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Buchkritik | Beitrag vom 15.04.2020

Lori Gottlieb: “Vielleicht solltest du mal ...”Kraftvolle Storys einer Therapeutin

Von Susanne Billig

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Buchcover zu Lori Gottliebs "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden". (Hanser Blau / Deutschlandradio)
Sprachlich souverän vorgetragen: "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden" von Lori Gottlieb. (Hanser Blau / Deutschlandradio)

Ein Auf und Ab der Gefühle: Mit erzählerischer Kraft und psychologischem Hintergrundwissen präsentiert Lori Gottlieb Geschichten aus ihrer eigenen Therapiepraxis. Ihr Buch war in den USA ein Bestseller - hochverdient, urteilt unsere Rezensentin.

Erfolgsmensch John mit seinen blendend weißen Zähnen wirft sich breitbeinig aufs Sofa, mampft Hühnersalat aus der Plastikbox, schimpft auf die tausend Idioten, die ihn umgeben, tippt fluchend Nachrichten in sein Handy und grinst seine Psychotherapeutin breit an.

"Sie sind jetzt sowas wie meine Nutte", erklärt er. "Ich lade meinen Frust bei Ihnen ab. Sie kriegen dafür mein Geld."

Mitreißende emotionale Achterbahnfahrt

Als kraftvolle Erzählerin präsentiert sich Lori Gottlieb in ihrem neuen Buch "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden". Einen Reigen von Therapiegeschichten rollt sie darin auf, gesammelt in eigener psychotherapeutischer Praxis und erzählerisch so klug verdichtet, dass ihre Leserinnen und Leser 500 Seiten lang eine mitreißende emotionale Achterbahnfahrt erleben.

Alles, was Patienten und ihre Therapeuten empfinden, wird man bei der Lektüre auch in sich finden – Abwehr, Widerstand, Trauer, Enttäuschung, Wut, Erstaunen, Hoffnung und immer wieder: eine zart aufkeimende Liebe zu diesem krummen, schiefen, glorreichen, widerstandsfähigen menschlichen Leben.

Was eine gute Therapie ausmacht

Außer dem arroganten John haben einen Auftritt: Die freundliche Julie, Mitte 30, die ihre Krebskrankheit zu überwinden hofft und tausend Pläne hat für ein neues Leben. Rita, Anfang 70, depressiv. Sie führt ein Leben wie in einer Muschel. Sobald ihr jemand nahezukommen versucht, macht sie dicht und scheucht auf Distanz. Charlotte, Mitte 20, kann nicht mehr aufhören zu weinen, während sie ihrer Therapeutin gegenübersitzt.

Nicht zuletzt zeigt sich die Autorin auch selbst als Patientin: Der Traummann an ihrer Seite hat ihr völlig unvermittelt eröffnet, dass er sie zwar immer noch liebt, aber doch keine Lust hat, mit ihrem siebenjährigen Sohn zusammenzuleben. Im seelischen Sturzflug klopft sie bei dem ungewöhnlichen Mr. Wendell an und wird sich in der Begegnung mit ihm all dem stellen müssen, was eine gute Therapie ausmacht.

Blick hinter die Kulissen

Was macht eine gute Therapie aus? Das gesamte Buch umkreist dieses Thema, erzählerisch, aber auch reflektierend und informierend. Es erklärt, welche Ausbildung Therapeutinnen und Therapeuten durchlaufen, welche Strategien sie im Umgang mit psychisch leidenden Menschen anwenden. Wie sie eigene Gefühle und Erfahrungen in den Prozess hineintragen, wie sie ihre Arbeit in Supervisionen kontrollieren lassen. Wo sie sich Hilfe suchen, wenn sie mit ihrem Latein am Ende sind, und was für sie Erfolg oder Scheitern einer Therapie ausmacht.

Die sprachlich souverän vorgetragene Mischung aus Informationen, Blick hinter die Kulissen und kraftvollen Storys macht den Reichtum dieses Buches aus. Wird John die Mauern seiner Selbstgerechtigkeit durchbrechen können und was wird er dahinter entdecken? Wie reagiert Julie, wenn der Krebs zurückkehrt? Kann Rita annehmen, dass der neue Nachbar sie wirklich schätzt? Mr. Wendell legt Lori Gottlieb einen Spiegel in die Hand – wen kann sie darin erkennen?

Wochenlang stand dieses Buch auf der Bestsellerliste der "New York Times". Hochverdient!

Lori Gottlieb: "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden"
Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Liebl
Hanser Verlag, München 2020
528 Seiten, 25 Euro

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