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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 01.05.2005

Ludwig Erhard

Alfred C. Mierzejewski über den Vater der Sozialen Marktwirtschaft

Vorgestellt von Ernst Rommeney

Ludwig Erhard  (AP)
Ludwig Erhard (AP)

Er sei von seinen Landsleuten nie verstanden worden. Ihnen wäre Ludwig Erhards Idee eines freien Marktes, der so gut funktioniert, dass er aus sich heraus sozial wirkt, fremd geblieben. Und das, so der amerikanische Wirtschaftshistoriker, habe an beiden Seiten gelegen: zum einen am Misstrauen der Deutschen gegenüber den Marktkräften und zum anderen am eigenwilligen Politikstil Erhards.

Alfred C. Mierzejewski: "Ja, er hat viele politische Fehler gemacht. Seine Ideen, seine wirtschaftlichen Ideen waren richtig, aber er konnte diese Ideen den Menschen in Deutschland nicht beibringen oder, sollen wir mal sagen, nicht verkaufen."

Zitat: "Die Unterstützung für die soziale Marktwirtschaft war eher schwach und fußte nur auf dem Wohlstand, den sie den Menschen gebracht hatte, nicht auf einem tieferen Verständnis ihrer Grundsätze. Noch wichtiger war: Erhard hatte nie die Unterstützung Adenauers."

Bei den Bürgern war Ludwig Erhard durchaus beliebt - als Bundeswirtschaftsminister von 1949 bis 1963 und weiter bis 1966 als Bundeskanzler. Er überzeugte mit seinem Slogan "Wohlstand für alle" - doch nur solange der konjunkturelle Aufschwung der 50er Jahre andauerte, schränkt Alfred Mierzejewski ein. Im Abschwung der 60er Jahre hätten ihn die Westdeutschen fallengelassen.

Alfred C. Mierzejewski: "Ludwig Erhard könnte man als Lehrer ansehen. Er wollte die deutsche Bevölkerung über diese Ideen von Freiheit und eine freie Marktwirtschaft informieren und hoffentlich überzeugen. Aber als Theoretiker war er eigentlich ziemlich schwach. "

Wolfgang Neuss: "Jetzt kommt das Wirtschaftwunder! Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg! "

Der Kabarettist Wolfgang Neuss parodierte eine landläufige Meinung und der amerikanische Professor widerspricht ihr. Weder ein Wunder noch der Nachholbedarf nach dem Kriege habe zum 50er-Jahre-Boom geführt, sondern die Marktwirtschaft.

Ludwig Erhard: "Die soziale Marktwirtschaft von heute hat doch mit den liberalen Wirtschaftsformen von gestern, ich will nicht sagen, überhaupt nichts zu tun, aber sie ist doch ganz anders geartet.

Zitat: "Erhard glaubte fest an den freien Markt … Er unterstützte staatliches Handeln im Einklang mit dem Markt, um sozialwünschenswerte Ziele zu erreichen. Die Schwierigkeit lag, wie er wohl wusste, in der Definition dessen, was sozial wünschenswert ist.

Ludwig Erhard: "Wir setzen uns Ziele, nur wir wollen sie nicht erreichen, um die Preisgabe der menschlichen Freiheit, sondern es erreichen mit der menschlichen Freiheit. "

Alfred Mierzejewski beschreibt in seiner Biographie das zähe Ringen Ludwig Erhards mit Freund und Feind. Im Laufe der Zeit legte er sich mit jedem an, mit dem Bundeskanzler wie der eigenen Fraktion, den Sozialdemokraten wie mit Industrie und Gewerkschaften. Er fühlte sich unabhängig, redete und handelte danach, war politisch gesehen weder diszipliniert noch diplomatisch, hielt eine Hausmacht für unnötig und blieb isoliert. Er konnte sich verweigern, aber eben nicht durchsetzen.

Zitat: "Erhard war ein Antipolitiker, der sich der Folgen, die sich aus seinen eigenen Anschauungen ergaben, nie ganz bewusst war. Er weigerte sich, dass politische Ränkespiel mitzuspielen, war aber nicht konsequent genug, ihm ein Ende zu setzen …"

Nur ein einziges Mal gesteht ihm der Autor einen echten Erfolg zu, allerdings in einem entscheidenden Moment. 1948 als "Direktor der Verwaltung für Wirtschaft" gab Ludwig Erhard zeitgleich mit der Währungsreform die Preise frei und beendete die staatliche Bewirtschaftung der Güter.

Zitat: "Die Behauptung, Ludwig Erhard habe nach 1948 den Rest seiner Karriere in der Defensive verbracht, enthält durchaus ein Körnchen Wahrheit. Zumindest gelang ihm kein weiterer Durchbruch mehr. "

Der Wirtschaftshistoriker sieht es kühl. Ab 1953 habe der Minister seinen Elan verloren. Zwar öffnete Erhard das Land noch für den Außenhandel und machte die D-Mark konvertibel. Aber 1957 habe er eine doppelte Niederlage erlebt.

Der Zeitgeschichtler braucht nicht abzuwarten. Er hält fest, dass 1957 aus einem strengen Entwurf ein stark verwässertes Kartellgesetz entstand und außerdem die neue gesetzliche Rente nicht als Kapitalversicherung konzipiert wurde. Darum bezeichnet der Biograph dieses Jahr als Wendepunkt.

Zitat: "Die Verabschiedung dieses Gesetzes kann mit gutem Grund als Ende der sozialen Marktwirtschaft angesehen werden. Es markierte eine entscheidende Abkehr der Politik weg vom Markt und hin zur Schaffung des Wohlfahrtsstaates. "

Alfred Mierzejewski schreibt mit Sympathie über Ludwig Erhard, über seine Person und seine Argumente. Er analysiert die Wirtschaftspolitik der 50er Jahre, unterzieht aber nicht nur den Wegbereiter der Marktwirtschaft, sondern alle Akteure der Kritik - von Konrad Adenauer bis zum Bundesverband der Deutschen Industrie.

Alfred C. Mierzejewski: Ludwig Erhard. Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft
Aus dem Englischen von Anne Emmert und Norbert Juraschitz
Siedler-Verlag, München 2005

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