Literatur

Günter Grass (fast) zum Anfassen

Günter Grass bei einer Lesung © JOHN MACDOUGALL / AFP
Von Dirk Schneider · 07.07.2014
Ein Abend mit dem berühmten Autor persönlich. Das wollten sich 150 Lehrer in Lübeck nicht entgehen lassen. Eine richtige Diskussion mit Günter Grass war zwar nicht möglich, aber für einen Austausch reicht es allemal.
"Ich wollte mir eine Veranstaltung mit dem Autor nicht entgehen lassen."
"Also ich bin erst mal aus ganz persönlichem Interesse da. Ich bin nicht mal Germanist, sondern Lehrer für Englisch und Geschichte. Aber für Geschichte gibt es da ja vielfältige Anknüpfungspunkte. Desweiteren berührt mich das ganz einfach literarisch, das ist einfach ein ganz interessanter Stoff."
"Ich glaube ich möchte Grass zu seinem eigenen Werk einfach mal sprechen hören. Was er dazu sagt. Ihn erleben so in diesem Zusammenhang."
Es ist doch eher das persönliche Interesse an Günter Grass und seinem Werk, das an diesem Abend rund 150 Lehrerinnen und Lehrer in die Lübecker Stadtbibliothek hat kommen lassen. Eine Interpretation seiner Novelle "Im Krebsgang", die Prüfungsthema des Schleswig-Holsteinischen Zentralabiturs sein wird, gibt der Literaturnobelpreisträger sicher nicht ab.
"Günter Grass weigert sich vehement, selber Interpretationen über sein Werk zu geben. Ich glaube es ist einfach spannend für die Lehrer aus erster Hand zu erfahren, wie der Arbeitsprozess bei Günter Grass aussieht, wie er auf die Idee zu dem Buch kam, wie er die Rezeption bewertet, diese Debatte über die Opfer in einem selbst verschuldeten Krieg."
...erklärt Jörg- Philipp Thomsa, Leiter des Lübecker Günter-Grass-Hauses, die Idee zu dem Abend:
"Es gibt auch eine Ironie der Geschichte, nämlich dass in fast jedem seiner Werke mindestens ein Lehrer vorkommt. Also er freut sich auch, dass er einige Schultraumata heute vielleicht noch erfolgreich lindern kann."
Die Lehrer wollen "Im Krebsgang" nicht nur als Antikriegsbuch sehen
Ein Gespräch zwischen Lehrern und Autor wird es an diesem Abend aber nicht geben. Die Lehrkräfte müssen ihre Fragen auf Zetteln einreichen, unterteilt in die Themenfelder "Entstehung", "Inhalt und Form", "Rezeption" und "Sonstiges". Grass, der selbst kriegsbedingt kein Abitur gemacht hat und später ein "Ehrenabitur" verliehen bekam, freut sich, dass sein Buch Abiturthema ist:
"Das finde ich sehr toll, dass auf eine eindringliche und vielschichtige Weise einer nachgeborenen Generation die Schrecken des Krieges und die Konsequenzen politischen Handelns vor Augen führt. Wir befinden uns heute in einer Situation, in der wir an die Schrecken des Ersten Weltkrieges erinnern und gleichzeitig bröckelt es an allen Ecken und Kanten und zeichnet sich eine möglicherweise um sich greifende Kriegsgefahr aus."
Doch die Lehrer wollen "Im Krebsgang" gewiss nicht nur als Antikriegsbuch verstanden wissen. Das Problem, dass Günter Grass mit dem Untergang der "Wilhelm Gustloff" das Leiden der Deutschen im Zweiten Weltkrieg thematisiert, wird Thema auf dem Podium. Grass betont noch einmal, er sei nicht der Erste gewesen, der das Thema aufgegriffen hat, und er habe dies in seiner 2002 erschienenen Novelle auch nicht zum ersten Mal getan:
"Es gibt von Nossack eine eindringliche Schilderung der Zerstörung Hamburgs, es gibt eine Reihe von Literaturbeispielen, in denen das Thema war. Nur waren die von Deutschen verübten Verbrechen in den ersten Jahrzehnten vordringlich. Und das gilt es zu respektieren. Und was die Vertreibung betrifft: Bei mir in der 'Blechtrommel' wird sehr eindringlich die Vertreibung der Familie Matzerath in einem Güterwagen beschrieben. Es gibt eine Fülle von Büchern, in denen das sicher nicht das Hauptthema ist, aber gewichtig am Rande mit eine Rolle spielt. Man hat künstlich einen Konflikt daraus gemacht."
Für Günter Grass ist das Ende des Zweiten Weltkriegs tatsächlich mit einem Verlust verbunden, mit einem Verlust von Sprache:
"Wir haben immer davon gesprochen, wir haben deutsche Provinzen verloren. Was ja stimmt. Aber wir haben auch im Sprachbereich Dialekte verloren, darunter das Schlesische, eine literaturfähige Sprache. Wir haben nichts, nichts, nichts, absolut nichts dafür getan, um diese Dialekte in irgendeiner Form aufzubewahren, zu erhalten. Das ist ein Sprachverlust ohne Gleichen."
Tulla Pokriefke war die Schwester von Oskar Matzerath
Es gibt einiges Interessantes zu erfahren vom Autor, zum Beispiel über die Familiengeschichte der Grassschen Figuren. Etwa dass Tulla Pokriefke, die ostpreußische Mutter des Erzählers von "Im Krebsgang", von Grass einst als Schwester des Oskar Matzerath aus der "Blechtrommel" erfunden wurde:
"Mitten in der Manuskriptarbeit an der 'Blechtrommel' wollte ich Oskar Matzerath eine Schwester, eine kleine Schwester zur Seite stellen. Und er hat sich geweigert. Da kann ein Autor nichts machen, nicht."
Darüber hinaus ist der Abend immer wieder Werbeveranstaltung für das Lehrerangebot des Günter-Grass-Hauses, auf das dessen Leiter Thomsa bei jeder Gelegenheit hinweist und dafür auch von Grass als guter Verkäufer gepriesen wird:
"Sie sind ein fantastischer Verkäufer!"
Jörg-Philipp Thomsa: "Danke, dafür werde ich bezahlt."
Ob Günter Grass noch als moralische Instanz des Nachkriegsdeutschland gelten kann, nach dem Bekanntwerden seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS, nach seinem israelkritischen Gedicht "Was gesagt werden muss" - auch das wäre eine Frage, die Lehrer stellen könnten, gerade wenn es um die schulische Vermittlung seiner Stoffe geht. Eine sehr große Frage, die an diesem Abend ausgespart wird, sei es von den Lehrern, sei es von Moderator Thomsa, und sie hätte auch den Rahmen gesprengt. Der Einsatz von Drohnen in einem Krieg, der nie erklärt wurde, ist Grass einige scharfe Worte wert:
"Die Diskussion, die im Bundestag geführt wurde, über den Kauf von Drohnen, bewaffneten oder unbewaffneten, ist reine Augenwischerei. So fangen Verbrechen an."
Seiner Rolle als moralische Instanz, in diesem Fall für die schleswig-holsteinischen Abiturienten, wird Grass dann noch gerecht mit seinem Aufruf, selbst zu denken und eigene Lesarten zu wagen:
"Denn jeder Interpretationsversuch, der vom Lehrer angeregt wird, verführt die Schüler zum Opportunismus."
Und er endet mit seinem Gedicht "Einige Vorschläge zur schulischen Rückbildung":
"Erst wenn der Nichtsnutz Primus wird, kann wieder die Rede von Fortschritt sein. Dem Verzicht als Profit gilt. Nach endlosem Streit um die Reform von Reformen wächst Sehnsucht nach Pädagogen, deren Lehre den Stillstand fördert."