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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.09.2016

Liberale Strömungen im IslamDerzeit nur eine "intellektuelle Angelegenheit"

Lale Akgün im Gespräch mit Dieter Kassel

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Portrait von Lale Akgün (dpa / XAMAX)
Lale Akgün: Kritik an den "mächtigen" islamischen Verbänden (dpa / XAMAX)

Kann man die Reformation mit dem liberalen Islam von heute vergleichen? Ja, sagt die Psychotherapeutin, Buchautorin und SPD-Politikerin Lale Akgün. Wird sich der liberale Islam dann auch durchsetzen? Da ist sich Akgün nicht so sicher.

Rund 3500 Teilnehmer beschäftigen sich derzeit auf dem Historikertag in Hamburg mit "Glaubensfragen – Machtfragen" – so die programmatische Überschrift der Veranstaltung.

Am Donnerstag diskutiert die Psychotherapeutin, Buchautorin und SPD-Politikerin Lale Akgün mit anderen Experten über die "Auswirkungen und Probleme nach der Reformation im Vergleich zu liberalen Strömungen im Islam heute".

Akgün sieht Parallelen zwischen Reformation und den liberalen Strömungen im Islam heute. Ob sich letztere aber durchsetzen werden? Die Anzahl der liberalen Muslime sei derzeit noch sehr viel kleiner als die der orthodoxen, sagte Akgün im Deutschlandradio Kultur.

Die meisten Imame sind aus dem Ausland "importiert"

Dafür nannte sie mehrere Gründe. So seien in Deutschland "die meisten Imame aus dem Ausland importiert". Wer in die Moschee geht, hört dort also nur das, was er auch in der Türkei oder anderswo hören würde.

Der liberale Islam ist laut der Autorin vorerst nur eine "sehr intellektuelle Angelegenheit". Liberale Hochschullehrer ständen unter Druck der islamischen Verbände – und diese seien "mächtig", weil sie die große Mehrheit der Gläubigen repräsentierten und die Politik mit ihnen deswegen rede.

Auch sei der liberale Islam noch nicht in der Lage, junge Menschen anzusprechen. "Wir haben beim Islam das Problem, das diejenigen, die sich mit dem liberalen Islam beschäftigen könnten, sich eher völlig von der Religion abwenden", klagte die Politikerin. (ahe)


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Rund 3.500 Teilnehmer beschäftigen sich gerade auf dem Historikertag in Hamburg mit Glaubensfragen oder besser gesagt mit dem Thema Glaubensfragen/Machtfragen, so lautet nämlich in diesem Jahr die große Überschrift. Morgen diskutiert Lale Akgün mit anderen Teilnehmern über, Zitat: "die Auswirkungen und Probleme nach der Reformation im Vergleich zu liberalen Strömungen im Islam heute". Lale Akgün ist Psychotherapeutin, Buchautorin und saß von 2002 bis 2009 für die SPD im Deutschen Bundestag. Schönen guten Morgen, Frau Akgün!

Lale Akgün: Guten Morgen!

Kassel: Reformation und liberale Strömungen im Islam heute – also, mich hat das erst mal überrascht. Kann man da überhaupt etwas vergleichen?

Akgün: Ja, natürlich kann man das vergleichen. Ich glaube, immer wenn eine Unzufriedenheit mit den bestehenden Zuständen in der Religion da sind, gibt es Leute, die sagen, ich möchte das ändern und ich möchte eigentlich ein anderes Verständnis der Religion für mich haben. Das sind Menschen, die eben sagen, ich wende mich nicht von der Religion ab, sondern ich will sie ändern. Und da kann man sagen: Es gibt natürlich ähnliche Strömungen auch heute im Islam.

Kassel: Nun war aber die Reformation vor einem halben Jahrtausend doch eine ganze Weile lang keine friedliche Angelegenheit. Es gab Streit, es gab Kämpfe und es gab auch Gewalt. Das lässt mich ja nun ein bisschen beunruhigt auf die liberalen Strömungen im heutigen Islam blicken, wenn man das vergleichen kann.

Akgün: Das sollte Sie auch beunruhigen, weil, es geht natürlich auch im Islam nicht friedlich ab. All diejenigen, die liberalen Strömungen sich zuwenden, die den anderen Islam … den Islam anders verstehen wollen und auslegen, werden natürlich von Orthodoxen, vor allem von den Klerikern angefeindet. Und bis dahingehend, dass man wirklich versucht, gegen sie Fatwas hervorzurufen, das heißt, dass man sie mit dem Tode bestrafen will, dass man ihnen nachsagt, sie wären von der Religion abgefallen. Also, es ist für diejenigen, die sich als liberale Muslime verstehen und sagen, ja, man kann den Islam auch verändern, nicht einfach.

Kassel: Haben Sie denn das Gefühl, dass die liberalen Muslime und natürlich auch Musliminnen in Deutschland – bleiben wir wirklich mal in diesem Land –, dass die wirklich gehört werden, dass die wirklich wahrgenommen werden neben den anderen, die es ja bei uns auch gibt?

Akgün: Nun, man muss natürlich ganz offen sagen: Die Zahl der liberalen Muslime ist sehr viel geringer als die Zahl der orthodoxen Muslime. Für eine liberale Strömung brauchen Sie auch eine gewisse, ich möchte sagen, Intellektualität. Sie müssen wegkommen von dem, was im Koran steht, wortwörtlich, Sie müssen wegkommen von dem, was der Imam in der Moschee erzählt, Sie müssen schon Ihr Gehirn einschalten. Und wir müssen einfach sehen, dass diese Menschen natürlich sich nicht so viel an Aufmerksamkeit holen können wie die Orthodoxen, weil sie zahlenmäßig weniger sind. Aber ich bin ganz guter Dinge, dass sie überall – nicht nur in Deutschland, auch in den Niederlanden, auch in Frankreich, aber auch in den Ursprungsländern zum Teil, wo es möglich ist, so etwas auszusprechen, das wird ja immer weniger möglich sogar in der Türkei, so etwas auszusprechen –, dass diese Menschen natürlich durchaus auch Interesse finden, weil sie ja was anderes sagen als das, was die anderen sagen.

Kassel: Aber ich habe manchmal den Eindruck, wenn Menschen aus muslimischen Ländern nach Deutschland kommen, egal ob auf dem Wege geregelter Migration, egal ob als Flüchtlinge, dass dann … Es ist möglicherweise ein Wahrnehmungsproblem, deshalb frage ich Sie das: dass dann diese Situation – ich bin jetzt in Deutschland, ich bin jetzt in einem freien Land, jetzt kann ich mich selbst entscheiden, ob und wie ich überhaupt mit meiner Religion umgehe und wie ich sie nach außen präsentiere –, dass diese Entscheidung gar nicht zur Debatte zu stehen scheint.

Akgün: Nein, natürlich nicht. Sie müssen wissen, dass religiöse Anteile ja immer sehr, sehr konservativ sind. Das heißt, es ist etwas, was Sie mit der Geburt ja an Gehirnwäsche, ich sage mal Gehirnwäsche in Anführungszeichen, bekommen. Sie hören nichts anderes als den ganzen Tag das Gleiche, es wiederholt sich, dann ist es auch wirklich egal, ob Sie in der Türkei sind, in sagen wir mal Tunesien oder in Deutschland, Sie werden immer das wiederholen, was der Imam Ihnen erzählt hat. Sie haben zudem das Problem in Deutschland, dass die meisten Imame aus dem Ausland importiert sind. Das heißt, die Leute hören hier auch nichts anders als in ihrem Ursprungsland.

Kassel: Aber wie groß sind denn die Chancen von Deutschland aus, nicht für aber mit den Muslimen diese liberalen Strömungen zu unterstützen? Es gibt natürlich Bemühungen wie – Sie haben die Imame angesprochen –, wie Imam-Ausbildung an deutschen Universitäten und Ähnliches, aber wie wirkt das weltweit? Ich meine, dieser Begriff Euro-Islam, der eine Weile lang so positiv besetzt ist, da habe ich jetzt gelernt, den dürfe man gar nicht mehr benutzen.

Akgün: Also, die Unterstützung kann gar nicht so groß sein, weil, damit Unterstützung kommt, müssen ja auch große Gemeinden da sein. Es müssen ja Menschen da sein, die sagen, ja, ich hänge dieser Strömung an. Davon kann im Moment, wenn man ehrlich ist, bei den liberalen Muslimen noch nicht die Rede sein. Der liberale Islam ist noch eine sehr intellektuelle Angelegenheit. Natürlich gibt es auch in den USA oder eben … Professoren, die das sagen, aber bitte unterschätzen Sie nicht den Versuch der Orthodoxen, ihre Macht – wir kommen zu den Machtfragen – auch zu erhalten. Also, wir wissen, dass liberale Hochschullehrer zum Beispiel auch unter Druck stehen und ihre Studenten so unterrichten sollen, wie das schon immer der Fall war. Sobald etwas gesagt wird von Hochschule dann, was den Verbänden zum Beispiel heute in Deutschland den konservativen Islam betreffend gesagt wird, kriegen die schon wieder Druck von den Verbänden. Und die Verbände sind mächtig, denn mit ihnen redet im Moment die Politik.

Kassel: Aber das ist auch Teil des Problems, nicht wahr? Der Islam ist nicht so organisiert wie die christliche Kirche, das heißt, die Politik muss immer nach einzelnen Ansprechpartnern suchen, kann ja nicht mit Millionen Menschen auf einmal reden, also nimmt sie die, die irgendeine Organisationsform anbieten.

Akgün: Sie nimmt die, die Organisationsformen anbieten, und vor allem die, die sagen, hinter mir stehen eben große Gemeinden, ich repräsentiere sehr viele Menschen. Wenn liberale Muslime sich hinstellen, dann sagen sie, wie viel repräsentierst du, dann ja, 120. Ja, 120, sagt dann die Politik, ist uninteressant, die anderen repräsentieren Millionen. Also, um es jetzt mal etwas zu überspitzen. Das ist das Problem, dass eben Liberale, der liberale Islam noch nicht in der Lage ist, weil eben die Verbände ihre Macht immer noch auf die Leute ausüben, weil das, was hier gesagt wird, immer noch als Ketzertum angesehen wird, auch junge Menschen anzusprechen. Wir haben beim Islam vor allem das Problem, dass diejenigen, die sich mit dem liberalen Islam beschäftigen könnten, sich eher völlig von der Religion abwenden. Also, es wird in der Bevölkerung, in der Mehrheitsgesellschaft gar nicht gesehen. Aber es wenden sich auch furchtbar viele Muslime vom Islam ab und bezeichnen sich eher als Atheisten oder ehemalige Muslime denn als Liberale.

Kassel: Die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete, Autorin und Psychotherapeutin Lale Akgün über die Vergleichbarkeit von Reformation und der Entwicklung liberaler Strömungen im Islam, die Thema sein wird einer Podiumsdiskussion auf dem Historikertag, an der sie morgen teilnimmt. Frau Akgün, ich danke Ihnen sehr herzlich fürs Gespräch!

Akgün: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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