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Studio 9 | Beitrag vom 07.09.2015

London im Zweiten WeltkriegAcht Monate im "Blitz"

Von Friedbert Meurer

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Zwei Kinder in London am 8. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes (dpa / picture alliance / epa Imperial War Museum/Ho)
Zwei Kinder in London am 8. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes (dpa / picture alliance / epa Imperial War Museum/Ho)

Vor 75 Jahren begann der deutsche Luftkrieg gegen London und andere britische Städte. Die Erinnerung an die Bombardierungen ist lebendig - auch dank des Bloggers Stephen Hunnisett, der als "Blitzwalker" Führungen anbietet.

London, die Fleet Street. Wo früher die Zeitungen ihre Redaktionen hatten, befinden sich heute Büros und Kanzleien. Die Fleet Street öffnet sich für eine Verkehrsinsel, auf der hinter Bäumen eine anglikanische Kirche steht: St. Clement Danes. 1682 wurde sie von dem berühmten Londoner Architekten Sir Christopher Wren fertiggestellt, um 1941 im Blitz, den deutschen Luftangriffen, unterzugehen.

"Die Nacht vom 10. auf den 11. Mai war die letzte Nacht des Blitz", erzählt Stephen Hunnisett. Ein hochgewachsener Mann, Jahrgang 1958 – London im Zweiten Weltkrieg ist seine Passion, seine Mutter hat ihm viel von den Bombennächten erzählt.

(Sirenen)

Die Warnsirenen und das röhrende Geräusch der herannahenden deutschen Bomberflugzeuge wurde für die Londoner mehr als acht Monate lang zum ständigen Begleiter.

Stephen Hunnisett führt einen Blog mit dem Namen "Blitzwalkers" und bietet auch Führungen an. An der Außenwand der Kirche deutet er auf mehrere kleine Einschusskrater: hier schlugen die Schrapnelle ein, Granaten und Bomben gefüllt mit kleinen stählernen Metallsplittern und Patronen. Ein paar davon holt der Blitzwalker aus einer kleinen Dose heraus:

"Eine Freundin von mir hat sie mit dem Metalldetektor gefunden. Sie können sie jetzt noch an den Ufern der Themse finden."

Die Kirche gehört heute der Royal Air Force, die britische Luftwaffe gedenkt hier ihrer 55.000 Toten aus dem Zweiten Weltkrieg.

Vor dem Eingangstor steht ein Denkmal, oben auf dem Sockel die Bronzeskulptur einer auch in Großbritannien umstrittenen historischen Person. Sir Arthur Harris in der Uniform eines Luftmarschall: Bomber Harris. Während des Blitz in London war er im Nahen Osten im Einsatz, 1942 wurde er Oberkommandierender des Bomber Command der Royal Air Force und übte unerbittlich Rache an den Deutschen:

"Wer Wind sät, wird Sturm ernten – das war die Devise von Bomber-Harris. Die Luftangriffe auf deutsche Städte hat er nie bedauert. Man muss ihn aus der Zeit sehen. Ich halte ihn nicht für einen Kriegsverbrecher, aber ich kann verstehen, wenn andere ihn so sehen."

Ein Zufall rettete die Mutter

Während wir die Fleet Street weiter gehen Richtung St. Paul's Cathedral, erzählt Stephen Hunnisett von seiner Mutter. Sie hatte mit ihren Eltern im Garten einen sogenannten Anderson-Shelter – einen kleinen selbstgebauten Luftschutzbunker, gerade groß genug für eine Familie. Sir John Anderson war Heimatschutzminister vor dem Krieg. Während viele nachts in der U-Bahn schliefen, zwängte sich Stephens Mutter in den Anderson-Shelter. Nicht nur er rettete ihr vielleicht das Leben:

"Sie hat hauptberuflich in einer Rüstungsfabrik südlich der Themse gearbeitet, bei Woolwich Arsenal. Ausnahmsweise sagte der Chef meiner Mutter am 6. September 1940, dass alle am nächsten Tag, einem Samstag, nicht zu arbeiten brauchten. Tags darauf am Samstag wurde die Fabrik schwer aus der Luft getroffen. Also, vielleicht würde ich nicht hier stehen, wenn meine Mutter nicht vor 75 Jahren am ersten Tag des Blitz frei gehabt hätte."

Hunnisetts Mutter hielt in ihrer Freizeit Telefondienst bei der Feuerwehr, nahm Anrufe von verzweifelten ausgebombten Londonern entgegen. Die Feuerwehrleute wurden ab dem 7. September 1940 als Helden von London gefeiert – vor dem Blitz hatten sie noch im Geruch gestanden, sich bloß vor dem Dienst an der Front drücken zu wollen.

30.000, vielleicht 40.000 Londoner sind bei den Luftangriffen getötet worden – weder sie noch später die britischen Bomben auf Berlin und Dresden haben den Widerstand der Bevölkerung gebrochen. Stephen Hunnisett hat Freunde in Hamburg, dort seien 1943 in einer Woche 40.000 Deutsche durch alliierte Bomben getötet worden:

"Ich erkläre den Leuten schon den Unterschied, in Deutschland war die Opferzahl um ein Vielfaches höher. Aber es gibt eben einen Grund, warum deutsche Städte so schwer angegriffen wurden – und da kann man schon festhalten: London ist von den Deutschen zuerst bombardiert worden."

Mehr zum Thema:

Luftangriffe auf London - "The Blitz" stärkte das Gemeinschaftsgefühl
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 7.9.2015)

Erlebnis und Erfahrung - Party im Blitz - Die englischen Jahre
(Deutschlandradio Kultur, Hörspiel, 6.4.2015)

Erinnerung an den Luftkrieg - Makabre Scheindebatte über die Totenzahl von Dresden
(Deutschlandfunk, Kommentare mit Themen der Woche, 13.2.2015)

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(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 21.3.2011)

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