Luisa Neubauers Predigt im Berliner Dom

    "Wenn wir vorsorgen, muss uns das Versorgen nicht sorgen"

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    Klimaschützerin Luisa Neubauer hielt die Fastenpredigt im Berliner Dom.
    Klimaschützerin Luisa Neubauer sinnierte im Berliner Dom Gedanken über produktive und unproduktive Sorgen. © imago / Rolf Zöllner
    Von Gerd Brendel · 28.02.2021
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    Eine Fastenpredigt von Luisa Neubauer im Berliner Dom? Passt gut zusammen, denn schließlich wollen Kirche und Klimabewegung die Schöpfung bewahren. Und außerdem rufen "die strengen Klimakinder" ja zum Dauerverzicht auf, meint Neubauer selbstironisch.
    Glocken statt Pausengong und immer wieder dasselbe Stück: "Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben." An diesem Sonntag in einer Textfassung aus dem Johannesevangelium.
    Bis es soweit ist mit dem ewigen Leben, bleibt noch eine Menge Zeit, herauszufinden, was das genau bedeutet mit dem Glauben und so. Dafür ist die Predigt im Gottesdienst da und hin und wieder prominente Gastpredigerinnen.
    "Die Sorge um Gottes Schöpfung treibt dich um, denn es ist gleichzeitig die Sorge nach der Gerechtigkeit unter uns." So kündigt Pfarrer Michael Kösling seinen Stargast an. Da steht sie: Luisa Neubauer. Sie sagt: "Deshalb bin ich hier: als Christin und als Klimaaktivistin."
    Und kann nicht anders, als vom Klima zu reden, aber das macht sie besser als mancher Pfarrer vom Himmel und der Hölle.

    Neubauer beherrscht die Predigtregeln

    "Liebe Gemeinde hier im Berliner Dom, ich hier mit einer Kanzelrede in der Fastenzeit – unklar, ob ich mir damit einen Gefallen tue. Was könnte sinnbildlicher sein für die strengen Klimakinder, die alle Welt zum Dauerverzicht bringen wollen, als die Fastenzeit. Dem Vorwurf der moralischen Überhöhung mit einer Predigt im Berliner Dom zu entgegnen, scheint etwas unglücklich", sagt sie.
    Die erste Predigtregel – "Nimm dich nicht zu ernst!" – beherzigt Neubauer. Auch die zweite Regel – "Hol Dein Publikum ab!" – beherrscht sie: "Und damit steigt die Sorge direkt weiter, und das Leben verschmilzt in der Pandemie zu einem einzigen Brei besorgter Müdigkeit, die man ab und zum Spazieren ausführt."

    Sorget euch nicht?

    Wer erlebt das nicht gerade ganz genauso? Und so fällt es der lauschenden Gemeinde leicht, auch Neubauers Sorge um Klimawandel, Artensterben, überhaupt um die ganze Welt zu teilen. Und keine fünf Minuten später lässt Neubauer unser aller Sorge auf die von Jesus im Matthäusevangelium geforderte Sorglosigkeit treffen:
    "In Matthäus 6, dem biblischen Text, um den es mir heute geht, wird die Sorge so besprochen: 'Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.'
    Gut, zunächst denken Sie vermutlich wie ich auch: 'Schön wär's, aber welche Vögel? Die paar, die wir noch nicht ausgerottet haben?' Aber im Ernst ..."

    Unproduktive Sorgen, die Energie rauben

    Im Ernst löst Schwester Luisa den Widerspruch zwischen biblischer Sorglosigkeit als frommer Haltung und moralisch gebotener Sorge um die Schöpfung pragmatisch auf:
    "Bei 'Sorgt euch nicht!' geht es um eine bestimmte Qualität der Sorgen. Es geht um die Sorgen, die ins Leere führen, die inhärent unproduktiv sind, die Energie rauben, die Momente stehlen. Wenn wir vorsorgen, muss uns das Versorgen nicht sorgen. Die unendliche Vielfalt der Arten, der Pflanzen und Tiere, ist für uns da. Der Boden, der auch zehn Milliarden Menschen ernähren könnte, ist da."
    Aber Moment, geht es Matthäus hier nicht vor allem um Gottvertrauen? Wie Glaube an eine göttliche Fürsorge zum Handeln ermutigen kann, ohne in Fatalismus im Sinne von "Gott wird's schon richten" umzuschlagen – dazu fällt Neubauer nichts ein.
    Aber das macht ja auch gar nichts, denn die letzte Predigtregel lautet: "Die beste Predigt, ist die, die sich der Zuhörer, die Zuhörerin, also auch ich, aufgrund des Gehörten selber hält." Amen.
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