Lothar Bisky: So viele Träume - Mein Leben

Vorgestellt von Harald Kleinschmid · 20.03.2005
Der PDS-Politiker Lothar Bisky nennt sein Buch im Untertitel "Mein Leben". Aber das, was da zu lesen ist, kann doch wohl nicht alles gewesen sein. Sohn Jens Bisky stellte in seinem Buch "Geboren am 13. August" den Vater zur Rede. Doch der beschönigt die Realität und verschweigt das Wesentliche.
Lothar Bisky zieht seit über einem Jahrzehnt den holpernden Wagen der PDS noch immer und immer wieder durch alle Höhen und Tiefen der Politik. Was mag diesen Mann, der im Verhältnis zum schillernden, aber wankelmütigen Superstar der Partei, Gregor Gysi, stets die Kärrnerarbeit geleistet hat, dazu bewogen haben, den zahlreichen schriftlichen Auslassungen des letzteren die eigene Selbstdarstellung hinzuzufügen. Bloße Eitelkeit wäre zu wenig. Die Antwort findet sich schon in der Zueignung des knapp 300 Seiten starken Bandes.

" Meine Söhne Jens, Norbert und Stephan haben auch eine Mutter. Ihr ist dieses Buch gewidmet."

Jens Bisky, der älteste Sohn, hat vor nicht einmal einem halben Jahr unter dem Titel "Geboren am 13. August – Der Sozialismus und ich" * ebenfalls eine Autobiografie veröffentlicht. Sie wurde von den meisten Kritikern als zumindest indirekte Distanzierung vom Vater und dessen Zugehörigkeit zur DDR-Nomenklatura verstanden. Somit scheint ein Zweck des Buches der einer Rechtfertigung zu sein. Ob dies gelingt, ist eine andere Frage.

Chancen dazu hätte Lothar Bisky bei der Schilderung seiner Biografie genug gehabt. Der 1941 geborene Sohn armer Leute wächst im Westen Deutschlands, in Schleswig-Holstein auf, geht mit 18 Jahren 1959 freiwillig in die DDR, kann dort Abitur machen und studieren, empfindet deshalb tiefe Dankbarkeit gegenüber dem Arbeiter-und-Bauern-Staat und tritt schon 1963, zwei Jahre nach dem Mauerbau, in die SED ein. Er promoviert und habilitiert, wird Jugendforscher am Zentralinstitut in Leipzig, später Medienexperte am ZK-Institut der SED für Gesellschaftswissenschaften in Ost-Berlin und schließlich, Mitte der achtziger Jahre, Rektor der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg.

Diesen, den größeren Teil seines Lebens, handelt Bisky im ersten Teil seines Buches ab. Historische Ereignisse werden eher beiläufig abgetan. Symptomatisch dafür Biskys Äußerungen zum Mauerbau.

" Politisch habe ich damals die beliebte "Einsicht in die Notwendigkeit" geübt: Die DDR würde ausbluten, wenn die Grenze nicht zeitweise geschlossen würde. Das war für mich plausibel und anhand der Entwicklung in den folgenden Jahren nachvollziehbar. Mitte der achtziger Jahre wurde mir bewusst, dass die erhoffte Durchlässigkeit der Grenze nicht zunahm, sondern das Land sich immer mehr abschottete."

Mehr wird zu diesem Thema nicht mitgeteilt. Da ist die PDS unter Biskys Leitung selbst schon wesentlich weiter gegangen. Gleiches gilt für die Themen 11. SED-Plenum und Biermann-Ausbürgerung, die den Kulturwissenschaftler Bisky in den 60er und 70er Jahren aufs tiefste bewegt haben müssen, über die sich im ganzen Buch aber nur einige nichts sagende Nebensätze finden.

Das ganze Buch ist bestimmt von der Schere im Kopf. Das gilt auch für den zweiten Teil, die Nachwendezeit. Die heftigen Auseinandersetzungen der PDS-Führung mit dem orthodoxen Flügel der Partei – Nebensätze. Etwas freier fühlt Bisky sich nur, wenn er das beschreibt, was sich als Zivilcourage oder "aufrechten Gang" bezeichnen lässt: Etwa der Hungerstreik gegen die Versuche der Unabhängigen Kommission, die letzten Reste des alten SED-Vermögens zu beschlagnahmen, was das endgültige Aus für die Partei bedeutet hätte.

Nicht ohne Stolz berichtet Bisky auch über seine Tätigkeit als Vorsitzender des Stolpe-Untersuchungsausschusses im Brandenburger Landtag, der die Verstrickungen des Ministerpräsidenten und ehemaligen Kirchenmannes in die Machenschaften der Stasi zu durchleuchten hatte. Was die eigenen innerfamiliären Beziehungen zu Mielkes Mannen angeht, ist Bisky jedoch wesentlich kleinlauter.

Immerhin war seine Frau Allmuth in den sechziger Jahren IM der Staatssicherheit – eine Tatsache, die Sohn Jens in seinem Buch ebenfalls nicht unerwähnt lässt. Was der Ehemann selbst dazu zu sagen hat, ist wenig.

" Die Nachricht, dass Allmuth inoffiziell für das MfS gearbeitet hat, traf mich 1992 hart. Das war ein schwerer Fehler in ihrem Leben. Sie sieht das genauso und hat sich deshalb auch nie auf eine ihrer Qualifikation entsprechende Stelle im öffentlichen Dienst beworben (...) Allmuth und ich haben lange darüber gesprochen. Dass sie dienstliche Kontakte zum MfS unterhielt, war mir klar. "

Der PDS-Vorsitzende verschweigt auch seine eigenen Stasi-Kontakte nicht. Meldungen, er habe für die HVA des Markus Wolf gearbeitet, bezeichnet er jedoch als Legende.

" Ich gestehe: Hätte die HVA mich in den sechziger Jahren nach Tokio geschickt, ich hätte von dort gefunkt. Hätte man mich zu Che nach Bolivien gelassen, ich wäre glatt gefahren. Nur, man hat nicht (…) Ich will das schwärzeste aller schwarzen Schafe sein, aber den IM lasse ich mir nicht anhängen. "

Bisky nennt sein Buch im Untertitel "Mein Leben". Aber das, was da zu lesen ist, so fragt man beinahe mitleidig, kann doch wohl nicht alles gewesen sein. Sollte sich da ein Vorgang wiederholen, der schon nach dem Ende der ersten deutschen Diktatur zu beobachten war? In den sechziger Jahren fragten zumindest im Westen die Söhne nach der Verantwortung der Väter. Heute stellen die "Zonenkinder" des Ostens wie Sohn Jens den Vater zur Rede. Und der Vater reagiert ähnlich wie die Generation vor ihm: Er beschönigt die Realität und verschweigt das Wesentliche.

" Lothar Bisky
"So viele Träume – Mein Leben"
Rowohlt Verlag
Berlin 2005 "