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Rang I | Beitrag vom 20.04.2019

Live-Musik im Theater Die Musik als Mitspieler

Von Michael Laages

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Musiker der Brandenburger Symphoniker spielen am 30.07.2013 in Rheinsberg (Brandenburg) im Heckentheater des Schlossparks bei der Aufführung der Phantastischen Oper "Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach.  (picture alliance / Jens Kalaene)
Oft kommt Musik im Theater aus der Konserve - doch Live-Musik kann auch ganz bewusst eingesetzt werden (picture alliance / Jens Kalaene)

Musik hinterlässt sehr unterschiedliche Spuren im Schauspiel und sie ist eine Möglichkeit, ganz unterschiedliche Klangräume zu erschaffen. Und auch mit Stille kann man gestalten.

"Macbeth" steht an, das schaurig-blutige, archaische Ritual um Macht und Mord und Untergang – und im martialischen Schlachten-Getrommel bricht auch wütend-wuchtiger Saxophon-Sound über das erschöpfte Ensemble herein…

Ununterbrochen, äußerlich im Wortsinne "atemlos" (durch die im Jazz übliche Zirkular-Atmung) und optisch wie ein blonder Monster-Riese auf Kothurnen-Stiefeln, begleitet der aus Norwegen stammende Saxophonist Bendik Giske die sehr spezielle "Macbeth"-Version, die der isländische Regisseur und FAUST-Preisträger Thorleifur Örn Arnarsson in Hannover erarbeitet hat. Giske war von Anfang an Teil des Produktionsprozesses, erzählt Chefdramaturgin Judith Gerstenberg, und so müsse es auch sein:

"Das Mit-Entwickeln bei den Proben – weil: das ist natürlich Voraussetzung. Da geht es nur mit Live-Musik, weil die Musik als Spieler, als Mit-Spieler, reagieren können muss - was in den Vordergrund, was in den Hintergrund gedrückt werden muss und die Spieler sich auch sehr darauf verlassen. Das geht aber nur, wenn man gemeinsam die Probenzeit verbringt und nicht, wenn man in der letzten Woche dazu kommt."

In England, sagt Judith Gerstenberg, sei Live-Musik auf der Schauspiel-Bühne noch immer selbstverständlich; in Hannover hat sie den Live-Sound im Schauspiel forciert, neulich auch für Brechts "Arturo Ui".

Musik als Spielplatz für Phantasien 

Hier hat Peer Baierlein Claudia Bauers Inszenierung mit filigranen Sprech-Gesängen für gemischten Chor ausgestattet – Musik im Schauspiel ist ein Spielplatz für unterschiedlichste Phantasien.

Das ist Bühnenmusik von einem der erfahrensten Handwerker dieser sehr besonderen Kunst: Dirk Raulf kam vom Jazz und hat erste Theater-Musiken noch für Frank-Patrick Steckel am Schauspielhaus in Bochum komponiert und live gespielt, vor über 30 Jahren. Wie kommt eigentlich Musik ins Schauspiel?

"Kann sein, dass der Regisseur sich Musik wünscht; es kann sein, dass das Haus Musik haben will; es kann sein, das im Stück Musik steht. Es kann aber auch sein, dass im Stück Musik steht, und der Regisseur will keine haben; oder das im Stück keine Musik, das Haus will aber welche haben, weil es einen Knaller rausbringen will ... also es gibt unendlich viele Varianten, würde ich sagen. Die einzige Variante, die es nicht gibt, ist, dass der Musiker sich das wünscht ..."

"...der Regisseur darf den Antrag stellen, ob er einen Musiker mitbringen darf oder nicht, und da muss man dann manchmal auch sehr ausführlich argumentieren. Manchmal lohnt es sich, manchmal ist es auch von vornherein verlorene Liebesmüh‘, wenn man nicht anfängt, ganz konkret mit Zahlen zu operieren – das heißt: Gagen zu verschieben oder sonst was ... Ich persönlich bin am Theater, weil das sozusagen eine Kollektiv-Kunst ist."

…das sagt der Regisseur Martin Schulze, dessen Arbeiten Raulf seit Jahren musikalisch begleitet; sie sind ein Produktionsteam wie Regisseur Ersan Mondtag und Musiker Max Andrzejewski. Raulf und Schulze haben sich unabhängig gemacht – und zeigen derzeit im Repertoire der "Freien Theater-Werkstatt" daheim in Köln das erste richtig eigene Projekt: "Margarethe oder Der blutende Wald". Da spielt Dirk Raulf nicht nur live, er ist auch sein eigener Text-Autor.

Klang-Räume können auch leer sein 

Die Arbeit des Bühnenmusikers beschreibt er so:

"Wie Bühnenbildner halt für den optischen Raum zuständig sind, bin ich für den akustischen Raum zuständig. Es geht ja nicht nur um Musik – klassisch handgemachte Musik ist dann Teil der ganzen Angelegenheit. Es können auch reine Soundscapes sein, es kann ganz sparsam, es kann ganz fett sein ... es ist im Grunde heutzutage verwandt dem, wenn man ein bisschen bewusst hinhört, in der Filmmusik vielleicht wahrnimmt."

Oft bringen Regisseurinnen und Regisseure aber lieber die eigenen Lieblingsplatten mit …

"Wenn Regisseure von vorn bis hinten der Meinung sind, dass sie es eigentlich besser wissen, kommt es meistens zu nem ‚Kessel Buntes‘..."

Klang-Räume, wie Raulf sie versteht, können auch völlig leer sein:

"Mein Ideal, was ich bisher erst einmal erreicht habe, ist, als Musiker engagiert zu werden und keine Musik zu machen..."

…denn:

"... im Sinn von Stille! Ich meine, selbst eine Rhythmisierung von Sprache und Stille ist ja auch ein musikalischer Parameter. Ich meine: Was ist Stille? Das ist einfach ein akustisches Erlebnis – Stille."

Präsent sind sie wie lange nicht mehr, die Musiker im Schauspiel; Sparmaßnahmen hin oder her. Und die meisten haben, wie Bendik Giske in Hannover und wie Dirk Raulf, ein Ziel:

"... einen Klang oder einen Raum zu finden für die jeweilige Inszenierung, mit der der Zuschauer dann auch nach Hause geht."

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