Lokaljournalismus im Zeichen der Krise
2002 wurde der Zeitungsmarkt durch seine bislang größte Krise erschüttert, Blätter wurden eingestellt, Redaktionen ausgedünnt oder aufgelöst. Aber nicht nur die überregionalen Zeitungen litten unter der Krise, auch der Lokaljournalismus hat sein Gesicht durch den Auflagenschwund verändert. Ein Bericht aus Mecklenburg-Vorpommern.
"Rückblickend hat sich mein Leben seit 2002 ziemlich verändert - schleichend zwar – aber einschneidend. Erstens – und das mag vielen nicht so wichtig erscheinen, hat meine Oberarmuskulatur – vor allem auf der Innenseite, die so schwer zu trainieren ist, deutlich abgenommen.- Ergebnis - Armschwabbel. Das liegt wiederum daran, dass ich jetzt weniger – oder schneller Zeitung lese. Früher hat man - angefangen am Donnerstag - großformatiges bedrucktes Papier mit nicht unerheblichem Gewicht im 60 bis 90 Grad Winkel von sich gehalten - und das über mehrere Stunden - ein nicht zu verachtendes Muskelworkout – heute hält man immer noch Papier – aber nicht mehr soviel und auch nicht so lange."
Das war der Beginn der Medienkrise – der Zeitungskrise. Das war das Jahr, als Matthias Döpfner Vorstandsvorsitzender von Europas größtem Zeitschriftenkonzern, Axel Springer wurde - und als erstes die Redaktionen der "Welt" und der "Berliner Morgenpost" zusammenlegte. Als die Auflagenzahlen der Flagschiffe der deutschen Presselandschaft sich im freien Fall bewegten. Und der Leser lernen mussten, dass eine Häufung von Abos nicht ausreicht, um dem Lieblingsautoren seine Festanstellung zu sichern. Weil der sowieso schon gekündigt war und wie gut 50 Prozent seiner Kollegen jetzt "frei" arbeitete.
2002 - das war das Jahr, als sich das Lese-Ritual am Wochenende veränderte. Der Zeitungshaufen rechts hieß - aufheben und später noch mal in Ruhe lesen – Zeitungsstapel links war – Altpapier – darunter meistens Stellenanzeigen, KFZ– und Wohnungsmark, und Werbung. Der Stapel links – der wurde immer weniger – und das ist die Zeitungskrise. Denn Stellenanzeigen lässt man sich per Newsletter gezielt zuschicken, oder man sucht im Internet – und die Werbung vom Discounter bekommt man in den Briefkasten gesteckt.
"Anfang des Jahres bin ich nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen. Ein Land, das in der überregionalen Presse so gut wie nicht stattfindet – auch das ist die Zeitungskrise. War am Anfang der Aufbau in den neuen Bundesländern für die Redaktionen noch so wichtig, dass ausnahmslos alle einen eigenen Korrespondenten vor Ort hatten, so fielen diese Stellen dem Sparhammer als eine der ersten zum Opfer. Entweder stellen die Reporter einen Rekord im Langstreckenfahren auf und betreuen fünf Bundesländer gleichzeitig - oder die Redaktionen schicken jemanden vorbei, wenn man was wirklich Wichtiges passiert. "
Was das aber sein könnte – das kriegt man auch nicht auf den ersten Blick heraus, wenn man die bedruckten Papierbündel liest. Zeitaufwand am Wochenende - drei Tageszeitungen von Mecklenburg-Vorpommern, plus zwei Sonnstags-Anzeigenblätter (ohne Werbebeileger zusammen 410 Gramm) - eineinhalb Stunden. - inclusive der Teilnahme an den zahlreichen Gewinnspielen. Der Aufmacher am vergangenen Wochenende – zweimal die Hochzeit einer lokalen Sportgröße – einmal die Erhöhung der Energiepreise. In wirtschaftlich schlechten Zeiten verkauft sich Service besser als Meinung.
Am Wochenende leisten sich die Lokal-Zeitungen auch Kultur - eine Seite – inclusive Fernseh- und Veranstaltungsprogramm. Bei den längeren Artikeln, den 80-Zeilern, geht es meist um Service und Ratgeberthemen – Warum sind Hausarbeiten für Kinder wichtig, welche Pilze sind giftig. Thema im Lokalteil – der Fortgang der Bauarbeiten der Ortsumgehung - und die Meldung, dass ein Lokalpolitiker an einem Gottesdienst in seinem Wahlkreis teilnimmt. Wirklich bemerkenswert - ein 20-Zeiler über Amerikaner, die jetzt französischen Rotwein frosten und dann als Wein am Stil gegen die Sommerhitze in der Großstadt verkaufen. Und dass in den meisten Redaktionen der Schlussredakteur fehlt, fällt nur in jedem dritten Artikel auf.
90 Minuten – diese kaum mehr messbare Zeitersparnis könnte man natürlich wieder für Oberarmmuskeltraining aufwenden - aber das ist irgendwie nicht das gleiche. Dafür fahre ich jetzt zum Bahnhof und kaufe kiloweise neue Monats-Magazine, die die ganzen entlassenen Journalisten mit vielen schönen langen Geschichten füllen, die sie immer schon schreiben und ich immer schon mal lesen wollte. Und das, was vor Ort passiert, das erzählt mir der lokale Fernsehsender in einer Endlosschleife.
Das war der Beginn der Medienkrise – der Zeitungskrise. Das war das Jahr, als Matthias Döpfner Vorstandsvorsitzender von Europas größtem Zeitschriftenkonzern, Axel Springer wurde - und als erstes die Redaktionen der "Welt" und der "Berliner Morgenpost" zusammenlegte. Als die Auflagenzahlen der Flagschiffe der deutschen Presselandschaft sich im freien Fall bewegten. Und der Leser lernen mussten, dass eine Häufung von Abos nicht ausreicht, um dem Lieblingsautoren seine Festanstellung zu sichern. Weil der sowieso schon gekündigt war und wie gut 50 Prozent seiner Kollegen jetzt "frei" arbeitete.
2002 - das war das Jahr, als sich das Lese-Ritual am Wochenende veränderte. Der Zeitungshaufen rechts hieß - aufheben und später noch mal in Ruhe lesen – Zeitungsstapel links war – Altpapier – darunter meistens Stellenanzeigen, KFZ– und Wohnungsmark, und Werbung. Der Stapel links – der wurde immer weniger – und das ist die Zeitungskrise. Denn Stellenanzeigen lässt man sich per Newsletter gezielt zuschicken, oder man sucht im Internet – und die Werbung vom Discounter bekommt man in den Briefkasten gesteckt.
"Anfang des Jahres bin ich nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen. Ein Land, das in der überregionalen Presse so gut wie nicht stattfindet – auch das ist die Zeitungskrise. War am Anfang der Aufbau in den neuen Bundesländern für die Redaktionen noch so wichtig, dass ausnahmslos alle einen eigenen Korrespondenten vor Ort hatten, so fielen diese Stellen dem Sparhammer als eine der ersten zum Opfer. Entweder stellen die Reporter einen Rekord im Langstreckenfahren auf und betreuen fünf Bundesländer gleichzeitig - oder die Redaktionen schicken jemanden vorbei, wenn man was wirklich Wichtiges passiert. "
Was das aber sein könnte – das kriegt man auch nicht auf den ersten Blick heraus, wenn man die bedruckten Papierbündel liest. Zeitaufwand am Wochenende - drei Tageszeitungen von Mecklenburg-Vorpommern, plus zwei Sonnstags-Anzeigenblätter (ohne Werbebeileger zusammen 410 Gramm) - eineinhalb Stunden. - inclusive der Teilnahme an den zahlreichen Gewinnspielen. Der Aufmacher am vergangenen Wochenende – zweimal die Hochzeit einer lokalen Sportgröße – einmal die Erhöhung der Energiepreise. In wirtschaftlich schlechten Zeiten verkauft sich Service besser als Meinung.
Am Wochenende leisten sich die Lokal-Zeitungen auch Kultur - eine Seite – inclusive Fernseh- und Veranstaltungsprogramm. Bei den längeren Artikeln, den 80-Zeilern, geht es meist um Service und Ratgeberthemen – Warum sind Hausarbeiten für Kinder wichtig, welche Pilze sind giftig. Thema im Lokalteil – der Fortgang der Bauarbeiten der Ortsumgehung - und die Meldung, dass ein Lokalpolitiker an einem Gottesdienst in seinem Wahlkreis teilnimmt. Wirklich bemerkenswert - ein 20-Zeiler über Amerikaner, die jetzt französischen Rotwein frosten und dann als Wein am Stil gegen die Sommerhitze in der Großstadt verkaufen. Und dass in den meisten Redaktionen der Schlussredakteur fehlt, fällt nur in jedem dritten Artikel auf.
90 Minuten – diese kaum mehr messbare Zeitersparnis könnte man natürlich wieder für Oberarmmuskeltraining aufwenden - aber das ist irgendwie nicht das gleiche. Dafür fahre ich jetzt zum Bahnhof und kaufe kiloweise neue Monats-Magazine, die die ganzen entlassenen Journalisten mit vielen schönen langen Geschichten füllen, die sie immer schon schreiben und ich immer schon mal lesen wollte. Und das, was vor Ort passiert, das erzählt mir der lokale Fernsehsender in einer Endlosschleife.