Leute hielten "ihn wirklich für so eine Art Revoluzzer"

Gerhart Hauptmann sei auch ein "einfacher gestrickter Mann" gewesen, sagt Peter Sprengel, Professor an der FU Berlin. © AP
Moderation: Susanne Führer · 15.11.2012
Mit Theaterstücken wie die "Die Weber" wurde der Schriftsteller Gerhart Hauptmann - der heute 150. Jahre alt geworden wäre - ein Star. Seine Nähe zum Nationalsozialismus sei allerdings schwer zu erklären, sagt Literaturprofessor Peter Sprengel.
Susanne Führer: Heute vor 150 Jahren wurde der Schriftsteller Gerhart Hauptmann geboren. Er war einmal der Star unter den deutschen Dramatikern. 1912 bekam er den Literatur-Nobelpreis. Einige wenige seiner Texte sind heute noch Schullektüre, einige Dramen werden noch gespielt, meistens "Die Weber" oder "Die Ratten", aber sein Ruhm ist doch sehr verblasst. Zu Recht? Nicht nur darüber will ich mit Peter Sprengel sprechen, er ist Professor für neuere deutsche Literatur an der FU Berlin und Autor der Biografie des Dichters, "Gerhart Hauptmann" heißt sie, "Bürgerlichkeit und großer Traum". Willkommen, Herr Sprengel!

Peter Sprengel: Ja, guten Tag!

Führer: Ja, 1862, kann man sich leicht ausrechnen, wurde Gerhart Hauptmann geboren, die Eltern betrieben ein Hotel, er war ziemlich schlecht in der Schule, machte dies und das, und dann plötzlich, mit 27, wurde er sozusagen über Nacht berühmt, nach der Uraufführung seines Stücks "Vor Sonnenaufgang", das war 1889. Warum war dieses Stück so ein Erfolg, so ein Skandal auch fast?

Sprengel: Es wurde ein Erfolg durch den Skandal, und der Skandal war ganz verständlich, wenn man sich bedenkt, wenn man sich klar macht, dass das Theater damals noch so eine Art Kunsttempel war, in dem feierlich rezitiert wurde, und jetzt hörte man da raue Stimmen schlesischen Dialekt sprechen, es ging um Alkohol in der Familie, es ging um die Ausbeutung von Bergarbeitern, es ging um sexuelle Übergriffe eines trunkenen Vaters gegenüber seiner Tochter. Alles, was man sich überhaupt an Sünden und Schrecklichem ausdenken konnte, war in diesem Stück vereinigt. Und das hat sogar den Leuten, die damals jetzt so etwas wie ein neues realistisches Drama wollten oder dafür den freien Bühnen beigetreten waren, das hat denen doch etwas den Appetit verdorben.

Führer: Man sagte immer, er brachte den Naturalismus auf die deutsche Bühne. Wie würde man das charakterisieren? Also, er hatte ja einen Helden, aber keine Helden mehr in einem heroischen Sinne.

Sprengel: Nein, in den "Webern" hat er gar keinen individuellen Helden mehr, in "Vor Sonnenaufgang" gibt es einen Mann, den die sozialdemokratischen Zuschauer zum Teil als Helden aufgefasst haben, weil er für seine Gesinnung ins Gefängnis gegangen ist, auf der anderen Seite lässt er das Mädchen, das sich mit ihm verlobt, schnöde sitzen, nachdem er hört, dass sie aus einer Alkoholiker-Familie kommt. Also, ein Held ist er nicht. Und das ist das Neue des Dramas. Da ist vor allem der Versuch, das Leben in seinen auch krassen und hässlichen Erscheinungsseiten auf die Bühne oder in die Literatur zu bringen, und dabei gleichzeitig so etwas wie einen Anschluss an die wissenschaftliche Diskussion zu finden. Es gibt in dem "Vor Sonnenaufgang" ja geradezu einen Vortrag über die Schäden des Alkoholismus bis ins dritte Glied, der aus neuester Sekundärliteratur sozusagen heruntergeleiert wird. Das ist jetzt noch ein etwas unbeholfener Versuch des jungen Dramatikers, aber doch immerhin der Versuch, Wissenschaft ins Theater zu bringen.

Führer: Man kann ja diese frühen Stücke, Gerhart Hauptmann, als sozialkritische Dramen lesen. "Die Weber" haben Sie genannt, also über den schlesischen Weberaufstand, auch "Der Biberpelz" oder auch "Die Ratten", 1911 entstanden – war Gerhart Hauptmann, würden Sie sagen, Herr Sprengel, ein politischer Autor?

Sprengel: Also, er wollte das auf keinen Fall sein. Er wurde es durch die Thematik bestimmter Stücke und auch die Offenheit, mit der er dann diese Themen präsentierte, auch das Mitleid, das er damit bei bürgerlichen Hörern auslöste, die ja jetzt zum ersten Mal vielleicht in dieser Krassheit erfuhren, wie in bestimmten Webergebieten gehungert wurde, aber Hauptmann hatte einen letzten Endes ziemlich traditionellen Kunstbegriff: Kunst und Politik waren für ihn zwei verschiedene Hüte. Das heißt nicht, dass er nicht engen Kontakt mit Sozialdemokraten hatte, und ich glaube auch, ein wichtiger Impuls seines Schreibens kommt daher, dass er sich schon als junger Mann Gedanken über eine bessere Welt gemacht hat. Aber er glaubte letzten Endes, dass es doch da immer eine unüberschreitbare Grenze gibt. Das hat aber sein Publikum damals gar nicht so verstanden, und ein Großteil seines Ruhms verdankt sich der Tatsache, dass die Leute ihn wirklich für so eine Art Revoluzzer eine Zeit lang gehalten haben.

Führer: Er ist ja ziemlich alt geworden, weit über 80. Ja, aus heutiger Sicht würde man sagen, den Hauptteil seines Werkes, also das, falls überhaupt etwas geblieben ist, dann das, hat er alles vor dem Ersten Weltkrieg geschrieben. Dann war eigentlich vorbei, er hat weiter geschrieben, aber nichts davon ist weiter geblieben.

Sprengel: Ja, das stimmt, also jedenfalls für die öffentliche Wahrnehmung. Ich als Germanist kenne natürlich ein paar Texte, die ich auch danach noch sehr interessant und wichtig finde. Aber im Großen und Ganzen ist es genau so, wie Sie sagen. "Der Ketzer von Soana" ist vielleicht noch eine Novelle am Ende des letzten …

Führer: Und er hat dann ja auch später vor allen Dingen also von diesen sozialkritischen Dramen weg, auch wenn er sie nicht so gesehen hat, hat er sich ja mehr so in dieses Mystische, Okkulte – also um Opfer und Heldentum ging es – begeben. Also er hat schon ziemlich das Register gewechselt.

Sprengel: Ja, er hat die Position im literarischen Feld gewechselt, wie man heute sozusagen ganz aktuell sagen könnte. Er ist in die Rolle des Repräsentativen Autors geschlüpft. Hat sich da dann in gewisser Weise auch an Goethe, auch literarisch, nicht nur in seinem äußeren Auftreten, orientiert. Also, nicht im Sinne einer platten Übernahme, sondern er versuchte in verschiedenen Texten tatsächlich so einen Dialog mit Goethe oder eine Widerlegung oder Distanzierung von Goethe aus heutiger Sicht vorzunehmen. Aber letzten Endes ist es dann doch die Goethe-Schiene, die er dann bedient. Und das gilt auch für die Gattung, wenn er ein großes Versepos, "Till Eulenspiegel", schreibt, oder dergleichen.

Führer: Zum 150. Geburtstag Gerhart Hauptmanns spreche ich mit dem Literaturwissenschaftler Peter Sprengel im Deutschlandradio Kultur. Herr Sprengel, wen wir mal so auf den Menschen gucken, dann war er sehr gesellig, hat gerne was getrunken, war eigentlich mit allen Berühmtheiten seiner Zeit bekannt bis befreundet. Heute würde man sagen, sehr gut vernetzt, und dann gab es auch noch diese nette kleine – oder auch nicht kleine, für ihn damals große – Geschichte, als seine Freundschaft zu Thomas Mann doch eine ernsthafte Trübung erfuhr, nämlich durch die Figur des Mynheer Pyperkorn im "Zauberberg", die für alle und auch für Gerhart Hauptman selbst erkennbar nämlich Gerhart Hauptmann darstellte. Wie haben die beiden das eigentlich wieder aus dem Weg geräumt?

Sprengel: Nun, Hauptmann war nicht nachtragend. Er war eine Zeit lang sehr verstimmt, weil Thomas Mann lange Finger gemacht habe, wie er sich ausdrückte. Also, gewissermaßen die Vertraulichkeit der Gemeinsamkeit zweier Reiseaufenthalte für literarische Zwecke missbraucht hatte. Andererseits geriet Hauptmann wohl in eine nachdenkliche Krise, auch allein dadurch, dass er nach außen offenbar so wirkte. Es war ihm in der Tat wohl nicht klar, dass seine stammelnde Sprechweise, das Unverbindliche, das seine geistige Position in den 20er-Jahren auszeichnete, dass die von außen so wahrgenommen werden konnte, und da musste er sozusagen im schmerzhaften Prozess erst einmal durch. Dennoch hat sich das Verhältnis zu Thomas Mann zunächst eingerenkt, bis es eine zweite "Affäre" in Anführungszeichen gab, die aus Hauptmanns Sicht dann endgültig gewissermaßen den Stab brach über die Menschlichkeit Thomas Manns. Es waren bestimmte Aussagen, die Thomas Mann gegenüber der Presse gemacht hatte, nachdem er gerade selber mit Hauptmanns Unterstützung den Nobelpreis erlangt hatte. Da hat der Thomas Mann dann vor der Presse gesagt: Ja, Arno Holz hätte ihn doch wohl auch verdient gehabt, obwohl er gerade mit der Drohung, Arno Holz könnte den Nobelpreis kriegen, Hauptmann zu seiner nachhaltigen Unterstützung für Thomas Mann motiviert hat. Also, das war schon etwas zwiespältig, dieses Spiel, das Thomas Mann da spielte, und für solche Zwiespältigkeiten hatte Hauptmann, der irgendwo auch ein, denke ich, einfacher gestrickter Mann war, nicht viel übrig.

Führer: Wir müssen unbedingt, Herr Sprengel, noch auf die Zeit des Nationalsozialismus kommen, Hauptmanns Sündenfall, wenn man so will. Am 1. Mai 33 ließ er die Hakenkreuzfahne vor seinem Haus auf Hiddensee hissen – er war zwar selbst nicht da, aber er ließ sie trotzdem hissen. Er hat Hitler bewundert, hat noch ein halbes Jahr vor Kriegsende geschrieben: "Der Führer kennt meine Achtung vor seiner gewaltigen schicksalhaften Persönlichkeit." Dabei war er ja mit vielen Hitlergegnern wiederum befreundet. Also, warum hat er das getan, war das Opportunismus, war das Nationalismus, war das Nationalsozialismus?

Sprengel: Hauptmann hat ja schon 33 gegenüber Binding erklärt: Mein Wesen ist zu positiv eingestellt. Er sei gewissermaßen kein Mann des Widerstandes. Er war letzten Endes bereit, mit jeder deutschen Regierung durch dick und dünn zu gehen. Im Falle Hitlers kamen, glaube ich, noch ein paar Faktoren zusätzlich hinzu, eine bestimmte Faszination für jemanden, der sich von unten hochgekämpft hat, so ähnlich wie Hauptmann es auch in seinem eigenen Leben, glaube ich, gesehen hat. Es ist schwer zu erkennen und schwer zu erklären, und manchmal denkt man auch, es handelt sich um einen alten Mann, der schon etwas mildernde Umstände braucht.

Führer: Er versinkt ja so langsam in Vergessenheit, also ein paar Stücke jetzt auch gerade zum runden Geburtstag werden noch mal wieder gespielt, aber andere Texte, darüber sprachen wir, spielen eigentlich gar keine Rolle mehr. Und er gehört zumindest nicht zu den Autoren wie – sagen wir mal – zum Beispiel Franz Kafka, die von jeder Generation neu für sich entdeckt werden. Was meinen Sie, woran das liegt? Oder hat er sich auch – haben sich die Texte einfach überlebt?

Sprengel: Also Franz Kafka, denke ich, ist ein Sondermodell, an dem ich, glaube ich, keinen anderen Autor messen könnte, ohne dass der im Abgrund versinkt …

Führer: Gut, dann nehmen wir Thomas Mann, auch der wird immer wieder neu entdeckt.

Sprengel: Ja, zurzeit ja. Aber wie das in 100 Jahren ist, das möchte ich auch nicht mit Sicherheit vorhersagen. Ich denke, bei Hauptmann haben wir vor allem auch, vom Politischen abgesehen, Schwierigkeiten mit dieser forcierten Rolle des Poeta Vates, des Dichters als Seher, der in Mönchskutte am Strand herumspaziert. Das sind Formen der Repräsentanz des Dichterischen, zu denen wir heute keinen Zugang mehr haben.

Führer: Das sagt Peter Sprengel, er ist Professor für neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin und Autor der Biografie "Gerhart Hauptmann – Bürgerlichkeit und großer Traum", die soeben bei C.H. Beck erschienen ist. Und ich danke Ihnen herzlich für den Besuch im Studio, Herr Sprengel!

Sprengel: Ich danke Ihnen meinerseits, danke!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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