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Interpretationen | Beitrag vom 27.09.2020

Liederzyklus "La bonne chanson" von Gabriel FauréSkandalös sanft

Gast: Michael Stegemann, Musikwissenschaftler; Moderation: Olaf Wilhelmer

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Historisches Foto des jungen Komponisten mit kleinem, dunklen Schnauzbart, sich auf einen kleinen Sockel stützend. (Getty Images / Hulton Archive)
Meister musikalischer Schwebezustände: Porträt des französischen Komponisten Gabriel Fauré. (Getty Images / Hulton Archive)

"La bonne chanson" – das gute Lied, das schlichte Lied: Gabriel Faurés Zyklus nach Gedichten von Paul Verlaine gehört zu den Höhepunkten französischer Liedkunst - Liebeslieder, gewidmet einer Bankiersgattin. In Deutschland ist das Werk noch zu entdecken.

Gabriel Fauré war ein gestandener Komponist, als er 1892 der Bankiersgattin Emma Bardac verfiel – nicht nur ihrem Charme, sondern auch ihrer musikalischen Urteilskraft. Ihr widmete der Komponist mit dem Zyklus "La bonne chanson" eine Sammlung von klavierbegleiteten Liebesliedern. Die so Angebetete nahm die intimen Kompositionen allerdings nicht nur huldvoll entgegen, sondern ging mit dem Meister auch Korrekturen an seinem Werk durch.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Diese ungewöhnliche Reaktion war ganz offensichtlich wirkungsvoll – wenn auch nicht in amouröser Hinsicht, denn Emma Bardac ging später eine Beziehung zu Claude Debussy ein.

Doch schnell trat diese Sammlung von neun sanften, bisweilen allerdings als skandalös empfundenen Liedern einen Siegeszug durch die Pariser Salons an. Fauré wurde zu einem Idol der Belle Époque, bewundert und literarisch porträtiert von Marcel Proust.

Singen wie Gott in Frankreich

Doch so wie Proust einen erlesenen Musikgeschmack hatte, konnte sich Fauré seinerseits auf beste Kenntnisse der französischen Literatur verlassen. Seine zahlreichen Gedichtvertonungen gehören zum Schönsten, was das französische Lied hervorgebracht hat, sie stehen in einer Reihe mit den Meisterwerken von Camille Saint-Saëns, Henri Duparc, Reynaldo Hahn, Claude Debussy und Maurice Ravel. Letzterer war übrigens Schüler Faurés, der am Pariser Conservatoire eine ganze Generation junger Komponisten an die Schwelle der Moderne führte.

Liebesgedichte für die Braut

Im Falle der "Bonne chanson" griff Fauré auf Gedichte aus dem gleichnamigen Zyklus von Paul Verlaine zurück – dieser hatte damit einst um die Hand der 16-jährigen Mathilde Mauté de Fleurville angehalten und damit ein filmreifes Liebesdrama ausgelöst.

Eine alte braun-graue Fotografie eines Mannes mittleren Alters mit großem Vollbart, der ernst in die Kamera blickt. (imago images / alimdi)Triumph und Tragödie der französischen Poesie: Der Schriftsteller Paul Verlaine, fotografiert wenige Jahre vor seinem Tod. (imago images / alimdi)

Bald nach der Hochzeit brannte Verlaine mit dem jungen Dichterkollegen Arthur Rimbaud durch, gab auf diesen im Streit einen Pistolenschuss ab und landete im Gefängnis. Davon wissen die Gedichte, die Fauré frei und stark gekürzt zusammenstellte, nichts – und die Musik zielt ganz auf sanfte Sinnlichkeit ab.

Erweckte Lieder

Dieses stille Hauptwerk Faurés stand immer im Schatten seines Requiems und seiner vergleichsweise populären Bühnenmusik zu Maurice Maeterlincks Drama "Pelléas et Mélisande". Seit der wegweisenden Einspielung von Charles Panzéra 1936 und der Rück-Eroberung des Zyklus für weibliche Stimmen durch Suzanne Danco in den 1950er-Jahren hat sich um "La bonne chanson" eine kleine, aber feine Diskografie entwickelt.

Eine Frau und ein Mann sitzen in zwei Lehnstühlen nah beieinander und halten und blicken gemeinsam in eine Notenausgabe. (imago images / ZUMA / Keystone)Die belgische Sopranistin Suzanne Danco, hier mit dem Dirigenten Pierre Monteux, sang "La bonne chanson" in den 50er-Jahren. (imago images / ZUMA / Keystone)

Darin spielt auch Faurés eigene, von ihm selbst aber wenig geschätzte, Bearbeitung für Stimme und Kammerensemble eine Rolle, die sich in den letzten Jahren steigender Beliebtheit erfreut - so etwa bei Streichquartetten, die - selten genug - gerne mit Sängern zusammenarbeiten möchten.

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