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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.05.2013

Liebkosungen mit Todesfolge

Rajesh Parameswaran: "Ich bin Henker", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 288 Seiten

In "Ich bin Henker" erzählt ein Tiger von der Liebe zu seinem Pfleger. (AP Archiv)
In "Ich bin Henker" erzählt ein Tiger von der Liebe zu seinem Pfleger. (AP Archiv)

Aus ungewöhnlichen Blickwinkeln erzählt dieser Band neun Geschichten über Liebe, Tod und Aufsteigerträume. Die Ich-Perspektiven sind dabei genau das Richtige, um die eigenwilligen, bizarren Charaktere zur Sprache zu bringen.

Hier liebt jemand den Effekt. "Ich bin Henker" lautet der aufmerksamkeitsheischende Titel von Rajesh Parameswarans Erzähldebüt, und die Gattungsbezeichnung setzt dazu einen knalligen Kontrast: "Liebesgeschichten". Wie passt das zusammen? Es passt, indem Tod und Liebe möglichst eng geführt werden.

"Der berüchtigte Bengale Ming" heißt die erste der neun Geschichten. Sie erzählt von einem Tiger, genauer: ist von einem Tiger erzählt. Der hat es nicht leicht in seinem Zoogehege. Das Weibchen, das ihm sehr gefällt, wird beansprucht von einem stärkeren Rivalen, der ihn übel zaust. Aber Ming hat eine merkwürdige Ersatz-Passion entwickelt: Er liebt seinen Pfleger.

Es wäre albern, sich darüber zu wundern, dass dieser Tiger in gehobener Menschensprache erzählt. Man könnte sich eher daran stören, dass ihm einige Dinge und Funktionszusammenhänge der Menschenwelt vertraut sind, andere nicht. So verfügt er über den Begriff "Gewehr", Autos dagegen sind für ihn "brummende Dinger auf Rädern". Aber solche Inkonsequenzen nimmt man in Kauf für eine Geschichte, die auf atemberaubende Weise die alte Verwechslung von Küssen und Bissen darstellt. Tiger-Liebkosungen haben leicht Todesfolge.

Gewalt und Liebe kreuzen sich auch in der Titelgeschichte, die in komisch verstümmelter Sprache von einem Henker erzählt wird, der im Ehebett nicht zum Zug kommt: Er hat seiner kürzlich erst geheirateten Frau die Details seiner sicheren, gut bezahlten Beamtenstellung verschwiegen. Nun schmollt sie, obwohl er es doch mit allen nur gut meint und den Dienst mit Hingabe ausübt. Allerdings taut sie auf, je mehr Details er ihr über seinen Arbeitsalltag verrät – bis sie ihn sogar sichtlich erregt auffordert, er möge sie doch einmal in die Todeszelle mitnehmen.

Die literarische Ekelschwelle überschritten

Makaber geht es auch zu in "Die wundersame Karriere des Dr. Raju Gopalarajan". Hier wird der Immigranten-Traum, ein neues Leben anzufangen, allzu wörtlich genommen. Ein entlassener Computerverkäufer besorgt sich Stapel medizinischer Literatur, Schwerpunkt Frauenleiden, und eröffnet eine kleine Praxis an einer Landstraße. Eine fröhliche Schelmen- und Hochstaplergeschichte scheint ihren Lauf zu nehmen. Dr. Gopalarajan befreit einen Mann bei seiner ersten Operation - die Stiche hat er am Abend zuvor am Sofakissen geübt - von einer Geschwulst im Arm. Doch Tage später kommt der Mann mit brandigem Arm zurück, und die Splatter-Szene der panischen Notoperation, die der Möchtegern-Arzt nun vornimmt, dürfte bei manchen Lesern die literarische Ekelschwelle überschreiten. Und bevor die Polizei einschreiten kann, meldet sich eine weitere Patientin: Gopalarajans eigene, an Krebs erkrankte Frau.

Literatur der Migranten wird oft gerühmt für ihre Authentizität. Dieses Klischee unterläuft Rajesh Parameswarans virtuoser, in formale Tricks und Spielereien verliebter Erzählband. Der Autor, geboren in Indien und in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, bevorzugt die Ich-Perspektive, seit je die bessere Wahl, wenn es darum geht, eigenwillige, abweichende, bizarre Charakter zur Sprache zu bringen: Henker und Tiger eben. Und das Schönste ist: Diese Geschichten sind nicht nur raffiniert, sie ziehen auch in den Bann. Ein Lesevergnügen.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Rajesh Parameswaran: "Ich bin Henker"
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefanie Jacobs
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013
288 Seiten, 18,99 Euro

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