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Buchkritik | Beitrag vom 14.06.2021

Luuk van Middelaar: "Das europäische Pandämonium"Die Metamorphose der EU

Von Sieglinde Geisel

Das Cover zeigt auf rosa Grund Titel und Autor des Buchs. (Suhrkamp/Deutschlandradio)
Der Politologe Luuk van Middelaar zeichnet in seinem Buch anschaulich den Wandel der EU nach. (Suhrkamp/Deutschlandradio)

Der niederländische Historiker und Politikwissenschaftler Luuk van Middelaar beschreibt in „Das europäische Pandämonium“ die Umwälzungen, die die EU in der Pandemie erfährt. Dabei werden Entwicklungen sichtbar, die schon länger andauern.

In seinem Buch über die Frage, was die Coronapandemie über den Zustand der EU enthüllt, verbindet Luuk van Middelaar die analytische Distanz des Wissenschaftlers mit dem Insiderblick, seine langjährige Tätigkeit als Berater von EU-Politikern gewährt ihm Einblick in den Alltag der EU-Institutionen.

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Mit der Finanzkrise 2008 begann, nach der Gründung 1945 und der Erweiterung nach 1989, die dritte Phase in der Geschichte der EU. Die Pandemie ist, nach der Ukraine- und der Flüchtlingskrise, die größte Herausforderung für die EU.

Mit dem bürokratischen Regelwerk ist einem solchen Ereignis nicht beizukommen. Vor unseren Augen vollzieht sich, so die Hauptthese von van Middelaars Buch, eine Umwälzung der EU mit weitreichenden Folgen. 

Schnelle Entscheidungen

Es geht um den Übergang von der Regelpolitik zur Ereignispolitik: Ursprünglich war die EU für die Regulierung des gemeinsamen Wirtschaftsraums zuständig. Es ging um Zuständigkeiten und um Kompromisse, vieles wurde hinter den Kulissen ausgehandelt.

Krisen jedoch erfordern Ereignispolitik: Es geht um schnelle Entscheidungen, für die es keine Präzedenzfälle gibt. Auf einmal sind nicht mehr Beamte und Juristen gefordert, die Regeln formulieren, sondern Akteure mit dem Mut zur Improvisation und der Fähigkeit, ihr Handeln überzeugend zu erklären.

Denn die Pandemie hat eine neue Form von Öffentlichkeit geschaffen. Die Zuschauer drängen auf die Bühne und wollen mitreden: "Die Öffentlichkeit murrt und schimpft, weint und klatscht, demonstriert und schwenkt Fahnen."

Besser im Planen als im Handeln

Luuk van Middelaar schreibt außerordentlich lebendig und mit einem Gespür für Bilder und dramaturgische Effekte: "Was heißt ‚in den Abgrund starren‘ auf Englisch?", habe Ulrike von der Leyen ihren Berater gefragt, als sie von einem Journalisten auf das Versagen der EU-Politik zu Beginn der Pandemie angesprochen wurde.

Bei dem Wandel, der durch die Pandemie beschleunigt wurde, handle es sich um eine "Metamorphose wider Willen", denn im Planen und dem Austüfteln von Programmen sei die EU viel besser als im Handeln.

Anschaulich beschreibt van Middelaar das Ringen um den Corona-Wiederaufbaufonds von 750 Milliarden Euro: Einerseits war es ein Seilziehen zwischen dem "sparsamen Norden" und dem ärmeren Süden. Andererseits bedeutet die Verschuldung der EU einen Bruch mit den Prinzipien, die für die Währungsunion bisher gegolten haben.

Die "Titanenkämpfe" der Zukunft

Die Umwälzung, die van Middelaar beschreibt, findet jedoch nicht nur innerhalb der EU statt. Die Pandemie wirft als "großer Enthüller" auch ein Schlaglicht auf das sich verändernde Kräfteverhältnis zwischen den Weltmächten.

Sie macht das Erstarken Chinas und die Schwäche des Westens sichtbar, der seinen "narrativen Zauber" verloren habe. "Auf der Weltkarte der Emotionen tauschen Mitleid und Respekt die Plätze."

Van Middelaar spricht von der "geopolitischen Einsamkeit" der EU zwischen China und den USA. In den "Titanenkämpfen" der Zukunft müsse sich die EU mit einer "strategischen Autonomie" ihre Handlungsfähigkeit bewahren – auch über die Pandemie hinaus.

Luuk van Middelaar: "Das europäische Pandämonium. Was die Pandemie über den Zustand der EU enthüllt"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021
200 Seiten, 16 Euro

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