Donnerstag, 14.11.2019
 

Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 06.09.2014

Los Parra de Chile

Die Lange Nacht der chilenischen Künstlerfamilie

Von Andreas Bodenhöfer und Wolfgang Hamm

Der chilenische Schriftsteller Nicanor Parra bei einer Rede im August 2011. (dpa / picture-alliance / Mario Ruiz)
Der chilenische Schriftsteller Nicanor Parra bei einer Rede im August 2011. (dpa / picture-alliance / Mario Ruiz)

In einem bescheidenen ländlichen Ort namens San Fabián de Alico, 400 Kilometer südlich von Santiago gelegen, beginnt die Genealogie einer Künstlerfamilie, die in der Kulturgeschichte Chiles und Lateinamerikas einzigartig ist. Nicht nur wegen der erheblichen Zahl an Musikern, Schriftstellern und Bildenden Künstlern, die die Familie bis heute hervorgebracht hat, sondern weil bei vielen Parras Volksmusik, Volkskunst und Volksdichtung mit der Universalität großer Kunst verschmelzen.

Der Name Parra bedeutet "Weinranke" auf Spanisch. Und wie eine Weinranke verzweigten sich die Begabungen und Talente dieser Familie bis in die vierte Generation und brachten die schönsten Früchte hervor.

Violeta Parras Lied "Gracias a la vida", ging in unzähligen Versionen um die Welt. Weniger bekannt ist Nicanor Parra, ihr Bruder, der Dichter und Erfinder der "Anti-Poesie". Am 5. September 2014 wird Nicanor Parra sage und schreibe ein Jahrhundert alt und ist dabei in erstaunlich guter Form. Von ihm und seinen Geschwistern Violeta, Lalo, Roberto, Hilda ... wird in dieser Langen Nacht die Rede sein, in Liedern, Texten, Dokumenten und Gesprächen. Und von Violetas und Nicanors Kindern und Enkelkindern, die als zweite, dritte und vierte Generation der Parra-Familie in der Kultur- und Musikszene Chiles aktiv sind.

Lalo Parra: "Ich glaube, wir zählten zu den ersten Straßensängern, die es in Chile gegeben hat. Der Zweck war, nicht nur gehört zu werden, sondern von den Leuten ein paar Münzen oder was zum Essen zu bekommen, denn der Hunger war gewaltig. Das Brot, das wir kauften, reichte nicht für alle."

Nicanor Parra: NACHRUF

Mittelgroß / Die Stimme weder laut noch leise / Ältester Sohn eines Volksschullehrers / Und einer Näherin / Dürr von Geburt / Doch gutem Essen zugetan / Eingefallene Wangen / Riesige Ohren / Quadratisches Gesicht / In dem die Augen sich kaum öffnen / Unter der Nase eines Neger-Boxers / Der Mund eines aztekischen Götzen / - Und das ganze in ein halb ironisches / Halb perfides Licht getaucht - / Nicht gerade helle, aber auch kein Idiot / War ich, was ich war: / Eine Mischung / Aus Essig und Öl / Etwas zwischen Engel und Bestie.

Roberto Parra: "Ich habe auf meine Weise gelebt, habe die ganze Zeit in Puffs gespielt, darum bin ich so schön frech, mein Lieber. In diesen Orten entstehen alle die Cuecas choras, meine Art Jazz,  dort entstehen die Walzer, und auch die Negra Ester."

Angel Parra: "Ich erinnere mich, wie wir einmal auf einem Esel im Norden Chiles, in Salvador ankamen, weil dahin keine Busse fuhren. So kam der Auftritt für die Bergarbeiter-Gewerkschaft dort zustande. Doch ich habe keine Idee, was für eine Rolle Isabel und ich dabei spielten! Aber ich sehe noch den Esel vor mir, der meine Tante Hilda trug, die sehr dick war; man sah ihren großen Hintern, und ich hielt mich am Schwanz des Esels fest, denn es war ein sehr steiler Weg."

Mónica Echeverría (Biografin Violeta Parras): "Die Nacht vor ihrem Selbstmord besucht sie ihren Bruder Nicanor, mit dem Gedanken, dass der ältere Bruder sie immer verstanden hatte, dass er spüren wird, wie schlecht es ihr geht und dass sie sich das Leben nehmen möchte. Er sagt zu ihr: Sing doch dieses letzte Lied, das du gemacht hast, und sie antwortet: Ja, ich werde dir mein letztes Lied singen ... wie eine Andeutung, dass dies ihr Abschied sei. Als sie wieder im Zelt ist, schreibt sie einen Abschiedsbrief an ihren Bruder Nicanor. Sie legt eine Musik auf - sie wollte mit Musik sterben - legt den Brief auf ihre Brust und erschießt sich mit einer Kugel."

Javiera Parra: "Aber die Reinheit, das Mysteriöse und Allerschönste am Ursprung der Familie Parra ist, dass sie von armer, bäuerlicher Herkunft ist, bei der die Neugier und Synthese ihrer Kunst so echt, so chilenisch und gleichzeitig auf so verteufelte Weise universal ist, dass sie einfach die Emotion der Menschen berührt. Wie macht man denn so etwas? Wohl mit solchen sprühenden Funken, die wir, die späteren Generationen, nicht mehr entzünden können. Wir können uns nur der Musik widmen."

LITERATUR

Nicanor Parra
Und Chile ist eine Wüste - Poesie und Antipoesie
Hrsg. von Peter Schultze-Kraft
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1986
Mehr

Manfred Engelbert
Violeta Parra - Lieder aus Chile
Frankfurt 1978

LINKS

Canciones compuestas por Violeta Parra. Alphabetisches Verzeichnis der von Violeta Parra komponierten Lieder. Mit Liedtexten und Links zu Tonträgern.

Memoria Chilena - Violeta Parra (1917-1967) - Presentación. Fotos, tabellarischer Lebenslauf, Artikel über Parra (PDF-Dateien), Bibliografie (sehr umfangreich) und Links.

YouTube: Violeta Parra. Videos.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=15598

Nils Bernstein: Poesie für feierliche Trottel? Nicanor Parras metalyrische Gedichte als Kommentar zur "Weltsprache" einer Antipoesie

Lieder und Musik  in der Langen Nacht

von Isabel und Angel Parra, Tita Parra, Javiera Parra, Angel Parra junior, Colombina Parra

Lange Nacht

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur