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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.07.2010

Lieber hundert Lakaien als ein kluger Kopf

Die Mächtigen und ihre Ratgeber

Von Alexander Schuller

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Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Kabinettssitzung in Berlin. (AP)
Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Kabinettssitzung in Berlin. (AP)

Die Entscheidungsunfähigkeit Präsident Obamas im Fall McChrystal kommt uns Deutschen vertraut, geradezu heimelig vor. Auch wir werden von einer Person regiert, die sich nicht unbedingt an den drängenden Problemen und deren Lösung orientiert.

Kaum hat ein Politiker eine gute Idee oder einen konstruktiven Vorschlag, wird er in die Verbannung geschickt. In diesem Zusammenhang darf man sowohl Obama als auch Merkel an die Moskauer Prozesse erinnern. Jene dienten dazu, Konzepte und Rivalen zu beseitigen. Die Handlungs-Maxime hieß damals und heißt heute: Hundert Lakaien sind besser als ein kluger Kopf. Man kann in diesem Denken Spurenelemente eines Totalitarismus erkennen. Wie also kann es in einer Demokratie so weit kommen?

Demokratie beansprucht, ein besonders lernfähiges System zu sein. Deswegen gibt es die freie Presse, freie Wahlen und eine unabhängige Justiz. Alle diese Strukturelemente sollen sicherstellen, dass das System aus seinen Fehlern lernt und sich selbst zu korrigieren vermag. Wieso aber entwickelt sich dann dieser totalitäre Sog? Offenbar ist er in demokratischen Strukturen latent vorhanden. Vor allem zwei Faktoren scheinen den frei verfügbaren Fluss an Informationen und damit den sachgerechten, demokratischen Willensbildungsprozess zu behindern. Der erste ist ein persönlicher Faktor: verletzte Eitelkeit. Der zweite ist ein struktureller Faktor: der (parteipolitische) Kampf um die Macht. Beide schränken die Lernfähigkeit des Systems ein. Sie verhindern, dass wichtige Informationen – man darf ruhig von Wahrheit sprechen – zur Grundlage von Entscheidungen werden. Damit gefährden diese beiden Faktoren das Überleben des Systems selbst. Das ist bekannt.

Weniger bekannt ist der kommunikationstheoretische Aspekt. Indem der Leader Kritik an seiner Führung – an seiner Person, an seiner Partei, an seiner Politik – verhindert, verhindert er zugleich, dass die für das Gedeihen oder gar für das Überleben der Gesellschaft notwendigen Informationen wirksam werden können. McChrystals verbales Verhalten war ein Stück nützlicher Rückkoppelung, ein Feedback an das System, ein Lernangebot – ein Alarmzeichen.

Aber in Washington gab es offensichtlich einen bedrohlichen Informations- und Entscheidungsstau. Die Blockade in der Wahrnehmung des amerikanischen Präsidenten erinnert daran, dass auch in anderen Bereichen der Gesellschaft der Zugang zu und die Nutzung von Information ein Problem sein können. Moderne politische Systeme sind sowohl auf ein umfassendes Informationsangebot als auch auf ein entsprechendes Informationsmanagement angewiesen. Die Kennzeichnung der modernen Gesellschaft als "Informationsgesellschaft" enthält eine politische, eine wirtschaftliche, vor allem eine machtpolitische Dimension. Unser Output an Informationen der unterschiedlichsten Art wächst explosiv – weitgehend chaotisch. Dieses Wachstum an strukturell frei schwebenden Informationen und unser Umgang mit ihnen ist längst zu einer existenziellen Frage der modernen Gesellschaft geworden. Die Euro-Krise, die afghanische Krise, die Zeitungskrise, die Konflikte mit Google und Facebook sind alle, wenn auch weitläufig, verknüpft. Wir sind noch weit davon entfernt, diese Probleme in einem systematischen Zusammenhang zu erfassen. Auf der einen Seite haben wir zu wenig Information, auf der anderen viel zu viel. Wir wissen nicht, was relevante Informationen sind und was nicht; wie wir sie generieren. Wie organisieren, wie nutzen wir Information? Wie legitimieren wir die Nutzung?

Information ist eine Ressource und, wie alle Ressourcen, auch eine Bedrohung. Das wissen wir, ohne es eigentlich zu verstehen. Letztlich geht es darum, wie man Information in Wissen übersetzt. Welche konzeptionellen, welche wissenschaftlichen, welche organisatorischen Mittel brauchen wir dazu? Mit der Einführung des Bachelor oder mit der unendlichen Debatte um die Gesamtschule kommen wir damit bestimmt nicht weiter. In unserer Gesellschaft herrscht eine Stimmung aufgeklärter Konfusion.

Wie also geht ein starker und pflichtbewusster Leader mit seiner aufgeklärten Konfusion um? Wie der kleine Junge im Buddelkasten: mit hemmungsloser Neugier. Er ist gierig auf neue Ideen, auf Vorschläge, auch auf abwegige. Er sucht den Widerspruch, wo immer er ihn findet. Er befragt seine Freunde, seine Experten, seine Gegner – besonders die. So entsteht dann eine Richtung, eine Option, ein Stück möglicher Wahrheit, Verhaltenssicherheit. Das aber, so scheint es, ist nicht das Handlungsmuster, das Obama oder Merkel anwenden.

Alexander Schuller (privat)Alexander Schuller (privat)Alexander Schuller, ist Soziologe, Publizist und Professor in Berlin. Er hatte Forschungsprofessuren in den USA (Princeton, Harvard) und ist Mitherausgeber von "Paragrana" (Akademie-Verlag). In seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen befasst er sich mit Fragen der Anthropologie und der Bildungs-, Medizin-, Geschichts- und Alltagssoziologie. Er arbeitet als Rundfunk-Autor sowie für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften wie "Merkur" und "Universitas".

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