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Im Gespräch | Beitrag vom 12.06.2020

Literaturagentin Elisabeth RugeMit Mut und Leidenschaft für gute Bücher

Moderation: Britta Bürger

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Die Verlegerin und Literaturagentin Elisabeth Ruge, im Hintergrund ist eine Straßenkulisse zu sehen (Stefan Nimmesgern)
Die Literaturagentin Elisabeth Ruge ist sich sicher, "dass es da draußen eine unglaubliche interessierte, gebildete Leserschaft gibt." (Stefan Nimmesgern)

Ihr Gespür für gute Geschichten ist legendär. Elisabeth Ruge war Verlegerin und Lektorin. Heute betreibt sie ihre eigene Agentur. Stoff bietet auch ihre Familie: Ihr Großvater gehörte zum Kreis der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944.

Als sie als Zehnjährige mit ihrer Familie aus den USA nach Bonn-Bad Godesberg kam, sei das "ein echter Kulturschock" gewesen, erzählt Elisabeth Ruge. Geboren 1960 in Köln, hatte sie als Tochter des bekannten TV-Journalisten Gerd Ruge immerhin die ersten Jahre ihrer Kindheit im Amerika der aufkommenden Bürgerrechtsbewegung erlebt.

"Das war ja eine Stimmung des Aufbruchs in Washington", sagt Elisabeth Ruge. "Und plötzlich war ich in diesem Bonn-Bad Godesberg, wo ich überhaupt nicht verstand, was das für eine Welt ist und mir das alles sehr im Stillstand begriffen schien." Als "sehr klein, eng und vermufft" habe sie die Stadt wahrgenommen.

Ein legendäres Gespür für Figuren und Stoffe

Ihren weltoffenen Blick hat die heute 59-Jährige aber auch dort bewahrt und weiterentwickelt. Als junge Frau liebte sie amerikanische wie russische Literatur gleichermaßen, studierte Anglistik, Amerikanistik und Slawistik und stieg später von der Lektoratsassistentin bis zur Verlegerin auf. Sie war Mitbegründerin des Berlin-Verlags und leitete Hanser-Berlin.

Seit fünf Jahren betreibt sie nun die "Elisabeth Ruge Agentur". Ihr Gespür für Stoffe und Figuren gilt als legendär. Wie schon als Lektorin, Programmmacherin und Verlegerin zeigt sie sich überzeugt, "dass es da draußen eine unglaubliche interessierte, gebildete Leserschaft gibt. Und dass wir uns keinen Gefallen tun, wenn wir in vorauseilendem Gehorsam, weil die Menschen sich angeblich nicht länger als so und so viele Minuten konzentrieren können, unser Programm auf ein Mittelmaß herunterdimmen, das eigentlich gar keine Herausforderung mehr bedeutet. Da befremden und entfremden wir Leserinnen und Leser."

Der 20. Juli 1944 – mehr als Stauffenberg

Seit langem beschäftigt sich Elisabeth Ruge außerdem mit ihrer eigenen Familiengeschichte. Ihr Großvater, Fritz-Dietlof von der Schulenburg, gehörte zum engsten Kreis der Widerstandskämpfer, die am 20. Juli 1944 das Attentat auf Adolf Hitler verübten. Gerade schreibt sie ein Buch über drei ihrer Vorfahrinnen, darunter ihre Großmutter, die in die Pläne ihres Mannes eingeweiht war.

"Sie wusste, worauf sie sich eingelassen hat. Und als sie sich das letzte Mal gesehen haben, in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli, da hat er ihr beim Abschied gesagt: Es steht 50/50. Sie wusste, dass es auch schlecht ausgehen kann."

Und es ging schlecht aus. Das Attentat misslang. Fritz-Dietlof von der Schulenburg wurde noch am selben Tag verhaftet und wenige Wochen später in Berlin-Plötzensee gehenkt. Seine Frau, Elisabeth Ruges Großmutter, blieb mit sechs Kindern zurück.

"Sie hat das mit einer großen Souveränität bewältigt. Man kann es sich kaum ausmalen. Das war eine große Liebe, eine große innere Verbundenheit."

Die Mutter als rätselhaftes Buch

Die Kindheit und Jugend Elisabeth Ruges war auch geprägt von der Schizophrenie ihrer Mutter, die zehn Jahre alt war, als ihr Vater hingerichtet wurde. Die Krankheit habe später sicherlich auch Einfluss auf ihre Arbeit gehabt, sagt die Literaturagentin.

"In gewisser Weise könnte ich sagen, dass meine Mutter für mich auch ein rätselhaftes Buch war: Eine Person, die ich lesen musste."

Auch als Agentin interessiere sie sich vor allem für Geschichten mit "Figuren, die eine psychologische Tiefe haben."

(era)

Bei dem Interview handelt es sich um eine Wiederholung vom 11. Juli 2019.

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