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Frühkritik | Beitrag vom 08.02.2019

Lucía Puenzo: „Die man nicht sieht“Stehlen, um zu überleben

Von Sonja Hartl

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Cover von Lucía Puenzos Krimi "Die man nicht sieht". Im Hintergrund sind Kinder zu sehen, die durch eine schlammige Pfütze laufen. (Wagenbach / Unsplash / Orhan Kaya)
Puenzos Erzählweise erlaubt tiefe Einblicke in die argentinische und uruguayische Gesellschaft. (Wagenbach / Unsplash / Orhan Kaya)

Mutig, zäh, und hungrig – Lucía Puenzo erzählt in ihrem Krimi "Die man nicht sieht" von drei argentinischen Straßenkindern. Ein Ex-Polizist macht sie zu professionellen Einbrechern und bringt sie nach Uruguay. Doch ihre Mission ist gefährlich.

Zu dritt sind sie, Enana, Ismael und Ajo. Drei Straßenkinder in Argentinien. Ständig hungrig, verlassen sie sich lediglich auf sich selbst. Sie sind die Besten in dem, was sie tun: "Kein Haus war vor ihnen sicher, ein Fenster, das nicht richtig verschlossen war, fand sich immer". Das Vorgehen ist jedes Mal ähnlich: Der ehemalige Polizist Guida sagt ihnen, wann das Trio in welches Haus einbrechen soll, er kennt die Gewohnheiten der Bewohner und die Schwachstellen der Häuser. Dann rüstet er die drei Einbrecherkinder mit den nötigen Hilfsmitteln aus – Hackfleisch mit einem starken Schlafmittel für mögliche Wachhunde, ein Schlafspray für anwesende Bewohner – und sagt ihnen genau, was sie stehlen sollen.

Bisher lief alles glatt, sie haben sich als zuverlässig erwiesen – und deshalb sollen sie, Guidas Beste, nach Uruguay gebracht werden, um dort in Häuser einzubrechen. 

Die Gedankenwelt eines Haushundes

Es ist vor allem die gut gewählte Erzählperspektive, die Lucía Puenzo in "Die man nicht sieht" tiefe Einblicke in die argentinische und auch uruguayische Gesellschaft erlaubt: Obwohl die drei Straßenkinder im Mittelpunkt stehen, gibt es immer wieder kurze Einblicke in die Wahrnehmung der anderen Figuren, Beobachtungen und Erklären ihres Verhaltens. Fast wie eine kleine Kamera, die um das Geschehen kreist, mal hier, mal dort hinblickt, werden Verhaltensweisen beobachtet und Gespräch belauscht. Das erinnert bisweilen an einen Film, an den Ausgangspunkt einer Serie, jedoch erfasst diese Perspektive auch mehr als eine Kamera je könnte, was mitunter recht surreal ist – beispielsweise wird das Jagdverhalten eines an sich freundlichen Haushundes mit seinem Gedanken erklärt wird, dass er es einfach satt hat, ständig nett zu sein.

Harter Überlebenskampf statt Sozialromantik

Enana, Ismael und Ajo sind die, "Die man nicht sieht" in Lucía Puenzos Roman. Drei Kinder, die gelernt haben, auf der Straße zu überleben, indem sie sich unsichtbar machen, sich in Ecken verdrücken, bloß nicht auffallen – weder bei ihren Einbrüchen noch in ihrem Alltag. Doch ihre Geschichte wird nicht als Abenteuer erzählt, es gibt hier keine Sozialromantik, vielmehr wird sehr deutlich, dass das Leben dieser Kinder ständig bedroht ist.

Wenn sie in Uruguay neun Häuser in einer Woche in einer bestimmten Reihenfolge ausrauben sollen, beginnt damit keine Mission, auf der man mitfiebert, sondern von Anfang ist klar, dass sie nur ausgesucht wurden, weil sie niemand vermissen würde, wenn sie dabei draufgehen. Das ist die Härte, dieses spannenden, schmalen Buchs.

Mut, Unerschrockenheit und Zähigkeit sind hier Eigenschaften, die sie sich aneignen mussten, um zu überleben. Und von Anfang ist klar, dass sie keinesfalls alle überleben werden. 

Lucía Puenzo: "Die man nicht sieht"
Aus dem Spanischen von Anja Lutter
Wagenbach, Berlin 2018
208 Seiten, 20 Euro

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