Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 12.12.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Konzert / Archiv | Beitrag vom 19.07.2019

Live von den Festspielen Mecklenburg-VorpommernRevolution in der Dorfkirche

Moderation: Volker Michael

Der Pianist David Kadouch (Marco Borggreve/Agentur Jacques Thelen)
Der Pianist David Kadouch spielt ein Solo-Rezital in Mecklenburg (Marco Borggreve/Agentur Jacques Thelen)

Der hervorragende französische Pianist David Kadouch gastiert bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. Sein Solo-Programm widmet sich den Revolutionen und Umwälzungen. Er beginnt mit Beethoven und endet bei Frederic Rzewski.

Eigentlich sollte es ein Duo-Abend werden, aber der junge französische Cellist Edgar Moreau ist leider kurzfristig erkrankt. Sein Duo-Partner David Kadouch hat die Herausforderung angenommen, den Abend in der Dorfkirche von Beidendorf südwestlich von Wismar allein zu bestreiten. Bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern ist er kein Unbekannter.

Innere Aufwallungen

Um Revolutionen, Streiks, Aufstände und andere politische wie psychische Aufwallungen strickt David Kadouch nun sein Solo-Programm. Wer dächte bei diesen Themen nicht an den alten Beethoven. Dessen Werke stehen wie ein Sinnbild für zeitgeschichtliche Bezüge in der musikalischen Kunst. Seine Klaviersonate mit dem eindrücklichen Titel "Pathétique" schrieb er in der Zeit, als er noch für Napoleon schwärmte. Ob die Leidenschaft, das Pathos in diesem Werk eines 27 Jahre alten Künstlers nicht auch etwas mit etwas Unpolitischem zu tun hatte?

Politischer Flüchtling Chopin

Ausgehend vom ganz Populären nähert sich David Kadouch im Laufe seines Solo-Rezitals dem Ungewohnteren und der Gegenwart. Schon vom Titel her passt Chopins Revolutionsetüde ins Konzept, das Scherzo op. 20 stammt ebenfalls aus einer Umbruchszeit. Der junge Chopin war auf Konzertreise in Zentraleuropa, als in seiner Heimat der patriotische Aufstand niedergeschlagen wurde. Er ahnte, dass er nie wieder würde nach Hause fahren können. Chopin war ein politischer Flüchtling und begründete die lang andauernde Tradition der Emigration polnischer Künstler. Dieses aufgewühlte Scherzo spiegelt die Seelenqualen des Komponisten.

Der zweite Teil von Kadouchs Klavier-Programm ist ganz offen politisch - Franz Liszt widmete die Begräbnisgesänge "Funérailles" den Opfern des Aufstandes 1848 in seiner Heimat Ungarn. Leoš Janáček nimmt in seiner kurzen Sonate sogar schon im Titel Bezug auf einen tschechischen Arbeiter, der am 1. Oktober 1905 vom österreichischen Militär in Brünn erschossen wurde. Und der US-amerikanische Avantgardist Frederic Rzewski, geboren 1938 in Massachusetts, schrieb seinen "Winnsboro Baumwollmühlen-Blues" auf der Basis eines Gesangs protestierender Textilarbeiter in South Carolina.

Die Dorfkirche Beidendorf (südlich von Wismar) (Festspiele MV)Die Dorfkirche Beidendorf (südlich von Wismar) (Festspiele MV)

Spielort ist die Dorfkirche von Beidendorf, südwestlich der Hansestadt Wismar gelegen, ein einschiffiger gotischer Backsteinbau, der vor allem durch seinen massigen Westturm beeindruckt. Der fast quadratische Chorraum der Kirche datiert aus dem 13. Jahrhundert, der Innenraum insgesamt eignet sich besonders gut für musikalische Darbietungen. Die revolutionär aufgeladene Musik werden die dicken Mauern schon aushalten.

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern
Live aus der Dorfkirche Beidendorf bei Wismar

Ludwig van Beethoven
Sonate Nr. 8 c-Moll op. 13 "Pathétique"

Frédéric Chopin
Etüde c-Moll op. 10 Nr. 12 "Revolutionsetüde"
Scherzo Nr. 1 h-Moll op. 20

ca. 20.45 Uhr Konzertpause

Franz Liszt
"Funérailles" aus: "Harmonies poétiques et religieuses"

Leoš Janáček
Sonate "1.X.1905"

Frederic Rzewski
"Winnsboro Cotton Mill Blues" aus: "Four North American Ballads"

David Kadouch, Klavier

Mehr zum Thema

Edgar Moreau und Il Pomo d'oro bei den BBC Proms - Das Gold des Apfels und des Cellos
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 09.08.2017)

Debüt im Deutschlandradio Kultur
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 09.05.2014)

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern - Unerhörte Elite
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 14.08.2015)

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur