Lockdown in Russland

Das Coronvirus ist ein Teil des Lebens geworden.

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Eine Frau in der Innenstadt von Moskau. Ein Schriftzug hinter ihr warnt: "Passen Sie auf sich auf!"
Überall in der russischen Hauptstadt werden die Moskauer gewarnt: "Passen Sie auf sich auf!". Nun ist das ganze Land im Lockdown. © picture alliance /dpa / Tass | Valery Sharifulin
Von Florian Kellermann  · 30.10.2021
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Ganz Russland ist ab sofort im Lockdown. Trotz der dramatisch steigenden Infektionen nehmen viele Menschen die Gefahr einer Erkrankung an Covid-19 nicht richtig ernst. Auch die Skepsis gegenüber dem Impfstoff Sputnik V bleibt unverändert groß.
Am Kiewer Bahnhof in Moskau geht eine achtspurige Straße vorbei. Sie war auch gestern stark befahren. Ein arbeitsfreier Tag, wie verordnet? - Davon war hier nichts zu spüren. Eldar, der am späten Nachmittag an der Bushaltestelle wartete, ordnungsgemäß Maske über Mund und Nase, wunderte das nicht.
"Die Geschäfte sind zwar geschlossen, aber sonst gehen alle normal zur Arbeit", sagt er. "Wenn jemand wirklich frei nehmen wollte jetzt, dann würde er einfach entlassen. Aber die Arbeitgeber müssen gar nicht drohen. Die Mitarbeiter verstehen ja alle, dass sie arbeiten müssen, damit die Wirtschaft nicht untergeht." Der 31-Jährige ist beim Zoll beschäftigt, seine Behörde müsse ohnehin rund um die Uhr arbeiten.
Aber nicht nur die Firmen kümmern sich wenig um Corona. Aus den Bussen, die hier ankommen, darunter auch moderne Batteriebetriebene, steigt jeder Zweite ohne Gesichtsmaske aus. Warum? Er möge das einfach nicht, sagt ein großgewachsener junger Mann kurz angebunden. Ein anderer dreht sich bei der Frage angewidert weg.
Eldar zuckt mit den Achseln: "Inzwischen ist es allen egal, was die anderen machen. Am Anfang, vergangenes Jahr, haben sich die Leute noch gestritten, die Maskenbefürworter und die Gegner. Jetzt hat sich die Meinung durchgesetzt, dass das jeder selbst wissen muss. Jeder hat seine Meinung zur Krankheit."

Dramatische Corona-Zahlen

In Moskau dauert der Lockdown schon seit zwei Tagen, in ganz Russland gilt er jetzt erst. Der Grund - die immer bedrohlichere Lage. Die Behörden meldeten 1163 wegen Corona Verstorbene, der nächste Rekordwert. Experten gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl noch viel höher liegt. Das deute die sogenannte Übersterblichkeit an, meinen sie. Demnach starben in Russland seit Beginn der Pandemie über 700.000 Menschen mehr als es ohne Corona zu erwarten gewesen wäre.
Und die Gesellschaft reagiere gar nicht, sagt Eldar. "Das Coronvirus ist ein Teil des Lebens geworden. Niemand schaut mehr auf Statistiken. Das Virus gehört jetzt zum Leben wie Regen oder die U-Bahn." Eldar stört der Lockdown, der offiziell als "arbeitsfreie Tage" bezeichnet wird, nicht. Das jetzt weitgehend geschlossene Einkaufszentrum am Kiewer Bahnhof in Moskau ist ihm ohnehin zu teuer.

Warnungen verhallen oft

Anders sieht die Sache Jelena Nikolajewna, eine 50-jährige Musiklehrerin, die in einem nahegelegenen Park ihren Hund ausführt: "Ich gehe in die Banja, also in die Sauna, auch ins Schwimmbad, ich mag das aktive Leben", sagt sie. "Jetzt bin ich in meinen Rechten beschränkt. Aber es stimmt ja, die Leute sind so starrsinnig, man muss sie wachrütteln." Eine Freundin in der Banja habe ihr gesagt: "Lena, lass dich bloß nicht impfen, das ist gefährlich. - Jeder, wie er meint. Eine Bekannte von mir ist mit 51 an Corona verstorben. Sie hat versucht, sich selbst zu heilen und ist zu spät ins Krankenhaus."
Nur zwei Passagiere in der sonst immer überfüllten Moskauer Metro 
Während die Moskauer Metro sonst täglich überfüllt ist, bleiben die Wagons derzeit relativ leer. Rentner dürfen nicht mehr kostenlos fahren. © picture alliance /dpa/ Tass | Gavriil Grigorov
Deshalb findet Jelena es schade, dass es im Lockdown kaum Privilegien gibt für Geimpfte wie sie. Mit wenigen Ausnahmen. So dürfen Rentner ohne Impfung nicht mehr kostenlos den öffentlichen Nahverkehr nutzen.

Skepsis gegenüber Sputnik V

Weiter hinten im Park, auf einer Bank, haben es sich Jakow und Michail mit einem Bier gemütlich gemacht. Die beiden 20-Jährigen handeln mit Baustoffen, wie sie sagen. Wegen des Lockdown gehe das Geschäft schlechter, sagen sie. Jakow ist gar nicht geimpft, Michail hat sich nur die erste Dosis von Sputnik V verabreichen lassen.
"In der zweiten Dosis sehe ich keinen Sinn. Denn ich habe nach der ersten Dosis schon ein Papier bekommen, wo etwas von Corona-Impfung draufsteht. Wenn ich das irgendwo vorzeige, halten mich alle für geimpft. Wir sind hier in Russland, da schaut keiner so genau hin."
Dabei wissen die beiden eigentlich, wie gefährlich Corona ist, dass die Krankenhäuser an ihre Belastungsgrenzen kommen. Warum sie sie sich nicht impfen lassen? Sie haben dafür eigentlich keine richtige Erklärung. Mal sagen sie, es fehle ihnen die Zeit. Dann, dass sie es ja tun würden, wenn die Regierung nicht so darauf dränge. Sie wollten sich einfach nicht zwingen lassen.
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