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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.03.2019

Lola Randl: "Der große Garten"Neurotische Städterin in der Uckermark

Von Verena Auffermann

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In Lola Randls Roman "Der große Garten" geht es um Neurosen und Gemüse. (picture alliance/Patrick Pleul; Matthes & Seitz)
In Lola Randls Roman "Der große Garten" geht es um Neurosen und Gemüse. (picture alliance/Patrick Pleul; Matthes & Seitz)

Die Autorin Lola Randl spöttelt in ihrem Roman "Der große Garten" über die euphorische Haltung psychisch instabiler Stadtmenschen zum Landleben. Nebenbei vermittelt sie Fachwissen: über Garten, Gemüse und Selbstfindungsneurosen.

Die Ich-Erzählerin dieses Romans, die mit der 1980 geborenen Lola Randl identisch zu sein scheint, ist dem Trend der Zeit und dem Ruf zur neuen, alten Einfachheit gefolgt und mit Mann und Kindern in ein Haus nach Gerswalde gezogen, einem uckermärkischen Dorf.

Die Erzählerin mit Liebe zu unkomplizierter Ausdruckweise ist Drehbuchautorin und Regisseurin. Mit wahrer Leidenschaft erklärt sie in simplen Sätzen die Komplexität der Welt. Lola Randl erzählt vom Zerfall überbrachter Herrschaftsstrukturen - das Dorf besaß einst Schloss und Park -, vom neuen Zusammenleben handfester Alteinwohner und romantisierender Berliner Neudörfler. Vor allem beschreibt die Icherzählerin sich selbst.

Achtsamkeit und Bienenzucht

Sie, eine Frau Mitte dreißig, hat vieles doppelt: zwei Kinder, zwei Männer (der Mann, der Liebhaber), zwei Therapeuten (einen Analytiker und eine Analytikerin). Ihre Selbstbeschreibung steckt voll schonungsloser Ironie. Lola Randl hat sich entschlossen, die Absurdität des stadtflüchtigen Menschen als das offenzulegen, was sie ist: "eine Flucht vor sich selbst". Alles, was zeitgeistig ist, wird durch den Kakao gezogen, die Naturliebe, die Bienenzucht und die neue "Achtsamkeit".

Der Weg zum guten Landmenschen, der den Kompost nach den komplizierten Regeln der Ökologie mischt, über Permakultur sinniert und ein Kompostklo in den Garten baut, verlangt neben Fachwissen auch Geduld. Was ist, wenn die Blumenwiese nicht aufgeht, wenn Ungeziefer das Junggemüse überfällt und die Natur den Launen des Menschen gegenüber absolut rücksichtslos ist?

Sex und Pflanzen-Düngung

Lola Randl beschreibt dies alles dramaturgisch geschickt als große Parallelgeschichte. Die Fortpflanzung und Düngung der Pflanzen und die Fortpflanzung und Pflege des Menschen, seine sexuellen Triebe und die Triebe im Kreislauf der Natur. Die Auswirkung von Umwelteinflüssen auf den Organismus von Mensch und Natur. Sie beschreibt das Liebesleben der Erzählerin im Haus an der Kurve und die Hilflosigkeit, die den guten Mensch überfällt, wenn er selbst Hilfe braucht. Aber am allerschönsten ist ihre liebevolle, oft auch komische Selbstironie - "wie friedlich es im Haus ist, wenn ich nicht da bin". Das sind Sätze, für die man Lola Randls "Großen Garten" amüsiert betritt.

Lola Randls "Großer Garten". Ein schön-spöttischer Text mit locker untergemischtem Fachwissen über das Landleben, die Natur, den Garten, das Gemüse und vor allem über die Selbstfindungsneurosen des psychisch instabilen Städters von heute.

Lola Randl: Der große Garten
Verlag Matthes und Seitz, Berlin 2019
310 Seiten, 20 Euro

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