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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.04.2007

Literatur als Droge

Uwe Wittstock: "Die Büchersäufer", Zu Klampen Verlag, 173 Seiten

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Treffen von Literatur-Abhängigen - die Leipziger Buchmesse (AP)
Treffen von Literatur-Abhängigen - die Leipziger Buchmesse (AP)

In "Die Büchersäufer" unternimmt Uwe Wittstock Streifzüge durch ein Milieu, dessen Suchtverhalten allgemein akzeptiert, ja sogar gefördert wird. Wittstock schildert auf amüsante Weise den Wahnsinn, Bücher zu lieben, zu machen und zu verkaufen.

Es gibt sie fast überall auf der Welt. Unlängst versammelten sie sich für mehrere Tage in Leipzig, kurz darauf sogar in Abu Dhabi. Gänzlich ungeniert bekennen sie sich zu ihrer Sucht und versuchen schamlos, selbst Kinder und Jugendliche damit anzustecken: Literaturjunkies.

Im Vorwort seines kleinen Büchleins "Die Büchersäufer" warnt Journalist und Autor Uwe Wittstock mit angemessenem Ernst vor dem Schicksal dieser Lesesüchtigen, Readaholics, Bücherbesessenen, die gewohnheitsmäßiger Lektüre von Druckerzeugnissen verfallen sind. Seine Auswahl der Porträtierten, bekennt der Autor sogleich, sei subjektiv. Er konzentriert sich vor allem auf diejenigen, die für Produktion und Vertrieb von Büchern zuständig sind. Nicht auf die Konsumenten. Insofern trifft der Untertitel des Buches "Streifzüge durch den Literaturbetrieb" dessen Inhalt präziser. Es ist für Büchersäufer geschrieben, handelt aber überwiegend von Dealern und der Droge selbst.

Autor Uwe Wittstock ist ein klassischer Co-Abhängiger. Er lernte das Handwerk des Literaturredakteurs unter der Ägide Marcel Reich-Ranickis bei der FAZ. Wirkte später als Herausgeber und Verfasser von Büchern und ist derzeit Redakteur der Tageszeitung "Die Welt". Die Aufsätze seines neuen Bandes sind zum größten Teil bereits dort, sowie in anderen Blättern erschienen. Das spricht für das Talent des Autors, seine Arbeit unter ökonomischen Gesichtspunkten zu organisieren. Und, Hand aufs Herz, wer macht sich schon die Mühe, Wittstocks Artikel aus der Printmedienmasse herauszufiltern? Man kann also dankbar sein, dass einige von ihnen nun in diesem handlichen Büchlein versammelt sind.

Der Grundton ist unterhaltsam, ironisch, der Inhalt informativ. Nicht zu knapp und nicht zu ausführlich erfährt der Leser Erhellendes über "Lauter letzte Sätze" oder den inzwischen über dreißigjährigen "Ordnungsstifter für notorische Büchersäufer" - Billy, das schlichtpraktische IKEA-Regal.

Im Kapitel "Literatur und Leibesübungen" befasst sich der Autor mit dem Verhältnis von Sport und Literatur. Vornehmlich mit dem Boxen und dessen Faszination für so unterschiedliche Autoren wie Hemingway, Pound, Sartre, Brecht, Wondratschek oder jüngst Clemens Meyer. Auch auf Tennis als literarisches Motiv geht er ein. Oder Fußball - beispielhaft dargestellt anhand der Wiederentdeckung eines Gedichtes von Johannes R. Becher. Der ehemalige expressionistische Lyriker und spätere Kulturminister verdeutlicht sinnfällig, wie eng Sport und Kultur als nationale Identitätsstifter zusammengehören: "Ein Fußballspiel - und gleichfalls eine Fuge. / Zusammenhang wird zum Zusammenklang. / Der Sieg des Ganzen - aller Meisterschaft."

Wittstock vermischt Aufsätze zu Sachthemen mit Porträts. Engagierte Buchhändler und Vertreter primär wirtschaftlich agierender Buchhandelsketten, wie beispielsweise Thalia oder Weltbild, kommen zu Wort. Man erfährt etwas über die Hintergründe eines Verteilungskampfes, dessen Brutalität beim Betreten eines Buchladens nicht unbedingt ins Auge springt.

Unterschiedliche Verleger stellt Wittstock vor: Pleitier Gerd Haffmans, Bernd F. Lunkewitz, ehemaliges KPD-ML Mitglied, Immobilienmanager und Retter des Aufbau Verlages, oder auch die junge Daniela Seel, Gründerin des erfolgreichen Kookbooks-Verlages. Sie geben Einblick in ihre Geschäftsphilosophie, den ganz normalen Wahnsinn, Bücher zu lieben, zu machen und zu verkaufen.

Ein ausführliches Kapitel ist dem "Genre" gewidmet. Wittstocks Interesse richtet sich nicht allein auf die literarische Hochkultur, er würdigt ebenso die Welt des Heftromans, des Comics, der Krimiserien. Eine besondere Neigung des Autors gilt der "Neuen Frankfurter Schule", den Witz-und Kalauerproduzenten, Spaßmachern und Satirikern im Umfeld der Zeitschriften "Pardon" und "Titanic". Ihnen spricht Uwe Wittstock eine "machtvolle Wirkungsgeschichte" zu. Deren Geist hat den Autor wohl auch beim Protokollieren seiner Streifzüge animiert. Es ist vergnüglich, ihn dabei zu begleiten, von hier nach dort, ohne rechtes Ziel. Ein Buch zum Weglesen, eine Tagestour, die nicht erschöpft.

Rezensiert von Carsten Hueck

Uwe Wittstock: Die Büchersäufer. Streifzüge durch den Literaturbetrieb
Springe, Zu Klampen Verlag
173 Seiten. 16,00 Euro

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