Literarischer Brückenbauer im Nahost-Konflikt

Sperranlage zum Westjordanland © AP
25.02.2009
Der irakische Journalist und Schriftsteller Najem Wali ist im Jahr 2007 durch Israel gereist. In dem Band "Reise in das Herz des Feindes" hat Wali seine Eindrücke festgehalten und zeichnet erstaunlich viel Verbindendes zwischen Juden und Arabern auf.
Najem Walis Buch ist allein durch seine Existenz ein Novum in der Geschichte der arabischen Literatur. Gewidmet hat es der 1956 in Basra geborene Autor seinem ehemaligen Kinderarzt Dawud Gabbay. Anfang der 60er-Jahre hatte er Najem Wali das Leben gerettet. Gabbay, ein irakischer Jude, war wohlangesehen bei den muslimischen Nachbarn. Seine Religionszugehörigkeit spielte keine Rolle.

Die Widmung gibt den Grundton des Buches vor. Wali sucht und findet das Verbindende zwischen Juden und Arabern. Damit ist sein Buch für viele - vor allem in der arabischen Welt - ein Skandal. Allein die Tatsache, dass man Israel bereist, gilt dort als Verrat.

Dass Wali nicht Feinbilder nachzeichnet oder Propagandalügen wiederholt, sich offen und neugierig auf Begegnungen und Freundschaften einlässt, auch die Politik arabischer Staaten kritisiert, hat bereits dazu geführt, dass der Autor, der auch als Kolumnist der arabischen Zeitung "Al-Hayat" arbeitet, spürbar weniger Aufträge erhält. Und sein neuer Roman erscheint nun ebenfalls nicht - Designer und Vertrieb verweigerten die Mitarbeit, Walis arabischer Verleger fürchtet um seine Existenz.

Dabei sind Bücher wie dieses - bislang übersetzt ins Deutsche, Englische und Hebräische - notwendiger als wissenschaftliche Erörterungen und weitaus gehaltvoller als politische Verlautbarungen. Dieses Buch baut eine Brücke. Der Leser kann dem Autor auf seiner Reise folgen. Er erlebt dessen Ängste und Überraschungen, teilt die Erkenntnisse und Erfahrungen eines Mannes, der Feindbilder und Klischees abbaut, weder Juden noch Araber hasst.

Stattdessen vermittelt er in seinem Reisebericht die Angst der Israelis oder die Verbundenheit irakischer Juden mit ihrer alten Heimat. Der Taxifahrer, der den Autor vom Flughafen Lod nach Haifa chauffiert, weigert sich, das Entgeld für die zweistündige Fahrt anzunehmen. Er ist irakischer Jude, der sich bestens mit dem arabischen Gast versteht. Und dem wird plötzlich anschaulich - als er bei israelischen Bekannten in einem Bunker übernachtet - wie wenig einst Saddam Hussein sein Volk liebte: In Bagdad hatte es selbst nach dem achtjährigen Krieg mit dem Iran noch keine Bunker gegeben.

Haifa ist für Wali eine beispielhaft demokratische Stadt - in dem Sinne, dass dort die Rechte der arabischen Minderheit garantiert werden, dass Juden und Araber miteinander leben und jüdische, christliche und muslimische Jugendliche im Straßenbild nicht voneinander zu unterscheiden sind. Er stellt fest, dass Lebensstandard und Freiheitsrechte der Palästinenser in Israel größer seien als anderswo.

Wali besucht historische Ausgrabungsstätten, einen Kibbuz, Jerusalem und Tel Aviv. Im Kontext der Lebensgeschichten von Menschen, die ihm dabei begegnen, zeichnet er immer wieder Etappen des historischen Konflikts zwischen Arabern und Israelis nach. Insbesondere geht er auch auf die Situation im Irak, im Libanon und in Syrien ein.

Ein verdienstvolles Buch, reich an Informationen, im besten Sinne kritisch und engagiert geschrieben. Einige sprachliche Unebenheiten und kleinere Ungenauigkeiten bei der Beurteilung der Verhältnisse - beispielsweise des Kibbuzsystems - trüben den positiven Gesamteindruck nur geringfügig. Walis Buch plädiert überzeugend dafür, die von Generationen geprägte Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Arabern und Juden höher einzuschätzen als die Augenblicke des heutigen Konflikts.

Rezensiert von Carsten Hueck

Najem Wali: Reise in das Herz des Feindes. Ein Iraker in Israel
Aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien
Carl Hanser Verlag, München 2009
239 Seiten, 17,90 Euro
Mehr zum Thema