Lust am Lärm

Von Jürgen Stratmann |
Laute Musik hören gehört insbesondere bei Jugendlichen zum Alltag. Nicht selten nehmen sie dabei gesundheitsschädliche Folgen wie Tinnitus in Kauf. Während sich Tontechniker und Musiker mit Ohrstöpseln schützen, sind die Fans den ganzen Dezibel ausgesetzt.
Grönemeyer: "... Sie mag Musik nur wenn sie laut ist, wenn der Boden unter den Füßen bebt ..."

Kann sie haben ...

… aber warum muss das soo laut sein?

" Das muss so ...
Das is Metal, das muss in den Ohren dröhnen ...
... das muss im Bauch grummeln, wenn es nicht im Bauch bumst, bringt ´s nichts ...
... das muss einem so richtig schön die Gedärme durchspülen, wenn man vor der Bühne steht ... "

Ein langhaariger Herr, im martialischen Habit, den auf der Bühne Tobenden nicht unähnlich, verteilt Handzettel im Publikum, auf der eine neue CD gepriesen wird. Das Werk wird wie folgt empfohlen:

"Professionell in jeder Hinsicht, prescht dieser Killer durch die Membran und hinterlässt eine dicke Schneise aus verbrannter Erde ..."

Was hier während des Konzerts in der Rock-Konzerthöhle "Werk 9" in Berlin-Mitte durch die Innenohr-Membranen der Zuhörer prescht, hinterlässt ähnliches ...

" ....´n bisschen betäubt ...
... das gehört dazu ..."
... tut es wohl, denn: auch wenn man versuchen würde, diese Art Musik etwas zurückhaltender zu intonieren, würde das gar nicht gehen, erklärt Alex, Schlagzeuger der Band Requital:

"... ja, der Schlagzeuger, der haut halt drauf, und dann müssen die andern mitziehen, und dann schaukelt sich das halt hoch ..."

" ... und man kann E-Gitarre auch kaum leise spielen, der Verstärker beginnt einfach ab ´ner gewissen Lautstärke, und sein Instrument muss man auch gut hören können, um seine Fehler verbessern zu können, was gar nicht so einfach ist", sagt Theresa, 17-jährige Gittaristin aus Potsdam.

Theresa: "... es muss einfach laut sein, damit man dann auch in diese Trance kommen kann, sich damit total zu identifizieren, und man wird auch nicht überhört ..."

... wie auch: die Lautstärke, nicht nur bei Konzerten, sondern auch beim Üben im Proberaum liegt in Spitzenbereichen von 105 – 115 DB, ...

Brigitte Schulte Fortkamp: "... und das ist ganz besonders gefährlich, weil die Frequenzen eben in so einem schädigenden Bereich liegen ..."

... erklärt Brigitte Schulte-Fortkamp von der Deutschen Gesellschaft für Akustik. Die übrigens ganz gut nachvollziehen kann, was Rockfans meinen:

"Ich kenn´ das auch, dass es gar nicht laut genug sein kann, also wenn ich die 9. höre, dann möchte ich da mitten drin sein, sozusagen mit dem ganzen Körper - und der Seele. "

De 9. Beethoven bis zum Anschlag – jedem das Seine! Trotzdem, man sollte wissen, was man sich zumuten kann, und was nicht:

Schulte-Fortkamp: "... ich sag Ihnen mal ´n paar Zahlen: Man kann ohne Gesundheitsschädigung 96 DBA über 180 Minuten ertragen, man kann 119 DBA darf man eigentlich nur eine einzige Minute haben, das is auch schon fast zuviel, und 112 DBA: Fünf Minuten ..."

... danach beginnt ´s in den Ohren zu rauschen – oder zu piepsen ...

"... das dauert ´ne halbe Stunde, das geht wieder weg."

Bei der 16-jährigen Charlotte ging es nicht wieder weg – nicht sofort:

Charlotte: "... das Konzert ist etwa fünf Wochen her, ..."

... und es ging zur Sache, ...

"... ja Punkrock, mehr muss man da nicht sagen, war sehr laut, aber wunderschön ..."

... aber dann ist es passiert:

Tinnitus!

Charlotte: "Ich hatte ein ganz lautes Geräusch im linken Ohr vor allem, ich konnte manche Töne nicht mehr richtig hören, und es ging mir halt tierisch auf die Nerven, immer dieses Piepen, von morgens bis abends, und ganz schlimm war es immer dann, wenn alles um einen herum ruhig war, dann war das Geräusch so laut, dass es einen ganz verrückt gemacht hat."

... in solchen Fällen hat man die Möglichkeiten, entweder dafür sorgen, dass es in der Umgebung immer laut genug ist, was sich mit einem Walkman recht unkompliziert simulieren ließe, oder man geht zum Arzt. Theresa ist zum Arzt gegangen: 10 Tage Tropf und Tabletten.

"... und jetzt ist es ist fast weg."

Aber: von wegen "gebranntes Kind scheut das Feuer": Charlotte findet immer noch:

"Die Lautstärke gehört dazu, wenn´s leise wär, würde die Stimmung gar nicht so toll sein, alle machen mit, alle brüllen auch mit, und dann muss es einfach laut sein ..."

Der Witz ist: Diejenigen, die für die Lärmproduktion verantwortlich sind, schützen natürlich sich vor dem selbsterzeugten Inferno, so wie Daniel, Tontechniker in Werk 9:

Daniel: "... na, ich hab´ halt meine Ohrstöpsel dafür, ..."

... und der Profi nimmt nicht irgendwelche ...

Daniel: "Ja, ich hab mir welche machen lassen, es gibt halt die so genannten Dezibelbrecher, die halt schön die Lautstärke runterdrücken, aber so vom Sound nichts verloren geht, nur die Lautstärke gedrückt wird, kostet halt nur ´n bisschen, so 80 Euro ..."

... gibt ´s aber auch schon billiger: in vielen Clubs kann man Ohrstöpsel für 50 Cent an der Theke kaufen, - das ist aber auch nicht das Gelbe vom Ei:

Brigitte Schulte-Fortkamp von der Deutschen Gesellschaft von Akustik denkt darüber nach, wie es auch anders gehen könnte:

"Unsere Hoffnung ist, dass man in Discos über die Verteilung des Schallaufkommens, über die tiefen Frequenzen, vielleicht über Shaker oder sonst wie, das selbe Glücksgefühl ´rüberbringen kann, denn darum geht es ja, und wenn man da Spaß hat, und mit weniger geschädigten Ohren da raus kommt, wär´ ja schon ganz schön."

Charlotte: "Es tut sehr gut, wenn man aufwacht, und der Tinnitus ist nicht da!"