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Vollbild | Beitrag vom 28.11.2020

Louis Garrel über "Ein Mann zum Verlieben"Untreu aus Liebe

Moderation: Patrick Wellinski

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Szene aus dem Film "Ein Mann zum Verlieben" mit Louis Garrel und Laetitia Casta. (Eurovideo)
"Treue ist im Film – aber auch für mich – nicht ganz im wörtlichen Sinne einer ehelichen Treue gemeint", sagt der Filmregisseur Louis Garrel. Es gehe vielmehr um die Frage, ob man sich selbst treu sein könne. (Eurovideo)

Der Schauspieler Louis Garrel steht mittlerweile auch selbst hinter der Kamera. In seinem Film "Ein Mann zum Verlieben" spielt er einen Mittdreißiger, der sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden kann. Ein Spiel mit französischen Klischees.

Der Schauspieler Louis Garrel gehört zu den bekanntesten Gesichtern des französischen Kinos. Als Sohn des Nouvelle Vague Regisseurs Philippe Garrel stand er schon als Kind vor der Kamera. Mittlerweile zieht es ihn auch hinter die Kamera. Sein Spielfilm "Ein Mann zum Verlieben" kommt – wegen der Coronapandemie – leider nur auf DVD zu uns.

In dem Film spielt Garrel Abel einen anfangs naiven Mittdreißiger, der von seiner Freundin verlassen wird und sich erneut verliebt. Als seine Ex wiederkehrt, sitzt Abel zwischen allen Stühlen. Im Original heißt der Film "Un homme fidele" ("Ein treuer Mann"). 

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Patrick Wellinski: Ihr Spielfilm heißt im Original "Un homme fidele", also "Ein treuer Mann". Was bedeutet für Sie der Wert der Treue?

Louis Garrel: Treue ist im Film – aber auch für mich – nicht ganz im wörtlichen Sinne einer ehelichen Treue gemeint. Es geht vielmehr um die Frage, ob man sich selbst treu sein kann. Und ich muss feststellen, dass ich mir persönlich nie treu bin. Das war vielleicht ein Ausgangspunkt für den Film. Dieses Thema beschäftigt mich stark. Ich habe mal ein Buch des bekannten Theaterregisseurs, Luc Bondy, gelesen, mit dem ich sehr viel zusammengearbeitet habe. Bondy beschreibt darin eine Alltagsszene, die er ganz furchtbar findet. Er trifft jemanden wieder, den er möglicherweise zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Und der sagt: "Mensch, Luc! Du hast dich überhaupt nicht geändert!" Und das – so beschreibt es Bondy – fand er einfach nur schrecklich. Ich kann mich in zehn Jahren doch nicht nicht verändert haben! Das ist doch vollkommen unmöglich!

Und genauso geht es mir. Man muss sich doch ändern. Das ist doch komplett normal. Es gibt aber Leute, die sich nicht ändern wollen. Ich selbst habe mich vielleicht sogar in eine Richtung entwickelt, die ich vor 20 Jahren noch ganz furchtbar gefunden hätte. So viel zum Thema Treue. Und in meinem Film spiele ich einen Mann, der seiner Frau so unglaublich treu ist, dass er sogar in dem Moment, in dem sie ihn dazu auffordert, ihr untreu zu werden, dies aus Treue tut. Und ich glaube, er tut es, weil er sich selbst treu bleiben will. Aus Liebe zu ihr. Er liebt es, sich dieser Frau zu unterwerfen. Er folgt ihr umstandslos, weil er sie in der Beziehung als überlegene Kraft begreift.

"Abel fehlt etwas Männlichkeit"

Wellinski: War Abel, die Hauptfigur des Films, auch der Ausgangspunkt für das Drehbuch, das sie gemeinsam mit dem mittlerweile legendären Drehbuchautoren Jean-Claude Carrière erarbeitet haben? Oder gab es eine andere Idee für "Ein Mann zum Verlieben"?

Garrel: Jean-Claude Carrière arbeitet schon ganz lange mit verschiedensten Künstlern und Filmemachern. Berühmt sind seine Kooperationen mit erstklassigen französischen Komikern wie Jacques Tati oder Pierre Étaix. Ich glaube, dass man schon in diesen Filmen die Figur des fatalistischen Mannes findet, der selbst wenn ihm brutale Dinge widerfahren, einfach lächelt und weitermacht.

Diese Figuren sind darin mit Buster Keaton verwandt, der auch gegen die Mühlen der Welt anläuft und bei allen Katastrophen und Rückschlägen einfach seinen Weg fortsetzt. Und auch der von mir gespielte Abel hat etwas davon. Er beklagt sich niemals. Er nimmt die Dinge, wie sie sind. Er geht voran. Man könnte vielleicht sagen, Abel fehlt etwas Männlichkeit. Aber eventuell ist diese schweigsame Art eine Strategie, wie Abel Lebenssituationen und damit auch seine Beziehungen dominieren kann.

Wellinski: Das ist wirklich spannend. Denn für mich stellt dieser Film auch ein anderes Bild von Männlichkeit dar. Wie wichtig war es ihnen, in diesem Film auch eine andere, zärtlichere oder unsicherere Form von Männlichkeit zu inszenieren?

Garrel: Die Frage nach der Männlichkeit ist ein ziemlich schwieriges Thema. Ich bin aber umgeben von Frauen, die immer kämpfen und die stark sind und gleichzeitig ihre Weiblichkeit nie aus den Augen verlieren. Dennoch beherrschen Fragen nach toxischer Männlichkeit häufig die öffentliche Meinung. Für mich war diese Weltsicht von männlicher Dominanz eigentlich nie ein Thema. Ich habe viele starke Frauen erlebt, angefangen von meiner Mutter, die zum Beispiel ins Gefängnis gegangen ist, um dort mit Häftlingen zu arbeiten und die dabei unheimlich viel Stärke gezeigt hat.

Oder auch andere Frauen und Freundinnen, die zum Teil Absolventinnen der renommiertesten Schulen und Kunsthochschulen Frankreichs sind. Und ich? Der Mann? Ich habe ja nicht mal Abitur! Für mich ist es immer so gewesen, dass ich mich selbst permanent infrage gestellt habe. Die Frauen in meinem Leben waren und sind dominant. Aggressive, dominierende Männlichkeit spielt in meiner Sozialisation keine Rolle.

Louis Garrel. Ein Mann mit kurzen dunklen Haaren steht mit Anzug auf einem roten Teppich.  (imago images/Starface/Franck Castel/MPP)Der Schauspieler und Filmemacher Louis Garrel: "Wir wollten kein Klischee eines französischen Kinos abbilden." (imago images/Starface/Franck Castel/MPP)

Wellinski: Für Abel ist es ja interessant, dass der einzige andere Mann, dem er im Verlauf des Films begegnet, der elf Jahre alte Joseph ist. Und es passiert etwas Interessantes. Abel fremdelt mit dem Kleinen. Es sind auch unheimliche Momente zum Teil. Könnten Sie erklären, was da mit Abel passiert, wenn er Joseph begegnen muss?

Garrel: Jean-Claude Carrière und mir war von vornherein klar, dass wir da kein Klischee eines französischen Kinokindes abbilden wollen. Wir haben es hier mit einem enorm intellektuell überlegenen und letztendlich auch trickreichen kleinen Jungen zu tun. Ein sehr kluges Kind. Und demgegenüber steht Abel, der im wahrsten Sinne des Wortes naiv ist. Naiv im Sinne von, dass er ständig wiedergeboren wird. Und jemand, der ständig wiedergeboren wird und mit einem Elfjährigen konfrontiert wird, muss erkennen, dass der Elfjährige letztlich älter ist und damit auch überlegen. Für den Zuschauer sind diese Konfrontationen auch sehr unterhaltsam. Man sieht hier ständig, wie dieser Abel, dieser vermeintlich Erwachsene, von einem Kind manipuliert wird. Und Abel lässt sich auch manipulieren. Genauso wie er sich auch von Frauen dominieren lässt.

Wir haben hier also dieses Kind, das enorm klug ist. Und ich muss sagen, ich lebe selbst umgeben von vielen Kindern. Kinder sind ganz oft so, wie wir es im Film zeigen. Sie sind erst einmal grundsätzlich große Schauspieler, und sie sind auch Menschen, die ständig vorausdenken. Sie denken sich Strategien aus und sind damit in ihren Abläufen immer drei, vier Schritte uns Erwachsenen voraus. Das ist ganz erstaunlich. Und für Abel kommt noch dieses sehr merkwürdige und komische Moment hinzu, sich als Stiefvater dem Kind gegenüber zu positionieren. Ich selbst habe das erlebt, und das ist eine sehr merkwürdige Geschichte. Man hat sehr widersprüchliche und merkwürdige Gefühle in solch einer Situation.

"Wichtig ist das Überraschungsmoment der Geschichte"

Wellinski: Widersprüchlich ist auch der Rhythmus ihres Films. Das fand ich sehr spannend. Es ist einmal eine Komödie, dann ist es ein Beziehungsdrama, dann wird das Ganze sogar zur Detektivgeschichte. Wie wichtig war es Ihnen, dass so häufig wie Abel seine Gefühle und Positionen ändert, dass dann auch der Rhythmus ihres Films sich dementsprechend ändert?

Garrel: Der Ausgangspunkt des Films ist natürlich der einer Postkarte. Frankreich als Klischee. Auch unser Filmplakat spielt damit. Da sieht man einen Mann und zwei Frauen. Typisch französisch! Man sieht es und denkt, es muss ein französischer Film sein. Deshalb ist es wichtig, diese Erwartungen zu unterwandern. So ist der Film auch aufgebaut. Mit jeder Szene täuschen wir die Erwartungen. Wichtig ist das Überraschungsmoment der Geschichte. Es ist ein bisschen so wie ein Zuschauer, der einem Zauberkünstler gegenübersitzt. Der Zauberkünstler richtet die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf etwas, während er plötzlich und unerwartet etwas ganz anderes macht. Und genau so haben Jean-Claude und ich an diesem Drehbuch gearbeitet.

Wellinski: Wenn Sie sagen, dass sie mit den Klischees und Erwartungen eines prototypischen französischen Films spielen wollen, ist es doch interessant festzustellen, dass gerade die französische Filmkritik "Ein Mann zum Verlieben" in einer filmhistorischen Tradition verankert sieht. Von Rohmer bis Truffaut. Also: Nouvelle Vague. Kann man dem Klischee des französischen Films gar nicht entfliehen? Selbst dann, wenn man ihn auf die Schippe nehmen möchte?  

Garrel: Das hängt natürlich davon ab, wer diesen Film macht. Aber es ist immer besser, von einem Klischee auszugehen, als bei einem Klischee am Ende zu landen. Und natürlich spricht man immer das Alphabet mit den Buchstaben, die man gelernt hat. Ich habe im Kino natürlich sehr viel gelernt – und viel zu lieben gelernt – bei Regisseuren wie Francois Truffaut. Und es ist kein Wunder, dass eigentlich meine Filme eine ständige Hommage an Truffaut sind. Ich kann da nicht anders. Es ist so.

Gleichzeitig reise ich sehr gerne und zeige meine Filme im Ausland. Und natürlich erwarten die Zuschauer, wenn sie einen französischen Film sehen, einen "französischen" Film. Aber sie erwarten vor allem auch, eine gewisse Idee Frankreichs wiederzufinden. Deswegen wehre ich mich da auch nicht dagegen. Jean Renoir hat Nachwuchsregisseuren mal gesagt: Gehen Sie nicht in die weite Welt hinaus, sondern fangen sie an, bei sich vor der Haustür zu drehen. So wird es auch ein chinesisches Kind interessieren, wie ein Kind in Frankreich lebt. Solche universalistischen Filme sind es, die ein globales Publikum erreichen.

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