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Buchkritik | Beitrag vom 19.10.2019

Lyrik-Anthologie "Sternenlichtregen"Poetische Stillleben, verborgene Prosa

Von André Hatting

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Buchcover zu "Sternenlichtregen" (Wunderhorn)
"Sternenlichtregen" präsentiert Gedichte aus mehreren Generationen: Die jüngste Lyrikerin ist Jahrgang 1994, der älteste 1939 geboren. (Wunderhorn)

Lyriker aus Norwegen sind in Deutschland weitgehend unbekannt. Die Anthologie "Sternenlichtregen" soll das ändern und versammelt Dichter verschiedener Generationen. Ihre Themen: Liebe, Alltag, Altern und immer wieder die Natur.

Als die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit anlässlich der Frankfurter Buchmesse gefragt wurde, was die Literatur ihres Landes ausmache, fiel ihr nur Prosa ein. Wen wundert's, ob Gaarder, Knausgård oder Lunde, die bekannteste Literatur made in Norway stammt von Romanautorinnen und -autoren. Hinter dieser gewaltigen Bugwelle schippern bescheiden die Lyrikerinnen und Lyriker. Darunter findet sich durchaus auch die eine oder der andere übersetzte, aber zumindest in Deutschland sind sie weitgehend unbekannt.

Die Anthologie "Sternenlichtregen" hilft dankenswerterweise dabei, das zu ändern. Verseschmieden ist in Norwegen wie in Deutschland ein generationsübergreifendes Ding. Die jüngste Lyrikerin der Sammlung ist Jahrgang 1994, der älteste 1939; schöner Einfall, mit diesen beiden das Buch zu beschließen. Die Nachwuchsautorin Svanhild Amdal Telnes einerseits und Altmeister Jan Erik Vold andererseits machen deutlich, welchen Weg die Lyrik Norwegens in den letzten Jahrzehnten genommen hat.

Dichtung prosaischer gemacht

Vold hatte in den 60er-Jahren die Dichtung für die Trivialliteratur geöffnet, sie ent-akademisiert und sie damit zugleich prosaischer gemacht. Sein Gedicht "Hokusai, der alte Meister der eine Welle zeichnete wie sie keiner vor ihm gezeichnet hatte" erinnert in Titel, Thema und Technik an Bertolt Brecht:

"[...] Mit 80 werde
ich mich gründlich
in den Geheimnisse der Kunst

auskennen - so dass ich Lobenswertes
machen
werde
wenn ich 100 bin. Ganz zu schweigen

von den Jahren
danach.
Jetzt gilt es nur noch
durchzuhalten."

Die jüngere Generation hält am Schlichten fest. Sie baut ihre Gedichte aber oft episodenhaft, als Mehrteiler, die ein Thema deklinieren. In Charlotte Riises "Wo wir Geheimnisse hüten" ist es die Trennung:

"Ein Monat ist vergangen
seit unserem Ende -
eine Weile war es still,
ich durchwachte die Nächte,
trank, akzeptierte. [...]"

Zwischen basal und banal

Liebe, Alltag, Altern und immer wieder die Natur, das sind die großen Themen der norwegischen Lyrik - zumindest vermittelt diese Sammlung den Eindruck. Geradezu atemberauend ist dabei oft der schmale Grat zwischen basal und banal:

"der nähkasten
ein aufklappbarer kasten aus hellem holz auf vier dünnen beinen
viele ausziehbare kammern voll mit nadeln, garnrollen und stricknadeln
und etwas das man zwirn nannte: schwarz, dick und kräftig [...]"

Fällt das noch in die Kategorie poetisches Stillleben oder ist es schon verbogene Prosa? Ein Nach-, Vor- oder Geleitwort hätte nützlich sein können, um nicht in cultural gaps hineinzufallen. Hilfreich wären auch mehr Informationen zu den Autorinnen und Autoren gewesen außer Geburtsjahr, Bibliografie und Preisen. Und da Norwegisch – egal ob Bokmål oder Nynorsk – als germanische Sprache nicht ewig weit vom Deutschen ist, wäre eine zweisprachige Ausgabe auch keine schlechte Idee gewesen. Schon Kurt Schwitters hat ja weise festgestellt, dass alle Kunst nichts weiter als Rhythmus sei, und vielleicht braucht es das norwegische Original, um sich in diese Lyrik besser eingrooven zu können.

"Sternenlichtregen. Zeitgenössische Lyrik aus Norwegen"
Hg. vom Verlag Das Wunderhorn und Gyldendal Norsk Forlag
Verlag Das Wunderhorn 2019
142 Seiten, 22 Euro

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