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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.09.2012

Lost Generation - schon wieder

Uraufführung von "Sickster" in Bremen

Von Michael Laages

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Die Schauspieler des Theater Bremen, Karin Enzler und Paul Matzke, proben eine Szene aus dem Stück "Sickster". (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)
Die Schauspieler des Theater Bremen, Karin Enzler und Paul Matzke, proben eine Szene aus dem Stück "Sickster". (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)

Regisseur Felix Rothenhäusler ist mit dem aus dem Debütroman von Thomas Meller destillierten Stück über Alltagswesen einer verlorenen Generation eine handfeste Uraufführung gelungen. Dabei setzt er dezidiert auf das dynamische Moment in der Suada der Selbsterforschung.

Sie könnten satt sein; sind sie aber nicht. Sie haben es zu etwas gebracht - und können nicht viel damit anfangen. Sie leben an der Oberfläche und bemerken Satz um Satz mit wachsender Verzweiflung, dass darunter nichts ist, worauf sich sicher stehen ließe – "Sickster", die wie "sick", wie krank, ins leere eigene Leben verbissenen Alltagswesen in Thomas Melles voriges Jahr erschienenem Debütroman, lassen in nicht enden wollenden Gardinenpredigten das eigene Leben Revue passieren und enden immer im Nichts. Schlimmstenfalls sitzen sie dann in der U-Bahn, haben keinen gültigen Fahrschein dabei und nähmen lieber die ganze U-Bahn, ach was: die ganze Welt als Geisel, statt sich von den Kontrollettis hinaus, auf die U-Bahn-Wache und ins richtige Leben zurückführen zu lassen. Kein Ausweg, nirgends.

In der Bremer Uraufführung der vom Regisseur Felix Rothenhäusler gemeinsam mit Dramaturg Tarun Kade aus dem Roman destillierten Fassung besteht der erste der "Sickster" zunächst mal auf allem, was er definitiv nicht ist: nicht der neue Intendant des Bremer Theater und nicht der Geschäftsführer, nicht Regisseur oder Dramaturg, sondern –Applaus, Applaus!- "Torsten Kühnemund".

Der Name spricht für sich – ein kühner Mund hat von nun an gefälligst Visionen, Zukunft, Träume zu formulieren - wie der Star einer Nullachtfuffzehn-Fernsehtalkshow. Was der dann aber wirklich mitgebracht hat, sind monströse Zauberbegriffe für prinzipiell eher simple Tätigkeiten – Torsten ist irgendwo im mittleren Management eines Groß- und Einzelhandelsvertriebs zu Hause und beschäftigt sich mit Fragen des "Space Managements"; was nun aber gar nichts mit Raumfahrt zu tun hat, sondern bloß mit der Frage, wie sich welches Getränk am umsatzträchtigsten platzieren lässt in Supermarkt oder Tankstellen-Shop.

Das ist Kühnemunds große Welt – lächerlich. Und so treibt es diesen "kühnen Mund" nachts in die Bars, er stopft sich voll mit Suff und Drogen und versucht dabei, Haltung zu bewahren – schon beim Taxifahrer für die Heimfahrt im Morgengrauen klappt das nicht wirklich;

Und erst recht nicht zu Hause bei Laura. Die ist Fall 2: beschäftigt in der Marktforschung; das heißt: sie ruft potenzielle Kundschaft an und fragt Meinungen ab. Wahrscheinlich liebt sie Torsten, den Manager, wirklich; aber zugleich mäandert die Welt-Wahrnehmung bei ihr schon weit deutlicher ins Psychopathische, bis hin zur Selbstverletzung beim Bananen-Pellen – da fließt Blut.

Fall 3 ist Magnus, den wir als ehedem jüngeren Mitschüler von Torsten kennen lernen; Magnus, der eine Art Jung-Genie gewesen sein muss, intelligent und auf dem Weg zum Topp-Journalisten, Magnus, der stets das Beste an Land zog, vor allem das von allen begehrte schönste Mädchen in der Klasse. Aber wie das Prickeln mit ihr an Reiz verlor Kind um Kind, so landete der zukünftige Chefredakteur von damals mit der Internet-Sucht heute bei der hudeligen Hauszeitschrift im Unternehmen von Herrn Kühnemund. Magnus ist schließlich der, den es ohne Ticket in der U-Bahn erwischt – und der dafür gleich gern die ganze Welt in die Luft jagen würde.

Wenig ist neu und überraschend an Thomas Melles Psychogrammen dieser wieder mal verlorenen Generation? Stark wirkt die Dichte dieser verschieden getönten, aber immer völlig ausweglosen Abrechnungen. Melle weist nie und nirgends Schuld zu, nicht den Eltern, nicht Staat und/oder Gesellschaft; verantwortungs-, auswegs- und zukunftslos driften diese Einzelgänger durch Alltag und All. Vielleicht (das legt zumindest das Programmblatt nahe) landen sie irgendwann in der Psychiatrie; vielleicht ist ihr Leiden behandelbar, irgendwie. Aber viel Hoffnung ist nicht.

Regisseur Rothenhäusler, bislang vor allem am Deutschen Theater in Göttingen zu Hause, setzt dezidiert auf das dynamische Moment in der Suada der Selbsterforschung – die von szenischen Miniaturen verklammerten Monologe legen jeweils zu an Geschwindigkeit, dann nehmen Schlagzeug und Computer das Tempo auf, um es zu verdichten und weiter zu beschleunigen, bis zum lärmenden Gipfel und zum stummen Ausatmen danach. Der Rest ist szenisches Arrangement – und optischer Knüller Michael Köpkes Bühnen-Bild: ein raumfüllende Geschenk-Schleife, ganz in Gold. Das Leben war mal sorgsam verpackt, verschnürt und gekrönt von dieser Schleife. Jetzt ist klar: Es war nichts drin, im Paket wie im Leben. Nichts, was sich lohnt - nur die Schleife ist noch da. Monströs erinnert sie an alles, was hätte sein können.

Keine grandiose, aber eine handfeste Uraufführung ist entstanden; wenig wandlungsfähig erzählt Melle (und Rothenhäusler mit ihm) im dreifachen Dauer-Palaver von der immer wieder gleichen Leere. Wer im Bremer Schauspielstart des Intendanten Michael Börgerding nach dem Ereignis sucht, der wird "Das Leben auf der Praca Roosevelt" finden, Dea Lohers atemnehmendes Stück, das auch acht Jahre nach der Uraufführung jede neue Inszenierung verdient. Alize Zandwijk vom Rotterdamer "Ro"-Theater, auf Dauer (und auch mit Gastspielen aus Rotterdam) Partner des neuen Bremer Ensembles, hat Loher furiosen Text über den Alltag im brasilianischen Sao Paulo zunächst vielleicht ein wenig schwergängig genommen, zu sehr auf Obdach- und Arbeitslosigkeit orientiert, und zuweilen gelingt ihr nicht wirklich der Sprung vom erzählerischen Ton in die szenische Vision. Dafür zieht sie das Stück mit einiger Energie weg vom Lokalkolorit; Sao Paulo ist hier überall.

Und erst so setzt sich auch die fundamentale Humanität durch in den Passionsgeschichten, die Loher einst auf der realen Praca Roosevelt in Sao Paulo sammelte – hier jammert niemand, der auch nur ansatzweise satt und reich genug an Leben und Glück wäre, hier werden Scheitern und Aufbegehren im Elend seelenloser Großstadtwüste zum mitreißenden, zu Tränen rührenden Ereignis. Nicht oberflächlich wie Melle mit den "Sickster"-Nachtgestalten, sondern mit poetischer Wucht trifft Loher das Trauma des unvollständigen Alltags, des immerwährenden Fehlers, der "das Leben" ist.

"Sickster" war die Kür in Bremen. "Das Leben auf der Praca Roosevelt" ist Pflicht.

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