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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.01.2011

Lust an der Groteske

Bora Cosic: "Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten", Folio Verlag, Wien/Bozen 2011, 160 Seiten

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Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)

"Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten" wird Cosics kindlich-spielerische Lust an der Groteske, sein unverbrauchter Sinn für die Absurdität der Weltläufe spürbar. Die Urfassung der 32 Kurzgeschichten stammt zumeist aus den 60er-Jahren.

Es war zu der Zeit, als der Heerführer Jossif Stalin dem Heerführer Winston Churchill halb Jugoslawien anbot, auf einer Konferenz, auf der sich alle fotografieren ließen, so erinnert sich der kindliche Erzähler. In Belgrad reichte eine Friseuse derweil ein Beinahe-Nacktfoto von sich und einem Leutnant im Bekanntenkreis herum. In der jugoslawischen Hauptstadt donnerten die Kanonen der sowjetischen Sieger. Der Vater des Erzählers erklärte erfreut, endlich sei die Zeit gekommen, einen Strich zu ziehen, unter all das, was geschehen ist, und zu summieren. Das Kind versteht: Der Vater, ein in Konkurs gegangener Kaufmann, denkt in den Kategorien des Rechnungswesens – das allerdings im Weltmaßstab.

Unter dem Titel "Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten" ist im Folio Verlag eine neue, mehr oder minder umgearbeitete und ergänzte Ausgabe der frühen Erzählungen des serbischen Dichters Bora Cosic erschienen. Die Urfassung der 32 Kurzgeschichten stammt zumeist aus den 1960er Jahren. Damals wurde der Autor mit dem Band "Wie unsere Klaviere repariert wurden" erstmals auch in Deutschland bekannt. Ebenso wie sein erst später übersetzter Klassiker "Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution" handeln die Geschichten von den Freuden und Nöten einer kleinbürgerlichen Familie im Belgrad der vierziger Jahre. Der Papa ist dem Alkohol verfallen, der Onkel ein unverbesserlicher Schürzenjäger, der Opa ein sturer Besserwisser, und die Tanten geben zu allem ihren Senf dazu. In den überaus chaotischen Familienalltag versucht die Mama, wie es der Titel andeutet, auf ihre Art Ordnung zu bringen – zumeist vergebens.

Aus der Sicht des naiven, am Lauf der Welt unbeteiligten Kind – hinter dem allerdings der philosophisch geschulte Autor deutlich hervorlugt – erscheinen die großen gesellschaftlichen Umbrüche und eine verkehrte Welt. Die brutalen deutschen Besatzer verwandeln sich wieder in ängstlich-opportunistische Individuen, während die Rotarmisten die heldenhafte Siegerpose einüben und einige leidenschaftliche Revolutionäre aus Titos Reihen die schöne neue Welt mit einem Rachefeldzug an den alten Unterdrückern eröffnen – oder an denen, die sie dafür halten. Dabei funktioniert in der neuen Zeit alles nur halb. Nicht nur die hilflosen, opportunistischen Kleinbürger, auch die Funktionäre des neuen Staats wursteln nur vor sich hin. Das macht die Großartigkeit dieser Satiren aus.

Bora Cosic kam 1932 in Zagreb zur Welt und wuchs in Belgrad auf, wo er Philosophie studierte und als Zeitschriftenredakteur und Übersetzer arbeitete. Mit seinem Werk eckte er bei den Behörden des sozialistischen Jugoslawien an und feierte bald internationale Erfolge. 1992 kehrte er Belgrad aus Protest gegen die großserbische Kriegspolitik den Rücken und zog nach Berlin. Hier entstand mit der "Zollerklärung" oder dem "Land Null" sein von labyrinthischer Ausweglosigkeit und philosophischer Verzweiflung geprägtes erzählerisches Spätwerk. "Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten" wird hingegen Cosics kindlich-spielerische Lust an der Groteske, sein unverbrauchter Sinn für die Absurdität der Weltläufe spürbar. Es lohnt sich diese Geschichten zu lesen, auch und gerade, wenn man sie schon zu kennen glaubt.

Besprochen von Martin Sander

Bora Cosic: Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten. Geschichten über alle möglichen Gewerbe
Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grießhaber,
Folio Verlag, Wien/Bozen 2011
160 Seiten, 22,90 Euro

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