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Religionen / Archiv | Beitrag vom 14.06.2014

LyrikPoesie aus der Psychiatrie

Jacobo Fijman wurde mit neurotischen Depressionen in die Psychiatrie eingewiesen

Von Étienne Roeder

Im Psychiatriemuseum Riedstadt ist ein medizinisches Modell in Form eines halben, geöffneten Kopfes zu sehen. (dpa picture alliance/ Nicolas Armer)
Im Psychiatriemuseum Riedstadt ist ein medizinisches Modell in Form eines halben, geöffneten Kopfes zu sehen. (dpa picture alliance/ Nicolas Armer)

Jacobo Fijman gehörte einst zu den herausragenden Schriftstellern Argentiniens. Dann wurde er in die Psychiatrie eingewiesen. Ein langer Leidensweg begann, aber Gedichte schrieb er weiter.

"Und irgendwann begann er, sich schlecht zu fühlen und brach auf. Als ich ihn begleiten wollte, erklärte er mir, er wolle alleine gehen, die Jungfrau Maria würde ihn bald besuchen und ihn mit einem sanften Kuss auf die Stirn von seinem Leiden erlösen. Und so ließ ich ihn wieder gehen. 24 Stunden später öffnete ich ein Telegramm aus der Anstalt, in der er damals lebte. Man teilte mir mit, dass Jacobo Fijman verstorben sei."

Deine Seele singt, meine betet.
Es springt dein Gesang, es fliegt mein Gebet,
vereint in Christus.
Im süßen Duft der Todesengel.
Und tief in mir der kalte Wind,
der Flammenwind,
tief in mir.
Und die Kälte der Tage mit ihren Nächten,
und die Kälte der Leben und der Tode.
Deine Seele singt, meine betet.

Als seine Dichterfreunde ihn am 1. Dezember 1970 begruben, war Jacobo Fijman 72 Jahre alt. Die letzten 28 Jahre seines Lebens hatte er im neuropsychiatrischen Hospital Borda in Buenos Aires verbracht. Dieser Mann, der 1898 im rumänischen Uriff als Sohn jüdischer Eltern geboren wurde und vierjährig mit ihnen nach Argentinien kam, gehörte einst zu den herausragendsten Schriftstellern Argentiniens. Sein Tod setzte einem leidvollen Martyrium, das von Ausschluss und Einsamkeit geprägt war, ein erlösendes Ende.

"Fijman ist für mich eine symbolhafte Figur. Sein persönlicher Leidensweg war enorm, und doch schaffte er es, sein persönliches Leid zu überwinden und es in der Poesie -wie es Freud ausdrücken würde - für die Menschheit als Ganzes positiv zu veredeln."

Vicente Zito Lema, der heute ein angesehener Theaterautor, Regisseur und Dichter ist, traf als junger Mann auf Jacobo Fijman. In den letzten Jahren bis zu Fijmans Tod verband beide eine innige Freundschaft. Zito Lema lebt heute in Buenos Aires und beschäftigt sich in seiner Theaterarbeit seit über 40 Jahren mit der Beziehung zwischen Kunst und Wahnsinn.

"Ich kenne alle Psychiatrien Argentiniens in- und auswendig. Als ich Fijman Mitte der 60er Jahre in einer dieser Einrichtungen kennenlernte, war ich schockiert. Das Essen, die Hygiene, die Unterbringung, es war einfach grauenhaft. Man behandelte die Insassen damals noch mit Elektroschock, weil man glaubte, ihr Verhalten mit elektrischen Schlägen im Gehirn verändern zu können. Jacobo litt furchtbar unter dieser Behandlung. Diese elektrischen Entladungen hinterlassen grauenhafte Spuren in der menschlichen Seele. Das ist eine unsägliche spirituelle Zerstörung. Es ist, als würde man dem eigenen Tod ins Auge blicken."

Und es entladen ihre Schläge
heisere Wehklagen.
Geschwollene Mienen;
Gläsern geweitete Augen
Die Haare des Schreckens stehen zu Berge.
Gott nähert sich in Irrenarztmontur.
Und erhängt meine Kehle
mit seinen riesigen sehnigen Händen;
und mein Lied windet sich in der Wüste.
Erbarmen!

In seinem Gedichtband Molino Rojo - zu deutsch Rote Mühle, den Fijman 1926 nach einem kurzen Aufenthalt in der Anstalt veröffentlicht, dunkelt es erschreckend aus den Abgründen seiner Seele empor. Seine Poesie glich einer mystischen Suche und strebte nach der Erfahrung einer unmittelbaren Beziehung zu Gott.

Die Abendmahle meiner Einsamkeit in düsterer Erschöpfung;
ewig wie Gott, vom Universum durchdrungen.
Kein Leichentuch ist seelenloser als das Selbst.
Ich bin bleich und nackt
ein Lazarus als Bräutigam verkleidet
ein lebendiges Totenhemd
weint in meiner Kehle
Und meine Hoffnungen fielen wie tote Tauben herab

Zum Zeitpunkt seines ersten Gedichtbandes gehörte Fijman zu einer aufstrebenden argentinischen Dichtergeneration. Der argentinische Literaturwissenschaftler Jorge Locane hat die poetischen Strömungen dieser Zeit und die Bedeutung Fijmans untersucht:

"Jacobo Fijman war in den 20er-Jahren Mitglied einer Zeitschrift und einer Gruppe, die Martín Fierro hieß. In dieser Gruppe waren auch wichtige Figuren, wie Jorge Luís Borges und Leopoldo Marechal. Seine Gedichte haben etwas Besonderes, seine Poesie hat immer einen musikalischen Aspekt."

Fijmans Poesie ist ohne sein Verständnis von Musik nicht zu durchdringen. Als begnadeter Violinist teilte er Musik generell in zwei Arten ein: Heretische und reine Musik. Wagner war für ihn satanisch. Dem gegenüber stand das Kyrie Eleison im gregorianischen Choral sowie die barocken Violinsonaten, die er liebte. Fijman schrieb nicht, er komponierte Poesie. Aus den italienischen Trisonaten des Barocks formte er Sonette seltener Schönheit. Das variationsreiche Skalenmodell der folia des späten 17. Jahrhundert wurde mit ihrer typischen Klangfolge von Mol zur Durtonart die Grundlage seiner Verse. Aus der vielleicht bekanntesten Folia des italienischen Barockkomponisten Arcangelo Corelli zog Fijman die harmonische Tonalität, die direkten Eingang in seine Versschemata fand.

1929, im Alter von 33 Jahren, konvertierte Jacobo Fijman zum Katholizismus, was ihm seine jüdischen Eltern nie verziehen. Er reiste ein zweites Mal nach Europa um ins Priesterseminar einzutreten, kehrte jedoch völlig verarmt und in miserabler geistiger Verfassung nach Argentinien zurück. Dennoch veröffentlichte er zwei weitere Gedichtbände, inspiriert von religiösen Briefmarken und dem Streben danach, das poetische Subjekt in der Gottsuche aufzulösen. Seine insgesamt drei Gedichtbände können in diesem Sinne exemplarisch als der dreifache Weg hin zur mystischen Erleuchtung verstanden werden. Durch die Reinigung, die Erleuchtung und die Vereinigung des Willens mit dem "Einen, jenseits aller Dinge", vollziehen seine Gedichte den Versuch vom Materiellen zum Geistigen aufzusteigen. Die erleuchteten Verse markieren gleichsam sein physisches Verschwinden und nach seinem letzten Gedichtband Morgenstern, der 1931 veröffentlicht wird, verliert sich seine Spur für Jahre. Manche seiner alten Freunde hielten ihn damals bereits für tot.

Zehn Jahre später - 1942 - wird Jacobo Fijman mit der Diagnose neurotische Depression mit Psychose endgültig in die psychiatrische Anstalt eingewiesen und richtet sich in der Klinik ein. Des Morgens pflegte er zu schreiben, nachmittags zeichnete er, abends spielte er den anderen Insassen auf der Violine vor. Die Skizzen, die er zu hunderten mit Kohle anfertigt, glichen sich: Ein Mann sitzt in einem zu eng gefassten Rahmen, der Bildrand drückt den Kopf hinunter zur Brust, die Hände ruhen zum Gebet gefaltet auf dem Schoss.

Mein Sein schlief gut wie ein Kind,
als die Irren ihre Lichter entzündeten
Jetzt ist er wach. Der Andere.
Er wandelt entlang meines grauen Flures
und atmet in meine Ritzen
und klopft an meine alten Wände
Sie ist sehr lang, die Nacht des Herzens
Wen soll ich rufen von diesem erhabenen
so einsamen Weg?
Ich bekreuzige mich, obwohl ich Jude bin.

"Jacobo Fijman hatte Zeit seines Lebens panische Angst davor, die Jungfrau könne ihm nach seinem Tode mit geöffnetem Schädel und blutüberströmt wie ein geschlachtetes Tier begegnen. Als man mir seinen Körper nicht übergeben wollte, besorgte ich mir einen Sarg und schlich des Nachts ins Leichenschauhaus. Und so stahl ich Jacobo Fijman und im Beisein einiger Dichterfreunde bahrten wir ihn im alten Haus der argentinischen Gesellschaft für Schriftsteller auf. In seiner Todesnacht las ich seine Gedichte vor und danach begruben wir ihn dort nach christlichem Ritus. So wie er es wünschte - in Körper und Geist unversehrt."

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