuck aus Ostafrika: Auf dem kleinen Souk von Mattrah preisen Händler ihre Waren an. Das Angebot richtet sich vor allem an Besucher aus den Nachbarländern.

"Ich wollte eigentlich gar nichts kaufen, aber jetzt war ich für ungefähr 300 Euro shoppen: omanische Kleidung, also Dischdascha und Keffieh, für meine Neffen. Und ich habe Weihrauch gekauft, denn dafür ist Oman berühmt", sagt Aziz aus Saudi-Arabien.

Ein paar Schritte weiter lässt sich Mokhtar aus dem Iran verschiedene Andenken zeigen: "Oman ist sehr angenehm, weil es hier so entspannt ist. Die Leute sind sehr freundlich, gerade auch zu uns Persern. Alle helfen einem. Wenn du Hilfe brauchst, helfen die Omaner dir."

Das Sultanat gehört zu den wenigen Ländern im Nahen Osten, in denen Menschen aus Saudi-Arabien und Iran nebeneinander einkaufen gehen oder im Restaurant sitzen können. Zu beiden Regionalmächten unterhält Oman gute Beziehungen. Die Mehrheit der omanischen Muslime sind Ibaditen, zählen sich also weder zu den Sunniten noch den Schiiten – ein Grund, warum Sultan Qaboos sein Land aus den konfessionalisierten Konflikten konsequent heraushielt. Auch nach der Islamischen Revolution im Iran ließ er den Kontakt zu Teheran nicht abreißen, sondern spielte zeitweise sogar die Rolle eines Vermittlers zwischen den Mullahs und den USA.

Sein Nachfolger Haitham bin Tariq will diese Politik fortführen: "Seit Generationen hissen wir unsere Flagge und stellen sicher, dass Omans friedliche Botschaft in der Welt Gehör findet: Aufbauen statt zerstören, sich einander annähern statt sich zu entfremden – und wir streben danach, diesen Kurs fortzusetzen."

Neustart unter anderen Vorzeichen

Als Haitham bin Tariq Anfang Januar als neuer Sultan vereidigt wurde, war er den Omanern bereits bekannt: als ehemaliger Kulturminister und jüngerer Cousin von Qaboos. Schon lange war Haitham als ein möglicher Nachfolger gehandelt worden. Doch dass er auch der Favorit von Sultan Qaboos war, wusste man erst, als nach dem Tod des Monarchen ein hinterlegter Brief geöffnet wurde.

Mit der Vereidigung Haithams als neuem Sultan gingen auch die Posten des Premierministers, Oberbefehlshabers der Streitkräfte, Verteidigungsministers, Finanzministers und Außenministers auf ihn über. Diese Machtfülle habe sich sein Vorgänger Qaboos einiges kosten lassen, sagt Jürgen Werner. Der ehemalige Prorektor der deutschen Universität in Maskat hat viele Jahre in Oman gelebt.

"Die Garantie für das Funktionieren des Staatswesens in Harmonie mit der Tradition ist erkauft", erklärt er. "Aber wenn kein Geld mehr da ist, um es zu erkaufen, dann fallen die auch ganz schnell wieder in ihre tribalen Strukturen zurück. Ich fürchte, ganz ehrlich: Oman ohne Geld ist wie Jemen."

Im Nachbarland kämpfen arabische Stämme um die Macht. Seit mehr als fünf Jahren herrscht Bürgerkrieg. Das Eingreifen einer internationalen Militärkoalition unter saudischer Führung hat das Leid der jemenitischen Bevölkerung noch vergrößert. Um solche Konflikte zu vermeiden, wird Sultan Haitham Zugeständnisse machen und zumindest einen Teil seiner Macht abgeben müssen. Bereits ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt hat er die Verantwortung für das Außen- und das Finanzministerium abgegeben – ein Hinweis darauf, dass er die omanische Regierung modernisieren will.

Dennoch wird sich das Sultanat in absehbarer Zeit nicht in eine Demokratie verwandeln: Wegen der hohen Staatsverschuldung ist Oman auf finanzielle Hilfe aus anderen Golf-Monarchien angewiesen und wird sich verpflichtet fühlen, im Einklang mit den Nachbarländern zu handeln. Vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien, beide reich und konservativ, zeigen bislang aber kein Interesse daran, ihrem eigenen oder dem omanischen Volk mehr Mitsprache zuzugestehen.

Omani Sultan Haitham bin Tarik Al-Said trifft in Maskat den Außenminister Qatars Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani. (Getty Images / Anadolu / Qatari Foreign Ministry)Omani Sultan Haitham bin Tarik Al-Said (r.) beim Treffen mit dem Außenminister Qatars Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani (Getty Images / Anadolu / Qatari Foreign Ministry)

Als neuer Herrscher im Sultanat Oman werde es Haitham nicht leicht haben, meint Jürgen Werner:

"Der Qaboos, der hat bei nichts angefangen und dementsprechend stark ist dieses Entwicklungsmoment. Haitham fängt in einer Zeit an, wo es dem Land nicht besonders gut geht, der Ölpreis am Boden ist – also der Ölpreis reguliert nun mal die Volkswirtschaft Omans, da ist nicht viel anderes. Qaboos hat das Land aus dem Mittelalter geführt, und Haitham muss sich mit ganz normalen Problemen rumschlagen."

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