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Frühkritik | Beitrag vom 11.04.2020

Lisa Sandlin: "Family Business"Korrupter Alltag in Nixons Amerika

Von Sonja Hartl

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Buchcover von Lisa Sandlin : "Family Business - Ein Fall für Delpha" auf pastellfarbenen Hintergrund. (Suhrkamp / Deutschlandradio)
Verfeindete Brüder, falsche Namen: Lisa Sandlins neuer Krimi führt tief in familiäre Abgründe. (Suhrkamp / Deutschlandradio)

Babe Ruth, Watergate und Billie Jean King: Lisa Sandlins "Family Business" ist ein wunderbar leicht erzählter Kriminalroman über die USA im Jahre 1973 - und ein neuer Job für ihre ungewöhnliche Ermittlerin Delpha Wade.

Beaumont im Südosten von Texas im Jahr 1973. Nixon ist noch im Amt, die Watergate-Anhörungen laufen, und Delpha Wade versucht, sich ein halbwegs normales Leben aufzubauen. 14 Jahre saß sie im Gefängnis, weil sie den Mann getötet hat, der sie vergewaltigen wollte. Nun ist sie auf Bewährung frei, hat eine Anstellung als Sekretärin bei dem Privatdetektiv Tom Phelan und hatte am Ende des ersten Teils "Ein Job für Delpha" wieder einen Mann getötet. Diesmal ist der Tote ein Serienmörder - und Phelan hat ihr einen Anwalt besorgt.

Delpha Wade bleibt auf Bewährung draußen und behält ihren Job. Nun kann sie sich mit 32 Jahren das erste Mal überlegen, was sie im Leben erreichen will. Außerdem haben Phelan und sie einen neuen Auftrag: Der alte Xavier Bell will, dass sie seinen zwei Jahre jüngeren Bruder ausfindig machen. Angeblich hat er vor kurzem in der Gegend unter einem falschen Namen ein Haus gekauft. Sehr schnell finden sie heraus, dass auch der Auftraggeber einen falschen Namen angegeben hat. Wem sollen sie nun glauben?

Ermittler-Duo auf getrennten Wegen

"Rechnen Sie nicht damit, dass einer der Gute ist und der andere der Böse. Hier geht es um Familienstreitigkeiten": Tief muss Delpha mithilfe von Bibiotheken, Archiven und Telefonaten in die Familiengeschichte der Brüder eintauchen. Vogelnamen werden eine wichtige Hilfe sein, und einige ermittlerische Grundsatzdiskussionen später haben Delpha Wade und Tom Phelan dann doch eine Ahnung, wer zumindest der bessere der Brüder ist.

Sie ermitteln gemeinsam, aber nicht als dynamisches Duo, vielmehr teilen sie sich auf. Phelan folgt einer Spur, Wade einer anderen. Dieses Vorgehen spiegelt sich in der Komposition des Romans: Sie sprechen über den Fall, dann trennen sich die Wege, und in den folgenden Kapiteln ist dann zu lesen, was Phelan respektive Wade herausfinden, ehe sie wieder aufeinandertreffen. Dadurch entsteht eine reizvolle Struktur der Gleichzeitigkeit, voller Wendungen. Zudem wird mühelos die Alltäglichkeit der Ermittlungsarbeit herausgestellt.

Rassismus, Sexismus und ein korrupter Vizepräsident

Ohnehin zeugt alles in "Family Business" von erzählerischer Leichtigkeit. Der Fall, die Charaktere, die Handlungszeit fügen sich bemerkenswert beiläufig zueinander. Es wird geraucht und getrunken, unverheiratete Frauen werden mit "Miss" angesprochen. Die Erwähung des Tennismatchs zwischen Billie Jean King und Bobby Riggs erlaubt einen Blick auf die Geschlechterverhältnisse. Die große Frage, ob Aaron Hall den Home-Run-Rekord von Babe Ruth einstellt, verdeutlicht rassistische Vorurteile.

Das sind kurze Episoden im Alltag der jeweiligen Figuren, die aber einen Blick auf das Ganze bieten und ins Heute verweisen. Und wenn Delphas Nachbarin im Zuge der Watergate-Anhörungen fassungslos fragt, wie ein Mann, der bestechlich ist, zum Vizepräsidenten der USA werden kann, wird der Leserin schmerzhaft vor Augen geführt, wo die USA mittlerweile gelandet sind.

Lisa Sandlin erzählt mit Präzision, Empathie und Komik – dazu ist Delpha Wade eine großartige Hauptfigur. Hoffentlich schreibt sie in diesem Tempo weiter: Die Kriminalliteratur kann mehr solcher Autorinnen und Figuren gebrauchen.

Lisa Sandlin: "Family Business"
Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf
Suhrkamp, Berlin 2020
357 Seiten, 10 Euro

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