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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 19.08.2020

Lyriker Nevfel CumartDer Gedichtefänger

Moderation: Marco Schreyl

Nevfel Cumart steht vor eine Schultafel. (Homepage Nevfel Cumart)
Nevfel Cumart bei einer Schreibwerkstatt in einer Schule: Er selbst verfasst Gedichte, seit er 17 Jahre alt ist. (Homepage Nevfel Cumart)

Schon als Kind versuchte Nevfel Cumart, Sohn türkischer Einwanderer, zwischen den Kulturen zu vermitteln. Als Teenager schrieb er Gedichte, um Identitätskonflikte zu überwinden. Inzwischen sind 19 Lyrikbände von ihm erschienen.

Aufgewachsen ist Nevfel Cumart in den 1960er-Jahren auf der Halbinsel Krautsand hinter der niedersächsischen Stadt Stade. "Man war nicht am Ende der Welt, aber man konnte es von da aus sehr gut sehen", erinnert er sich.

"Für uns Kinder war das natürlich ein Paradies. 'Ich war, glaub’ ich, selten Gott so nah', habe ich mal in einem Gedicht geschrieben. Ich bin nicht in einer Großstadt aufgewachsen und habe mit sechs Jahren gelernt, S-Bahn zu fahren, sondern ich bin auf Ponys geritten ohne Sattel, ohne Angst, habe Birnen und Äpfel gepflückt und hatte ein schönes Leben. Bis die Sturmflut kam."

Tsunami knapp überlebt

Zweimal hat Wasser das Leben des Lyrikers Nevfel Cumart existenziell bedroht. Beim ersten Mal kam es sehr langsam, als 1973 die Sturmflut die Lebensgrundlagen seiner Familie auf der Halbinsel Krautsand zerstörte. Danach zog er mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern in eine Wohnsiedlung. "Da ging es dann sehr beengt zu. Das waren vier große Wohnblöcke, alles türkische und kurdische Familien", erzählt er.

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Beim zweiten Mal kam das Wasser sehr schnell: Im Dezember 2004 war Cumart in seinem Hotelzimmer in Sri Lanka als der Tsunami heranrollte. "Ich hatte sehr viel Glück. Wir haben als Familie überlebt. Das haben viele nicht. Sri Lanka hat es sehr übel getroffen. Innerhalb von fünf Minuten sind 36.000 Menschen gestorben. Das war eine sehr große Katastrophe."

Kindheit ohne Bücher

In seiner Familie habe es keine Bücher gegeben, erzählt Cumart. Die gesamte Kinder- und Jugendliteratur sei an ihm vorbeigezogen. "Ich habe sie dann später noch alle nachgelesen, weil ich dachte, ich habe sehr viel verpasst." Als kleiner Junge bat er die Mutter eines Freundes, sich das 24-bändige Brockhaus Enzyklopädie zum Lesen ausleihen zu dürfen.

"Ich hatte keine Ahnung, dass man kein Lexikon liest", erinnert er sich. "Die hat mir natürlich kein Lexikon mitgegeben, die hat mir das Buch von James Fenimore Cooper mitgegeben, der 'Lederstrumpf - Der letzte Mohikaner', das war mein erstes Buch." Seine Mutter habe nie lesen und schreiben gelernt und ihr Leben lang nicht eine einzige Zeile von dem gelesen, was ihr Sohn geschrieben hat. "Sie wusste sowieso nicht so genau, was ich mache. Das war jenseits ihrer Welt."

Aufgewachsen in zwei Familien

Die Erziehung seiner Eltern sei "sehr streng" gewesen, sagt Cumart. "Ich habe meinen Vater Zeit seines Lebens gesiezt. Und früher haben wir auch immer die Hand der Eltern geküsst und an die Stirn geführt."

Mit 14 Jahren lernte er ein deutsches Ehepaar kennen, die für ihn bis heute seine "deutschen Eltern" sind. Von da an wuchs er nicht nur in den unterschiedlichen Kulturen, sondern buchstäblich in zwei unterschiedlichen Familien auf. "Meine deutschen Eltern haben mir so viel geholfen, ohne die säße ich wahrscheinlich heute nicht hier."

Seit Nevfel Cumart 17 Jahre alt ist, schreibt er Gedichte. Dabei habe er aber kein Publikum als Adressat vor Augen. "Ich habe einfach drauflos geschrieben und es war mir unerheblich, ob die Texte jemandem gefallen oder nicht, ob sie irgendwelchen formalen Ansprüchen genügen oder nicht. Ich habe Zeit meines Lebens immer nur für mich geschrieben. Eigentlich bin ich ein Gedichtefänger. Ich warte auf die Inspiration und fange sie dann ein."

Coronakrise: "Es fehlt eine sinnstiftende Betätigung"

Die Coronakrise hat Nevfel Cumart den Boden unter den Füßen weggezogen. All seine Veranstaltungen wurden für acht Monate abgesagt.

"Ich bin Künstler. Das ist eine verheerende Situation", sagt er. "Es geht nicht nur um das Geld. Es fehlt einem auch eine sinnstiftende Betätigung. Vier Wochen nichts zu machen ist schön. Es gibt vieles auf dem Schreibtisch, was man aufarbeiten kann, aber nach fünf Monaten ist das ganz hart und wenn noch drei weitere Monate da sind, dann wird das schon sehr kritisch. Auch emotional kritisch, psychisch sehr kritisch."

(ruk)

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