"Liebe überwindet den Hass"

Von Jochen R. Klicker · 19.07.2008
Es ist still geworden um Leonardo Boff, den wortgewaltigen Mitbegründer der vor allem in Lateinamerika entwickelten Befreiungstheologie. Seine theologischen Publikationen wurden immer schmaler und seltener, bis sie 2003 ganz versiegten. Nun hat sich Boff mit einer schmalen, aber temperamentvollen Studie über "Fundamentalismus und Terrorismus" zurückgemeldet.
Als er weltweit bekannt war, stand der brasilianische Franziskaner-Pater Leonardo Boff für die Menschen "sem tera", ohne Land. Längst nicht nur in Brasilien sammelten die Menschen guten Willens Spendengelder für die lateinamerikanischen "Landlosen", die sich zu einer Kirche der Armen formiert hatten – in über 100.000 Basisgemeinden allein in Brasilien. Die Spenden flossen in die Solidaritätsfonds der Landbesetzer; in politisierte Anwaltskanzleien, politische Kampagnen, Politik nach kirchlich-reformatorischen Vorbildern. Aus ihrem Geist heraus formulierte Boff die Hoffnung der Armen:

"Die Kirche der Reichen für die Armen verneint die Macht des Volkes, sich zu befreien."

Damals ging es um Befreiungstheologie, um eine "militante Ekklesiologie, die schnell den heftigen Widerspruch der verfassten Kirche hervorrief. Heute geht es um das Universum, das aus einem schöpferischen Chaos kommt und mit dem "eine wahre lebendige Kirche" – ohne Machtansprüche – kooperieren kann. Boff ruft zur Eintracht und zum Frieden auf, die beide auch für ihn nach dem 11. September andere Bedeutungen gewonnen haben:

"Die Weisheit der Völker und die Stimme unseres Herzens sagen uns: Terror wird nicht durch Terror besiegt, kein Hass wird den Hass überwinden. Liebe überwindet den Hass. Unermüdlicher Dialog, offene Verhandlungen und gerechte Abkommen nehmen dem Terror seine Grundlage und gründen Frieden."

Das klingt ganz anders als die harten politischen Äußerungen, mit denen keine fünfzehn Jahre zuvor ein radikalisierter Franziskaner-Pater seinen eigenen "Fall Boff" herbeigeredet hatte. Übrigens damals in engem Kontakt mit seinem Doktorvater Kardinal Joseph Ratzinger, der jetzt als Papst Benedikt XVI. die Kirche leitet. Da Boff sich darum nach wie vor in gutem Einvernehmen mit Rom im Allgemeinen und seinen theologischen Lehrern im Besonderen wähnte, fühlte er sich um so tiefer persönlich getroffen und gemaßregelt, als man gegen ihn den "Häresie"-Vorwurf erhob und ihm Rede- und Lehrverbot androhte. Tatsächlich schlug die Glaubenskongregation ab 1985 immer wieder mit disziplinierenden Verbotsmaßnahmen zu, die Boff weltberühmt machten. Seinerseits machte er 1992 dem Spuk insofern ein Ende, als er sein Priesteramt aufgab. Seither ist er Universitätslehrer für Ethik und Theologie sowie engagierter Verbandspolitiker mit dem Anspruch, an der Entwicklung eines Weltethos für jedermann mitzuwirken. Dazu heißt es jetzt:

"Die Tragödie hat uns im Tiefsten unseres Herzens getroffen und ruft uns dazu auf, die Ausrichtung der globalen Politik, den Sinn der herrschenden Globalisierung, die Gestaltung der menschlichen Zukunft und den Schutz unseres gemeinsamen Hauses Erde neu zu überdenken. Die Zeit drängt. Diesmal wird es keine Arche Noah geben, die Einige errettet und die Übrigen untergehen lässt. Wir müssen alle retten: die Lebensgemeinschaft von Menschen und Nichtmenschen. – Dazu müssen wir das Wort "Feind" abschaffen. Denn der Feind ist ein Produkt der 'Angst'. … Die Kategorien Angst und Feind heben wir auf, wenn wir anfangen, miteinander zu reden, wenn wir uns im Gespräch kennen lernen, uns in der Bekanntschaft gegenseitig akzeptieren, uns im Akzeptieren achten, uns in der Achtung lieben und in der Liebe füreinander sorgen."

Entsprechend hat der ehemalige Franziskaner-Mönch und–Pater auch begonnen, eine neue Begrifflichkeit zu entwickeln. An die Stelle der "Befreiung der Armen" ist der "Auftrag" getreten, "den Ausgeschlossenen Lebensschutz" zu geben. Und anstelle einer polemischen und respektlosen "Rede vom Machtmissbrauch der Kircheninstitutionen" gebraucht er jetzt die "Logik des Herzens" mit ihrem "tiefen Mitgefühl" als zentralen Ausgangspunkt "für sozialistisches Engagement". – A propos "Sozialistisches Engagement": Im Gegensatz zu vielen seiner streitbaren Brüder der Befreiungstheologie hatte Boff sich seinen Oberen gegenüber niemals gegen einen Vorwurf zu wehren, er betreibe "Marxismus in christlicher Tarnung". Ihm ging es vielmehr stets um die "wahre" Kirche des Heiligen Geistes gegen die "falschen" Kircheninstitutionen mit ihren Machtansprüchen. Machtansprüche, die Boff heute in der "Logik des kapitalistischen Systems" wieder findet und ebenso bekämpft:

"Diese Logik ist nicht die der Zusammenarbeit, sondern die des Wettbewerbs. Der Markt ist die falsche Adresse für Mitleid, Solidarität, Liebe und Freundschaft. Er ist Krieg aller gegen alle; ein jeder will den anderen im Wettbewerb beiseite schaffen. Die Krise des Kapitalismus ist eine Folge davon, dass alles zu einer Ware geworden und kein Raum für das Unentgeltliche geblieben ist, nämlich für die Dinge, die keinen monetären Wert haben: das Bier am Wochenende mit den Freunden, das Beisammensein in der Familie, das Spiel mit den Kindern und die Teilnahme an einer Debatte, in der niemand zahlt, aber jeder in seiner Bereitschaft zum Dialog und zum gegenseitigen Verständnis wächst. Im Kapitalismus wird alles vermarktet, vom Sex bis zur Mystik, ohne dass noch Raum für das typisch Menschliche bleibt, welches wir zum glücklich werden brauchen."

Und dann beschreibt Leonardo Boff zur Überraschung seiner Leser ein "Land der Zukunft", das Projektcharakter für die nötige neue Weltkonstellation haben könnte, nämlich Brasilien aufgrund seiner synkretistischen Struktur von Politik, Gesellschaft, Kultur und Religion. Oder mit einem Wort: mit seinem weltweit einzigartigen Prozess der Zivilisierung:

"In Brasilien leben Menschen aus sechzig verschiedenen Ursprungsländern und alle sind mit ihrer eigenen Kultur, Tradition und Religion gekommen. Hier leben sie ohne größere Konflikte oder Diskriminierungen zusammen, da die brasilianische Kultur weder dogmatisch noch fundamentalistisch noch starr ist. Wir haben eine Kultur der Vermittlungen, der Bündnisse, die sich durch die Art auszeichnet, Probleme geschickt anzupacken bzw. zu umgehen. Stets vermeiden wir die Konfrontation des Nein und suchen seitliche Auswege und sanfte Formen, um mit Differenzen und Widersprüchen umzugehen."

Was alles in allem noch kein brasilianisches Unikat darstellt. "Einzigartig" wird Boffs Weltkonstellation erst durch den religiösen Bezug, den er als eigentliche Grundlage des brasilianischen Zivilisationsversuches gegen Fundamentalismus und Terrorismus beschreibt:

"Unsere Kultur ist mystisch und religiös, sie geht davon aus, dass man in der Religion Menschen integrieren und sich mit ihnen zusammenschließen kann, und dass alle Religionen letztlich auf Gott hin zugewandt sind und einen positiven Beitrag leisten können. Religion durchzieht unser ganzes Leben, wir rufen Gott an, die Jungfrau Maria, die Heiligen, immer wieder sagen wir 'Gott sei Dank', 'Gott begleite dich'. Gott durchdringt das soziale Gewebe dieses Zivilisationsversuchs, er ist eine mystische Erfahrung, die unserer Kultur eine Unbeschwertheit verleiht, die wenige andere auszeichnet. … Unser Land kann … für die neue heranwachsende globalisierte Weltkultur den Beitrag einer gesunden Lebenskraft leisten: eine Kultur, die in ihren vielfältigen Gegensätzen konvergierende Wege suchen und sich darüber bewusst werden muss, dass für die Konstitution der Völker nicht nur wirtschaftliche und politische Faktoren von Bedeutung sind, sondern auch religiöse und mystische Faktoren sowie eine offene Gesinnung, welche die Koexistenz der Widersprüche zulässt und schließlich die Fähigkeit, sich in verschiedenartigen kulturellen Formen und Traditionen zurechtzufinden und gegebenenfalls anzupassen."

Es ist noch nicht lange her, da gingen die Befreiungstheologen – und mit ihnen auch Leonardo Boff – davon aus, dass europäisch geprägte Theologen die reale Glaubenserfahrung der Armen in den Slums nicht nachvollziehen könnten. Ihre Dominanz könne nur zu weiterer Marginalisierung der Armen, politischer Machtkonzentration und kirchlich-institutioneller Hybris führen. Jetzt liest sich der neue Text des Leonardo Boff eher wie eine dialektische Einführung in "das Einfache, das schwer zu machen" sei. Wobei weder der Wahnsinn noch die Weisheit, weder die positive Seite der Welt mit ihrer Ordnung, Frieden und Liebe noch die morbide Dimension mit ihrem Zorn, Krieg und Exklusion beim Bau der neuen Weltkonstellation vergessen oder verdrängt werden dürfen.

"All dies ist unverzichtbar, wenn wir ein gemeinsames Haus – den Planeten Erde – so einrichten wollen, dass es einigermaßen bewohnbar ist. In diesem Haus müssen wir alle mit eingeschlossen werden und uns wirklich als Glieder einer großen Familie fühlen, die über unsere national-völkische Familie hinausgeht: die Familie der Spezies homo sapiens."