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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.12.2015

"Lost and Found" im VolkstheaterRegie-Star Yael Ronen gastiert in Wien

Von Christoph Leibold

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Das Volkstheater in Wien (picture alliance / dpa / Beate Schleep)
Das Volkstheater in Wien (picture alliance / dpa / Beate Schleep)

Die gefeierte Regisseurin Yael Ronen sammelt Erlebnisse von Freunden und macht daraus Theater. Bei "Lost and Found", aufgeführt im Wiener Volkstheater, erzählt sie das Leben als Geschichte von Verlusten. Mal sind es materielle Dinge, mal die eigenen Träume.

Die israelische Regisseurin Yael Ronen lebt seit einigen Jahren in Berlin, wo sie regelmäßig am Gorki-Theater inszeniert. Ihr Stück "Common Ground" über die Kinder des Balkankrieges war im vergangenen Mai zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ronen entwickelt ihre Aufführungen stets gemeinsam mit ihren Darstellern. Auch am Schauspiel Graz hat die 39-Jährige in den letzten Jahren regelmäßig gearbeitet. Anna Badora, bis zum Sommer dort Intendantin, ist zur neuen Spielzeit ans Wiener Volkstheater gewechselt, wo sie weiterhin auf Ronen baut. "Lost and Found" heißt deren erstes Stück an der zweitgrößten Sprechbühne der Österreichischen Hauptstadt.

Das Leben erscheint darin wie eine einzige Verlustrechnung. Jedenfalls wenn man nach dem geht, was die Schauspieler zu Anfang alles auflisten an Verlusten. Was einem nicht alles abhandenkommt im Laufe der Jahre: Dinge und Menschen, Jugend, Träume und Vorsätze.

Das Leben als Fundgrube

Andererseits ist das Leben auch eine Fundgrube. Für Geschichten zum Beispiel. Yael Ronen sammelt Geschichten von Freunden oder den Schauspielern, mit denen sie arbeitet, und macht aus ihnen: Theater. Im Fall von "Lost and Found" war es die Geschichte der Schauspielerin Seyneb Saleh. Die wurde im deutschen Aalen geboren und gehört zum Ensemble des Wiener Volkstheaters.

Ihr Vater stammt aus dem Irak. Völlig unvermittelt bekam sie im Herbst einen Anruf: Einer ihrer Cousins war vor dem IS aus Mossul geflohen und jetzt in Wien. Plötzlich hatte die Flüchtlingskrise ein Gesicht. Das Asylverfahren des Cousins läuft, Saleh kümmert sich um ihn, begleitet ihn bei Behördengängen. In einem Interview im Programmheft erzählt sie, sie habe das Gefühl, ihre Unschuld verloren zu haben. Weil sich die Realität nicht länger ausblenden lässt. Man muss nicht selbst Verwandte aus dem Irak, Syrien oder sonst einem Krisengebiet haben, um dieses Gefühl zu teilen, seit die Not der Welt so vehement an Europas Tür klopft.

Um Salehs Geschichte hat Yael Ronen zusammen mit ihrem sechsköpfigen Ensemble ihr neues Stück gestrickt. Maryam und Elias kommen kurz nach dem Tod ihres Vaters in dessen Wiener Wohnung zusammen. Das Begräbnis muss organisiert und vor allem: bezahlt werden. Das nötige Geld dafür aber hat eigentlich keiner der beiden. Elias scheint eher Typ ewiger Student zu sein. Maryam versucht sich mit mäßigem Erfolg an einem Life-Style-Blog. Da meldet sich Onkel Osama aus London: Er könne für die Beerdigungskosten aufkommen. Einzige Bedingung: Weil er und sein Bruder aus dem Irak stammen, muss es ein muslimische Bestattung sein.

Obwohl der Vater kein religiöser Mensch war, willigen Mayram und Elias ein. Geld geht vor Glauben. Außerdem sind beide viel zu sehr mit ihrem jeweiligen Beziehungsleben beschäftigt, als dass sie sich ernsthaft mit dem Tod ihres Erzeugers auseinandersetzen könnten, der aber Mayrams Ex-Mann und Elias' dunkelhäutige Ex-Freundin auf den Plan ruft. Und schließlich ist da noch Mayrams schwuler Freund Schnute, mit dem sie eine etwas andere Familie gründen möchte.

Wirklich weh tut dieser Abend nicht

Wie in einer gut geölten, interkulturellen Boulevardkomödie lässt Yael Ronen die Figuren samt ihren Partnerproblemen und Ressentiments aufeinanderprallen. Perfekt getimt und wunderbar lebensnah lustig. Bis das Telefon läutet und Cousin Yousef um Hilfe bittet, der seine eigene Verlustrechnung aufmacht. Heimat, Freunde, Familie – das hat er durch die Flucht alles verloren.

Für einen Moment hält Yael Ronen den Lustspielfluss an und lässt die Wirklichkeit in unsere westliche Wohlstandsblase platzen. Mayram, Elias und die anderen kommen mit der neuen Situation nur schwer zurecht. Müssen sie Yousef helfen? Können sie es überhaupt? Und wollen sie es? Doch nach kurzem Innehalten, zieht Ronen das Tempo der Aufführung sofort wieder an. Die Ankunft des Flüchtlings und was sie für seine überforderten Verwandten bedeutet, wird in "Lost and Found" mit demselben ironischen Unernst verhandelt wie die Luxusprobleme zuvor. Das bewahrt den Abend vor Betroffenheitskitsch.

Andererseits sorgt Ronen damit auch dafür, dass der Wohlfühlfaktor der Aufführung erhalten bleibt. Wirklich weh tut dieser Abend nicht. Aber vielleicht muss es das ja auch nicht. Vielleicht ist es ja gerade das, was das Theater - immerhin - leisten kann: Uns zu lehren, über die eigene Hilflosigkeit zu lachen. Nicht, damit wir uns entspannt zurücklehnen, weil wir ja eh nichts tun können. Und nicht, damit wir die verlorene Unschuld wiederfinden. Aber eben auch nicht, damit wir vor lauter Schuldbewusstsein kapitulieren. Sich seine Überforderung – auch in ihrer Lächerlichkeit - einzugestehen, könnte befreiend sein. Und damit der erste Schritt, sie zu überwinden.

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