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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.04.2016

Literaturfestival in Ascona"Wer das Jenseits sucht, negiert das Leben"

Von Holger Heimann

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Buchlesung auf dem Monte Verità am Lago Maggiore (undatiert)
Eine Buchlesung auf dem Monte Verità am Lago Maggiore.

Vor 100 Jahren wollten die sogenannten Lebensreformer am Monte Verità im Schweizer Kanton Tessin die Welt verändern. Daran knüpft das Literaturfestival in Ascona an, das diesmal "Utopie und Liebe" zusammenbrachte.

Das Glück beschaulicher Zeiten ist vorüber. Mit den Flüchtlingen ist das Elend dieser Welt näher gerückt. Auch der islamistische Terrorismus macht an den Grenzen Europas nicht länger halt. Beim Literaturfestival im schweizerischen Ascona, das sich der Utopie und der Liebe zuwandte, sollte die neue Unruhe jedoch außen vor bleiben.

Das Lesefest, das in den Jahren zuvor mit "Utopie und Gedächtnis", "Utopien und Dämonen" sowie "Utopien und herrliche Obsessionen" überschrieben war, wollte abermals an die frühen Sinnsucher auf dem Monte Verità – dem Berg der Wahrheit – anknüpfen.

"Man muss nicht immer den aktuellen Themen hinterherhecheln"

Ohne den Begriff der Utopie geht es nicht in Ascona. Doch warum kam in diesem Jahr ausgerechnet die Liebe hinzu? Der Berliner Dichter und Kulturimpresario Joachim Sartorius, der für das Programm zuständig ist, verteidigte die unzeitgemäße Wahl:

"Es wurde jetzt immer behauptet, das sei ein eskapistisches Thema angesichts der Schrecklichkeiten, die auf der Welt passieren. Aber jetzt kann man nicht nur die Flüchtlingsproblematik und die Kriege von Libyen bis Syrien abhandeln. Man muss auch das Zwischenmenschliche zeigen und behandeln. Man muss ja nicht immer den aktuellen Themen hinterherhecheln."

Die harsche neue Wirklichkeit war – ungeplant – trotzdem immer wieder Thema – sowohl bei der Eröffnung durch den Bestsellerautor Ian McEwan, als auch an den drei folgenden Festivaltagen. Der Literaturwissenschaftler Peter von Matt dachte über den Narzissmus von Diktatoren nach und der Schriftsteller Lukas Bärfuss meditierte über die Verbindung von Liebe und Krieg.

"Vorstellung eines Jenseits ist eine utopische Idee"

McEwan war zuvor bereits auf das gewalttätige Potenzial religiöser Heilserwartungen zu sprechen gekommen, wie es sich etwa im Terror des Dschihad austobt:

"Ich denke, der brennende Glaube, dass das wahre Leben erst kommt und die Gegenwart nicht zählt, ist zerstörerisch. Wenn man annimmt, dass unser irdisches Dasein bloß eine Illusion ist, nichts von großer Bedeutung, und dass wir erst nach dem Tod Erlösung und Glück finden, dann negieren wir unser Leben.

Religionen sind zwar nicht unbedingt totalitär. Aber die Vorstellung eines Jenseits ist eine utopische Idee. Entscheidend ist, mit welcher Hingabe man ihr anhängt. Wer nur darauf wartet, endlich ins Jenseits zu gelangen, der verschwendet das Leben, das wir haben, und kann jegliches Leid ignorieren."

Das Gespräch mit dem unprätentiösen McEwan verlor sich dann leider zunehmend in Details seines Werks. Die Lesung aus seinem neuen Roman "Nussschale", der im Herbst erscheinen wird, wurde hingegen zu einem Ereignis – auch ohne jeglichen Utopie- und Liebesbezug: Während sich die untergehende Sonne im Lago Maggiore spiegelte, war auf der malerischen Piazza von Ascona ein Schriftsteller zu erleben, den man so bisher nicht kannte. Denn mit dem neuen Roman hat der Londoner einen zur Perfektion gebrachten psychologischen Realismus hinter sich gelassen.

Die Erzählerstimme in "Nussschale" gehört einem ungeborenen Kind. Geplant war das eigentlich nicht, verriet der Autor.

"Ich begann den Roman mit dem ersten Satz. Ich musste einfach nur dasitzen und warten. Plötzlich war da diese Stimme und sagte die Worte, die ich in mein Notebook schrieb und aus denen sich alles weiter ergab: 'Hier bin ich also – kopfüber in einer Frau'."

Ende des Dornröschenschlafs

Vielversprechend fing vor hundert Jahren auch die Geschichte der Lebensreformer vom Monte Verità an: Von den frühesten Träumern, die am Lago Maggiore ihre Idee von einem alternativen Leben zelebrierten, fühlten sich rasch Künstler aller Couleur angezogen. Später versank der Berg – der eher ein Hügel ist – dann allerdings in einen langen, tiefen Dornröschenschlaf. Mit dem Festival hat sich das nun geändert.

Im Sommer soll das lange verschlossene Haupthaus der frühen Siedler, die berühmte Casa Anatta, wieder zugänglich sein. Im bereits restaurierten Russenhaus ist derzeit eine kleine Ausstellung des Neo-Dadaisten Ben Vautier zu sehen.

"Utopia, Civilta, Anarchia – tanto tanto bla bla bla" – hat er aufgeschrieben; daneben jedoch auch die Aufforderung: "Utopia? Vivetela!" – "Utopie? Lebt sie!".

In den Augen vieler, die weiterhin aus Kriegsgebieten nach Europa aufbrechen, dürfte das wohlhabende Ascona am Fuß des Monte Verità nichts weniger als ein wahr gewordenes Zukunftsversprechen sein. Vielleicht werden die Geschichten der Neuankömmlinge irgendwann auch einmal auf dem Berg erzählt.

Mehr zum Thema

Literatur - Die Schattenseiten der Utopien
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 13.04.2014)

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