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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.03.2006

"Leugnen von historischen Ereignissen ist bloße Agitation und Propaganda"

Historiker Benz kritisiert Äußerungen von Faruk Sen

Moderation: Klaus Vogelgesang

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Armenier gedenken am 24.4.05 in Yerevan der Opfer des Genozids in der Türkei vor 90 Jahren (AP)
Armenier gedenken am 24.4.05 in Yerevan der Opfer des Genozids in der Türkei vor 90 Jahren (AP)

Der Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, hat Faruk Sens Leugnung des Völkermordes an den Armeniern 1915 kritisiert. Solche Äußerungen seien unwissenschaftlich und bloße Agitation und Propaganda. Faruk Sen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen, hatte im Deutschlandradio Kultur erklärt, man könne nicht von einem Genozid an den Armeniern sprechen.

Vogelgesang: Nimm deine Fahne, komm nach Berlin. Das ist ein weltweiter Aufruf zu einem Marsch auf Berlin am 18. März. Die Organisatoren sind vermutlich nationalistische türkische Vereine und Persönlichkeiten. Was wollen sie mit der Massendemonstration? Unter anderem, Zitat "die wahre Stärke der Türkei vorführen". Endlich soll auch Schluss gemacht werden, so heißt es, mit den Genozidlügen. Gemeint sind die Vorgänge in den Jahren 1915/16, in denen geschätzte eine Million Armenier mindestens durch das Osmanische Reich, also den Vorgängerstaat der Türkei, verfolgt und ermordet worden. Die meisten Historiker außerhalb der Türkei sind sich einig: Auf diese Ereignisse muss der Begriff Völkermord, Genozid angewendet werden. Auch der Deutsche Bundestag hat im vorherigen Jahr den Begriff für zutreffend erklärt. Die türkische Regierung sieht es bis heute anders und bestreitet den Völkermord vehement.

Im Radiofeuilleton von Deutschlandradio Kultur sprachen wir mit Professor Faruk Sen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen, über das Armenienproblem der Türken. Der Wissenschaftler hatte unter anderem folgende These parat:

"Unter Völkermord verstehe ich, wenn in einem Staat, wie in Deutschland der Fall ist, eine Menschengruppe wegen ihrer Rasse alle umgebracht werden sollen. Innerhalb des Osmanischen Reiches lebten sehr viele Armenier, auch in Istanbul, Izmir, aber Westtürkei. Kein Armenier ist in Westtürkei umgebracht worden, sind nur diejenigen an der russischen Grenze und Osttürkei. Das heißt, man wollte nicht eine Rasse vernichten, sonst hätte man in Istanbul die Armenier ermordet. Wir haben in Istanbul Gott sei Dank 60.000 Armenier. Man hat nur an der russischen Grenze diese Deportationen gemacht. Das heißt der Begriff, den wir für Deutschland verwenden, stimmt für das Osmanische Reich nicht. Deswegen würde ich sagen, Völkermord nach dieser Definition stimmt nicht."

Vogelgesang: Am Telefon begrüße ich jetzt den Historiker Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin. Guten Abend.

Benz: Guten Abend.

Vogelgesang: Herr Benz, wie finden Sie die These von Faruk Sen?

Benz: Na, völliger Blödsinn. Denn das ist ja auch nicht Wissenschaft, denn das ist einfach Verleugnung einer Wahrheit, die belegbar ist, für die es Beweise und Dokumente gibt, der wird einfach nationalistische Emotion entgegengesetzt. Das erinnert mich, so als würde man eine medizinische Diagnose verweigern und sagen, nein, nein, das ist keine Blinddarmentzündung. Ich sehe das anders.

Vogelgesang: Was glauben nun Sie, Herr Benz, ist so eine Aussage durch die Meinungsfreiheit gedeckt?

Benz: Ja, natürlich ist so eine Aussage durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Mich kann auch niemand hindern, Unsinn zu erzählen. Es ist natürlich unendlich beklagenswert, wenn hier - und ich vermute, gegen besseres eigenes Wissen - nationale Emotionen aufgerührt werden, wenn systematisch Wahrheit verleugnet wird und wenn man Begriffe wie Völkermord glaubt, beliebig definieren zu können.

Vogelgesang: Nun ist der Herr Sen Wissenschaftler. Deckt denn der Begriff der Freiheit der Wissenschaft noch diese Aussage?

Benz: Für mich ist das keine Wissenschaft, eine solche Bemerkung. Ich bin Historiker, ich bin Wissenschaftler, ich habe einen Professorentitel. Wenn ich aber behaupte, den Ersten Weltkrieg hat es nicht gegeben oder dieses oder jenes hat nicht stattgefunden, dann bin ich außerhalb der Wissenschaft und dann nützt mir mein Professorentitel auch nichts mehr. Dann betreibe ich nämlich nur Agitation und Propaganda für irgendetwas.

Vogelgesang: Agitation und Propaganda sagen Sie. Ist denn dann Faruk Sen noch tragbar, zum Beispiel für die NRW-Regierung?

Benz: Das müssen diejenigen entscheiden, die ihn bezahlen. Das müssen diejenigen auch entscheiden in diesem Institut, die es fördern, die Träger sind und die damit irgendetwas bewirken wollen.

Vogelgesang: Was ist denn Ihre Meinung, Herr Benz, sollte man diesen Mann des Postens entheben?

Benz: Ich will da überhaupt niemandem einen Rat geben. Ich kann nur feststellen, wer im Gewande der Wissenschaft Propaganda treibt, der hat eigentlich seine Glaubwürdigkeit vollkommen verwirkt. Und ob man mit unglaubwürdigen Leuten viel Staat machen kann, das ist dann von Fall zu Fall von den Verantwortlichen zu entscheiden.

Vogelgesang: Nun ist es ja in Deutschland strafbar, den Holocaust zu leugnen. Ich will jetzt keine Vergleiche anstellen. Aber, Herr Benz, könnte man nicht auch grundsätzlich das Leugnen des Armeniermordes unter Strafe stellen bei uns?

Benz: Ich fürchte, das ist ein bisschen schwierig, weil da Juristen lange und sehr gründlich abwägen müssen, was hier die Belange schutzwürdiger sind. Also ich fürchte, das ist kein Weg, um Unsinn zu verhindern. Es kommen dann andere Interessenten und sagen, unsere Auffassung oder unser historisches Leid muss auch geschützt werden. Und am Schluss haben wir dann tatsächlich die Meinungsfreiheit beschädigt.

Ich halte es also für den vernünftigeren Weg, schon da auch von Ursachen und Wirkungen her die einzelnen Völkermorde nicht unbedingt alle vergleichbar sind, dass man die Meinungsfreiheit dagegen setzt und dass dann der Wissenschaftler, gestützt auf seine Beweise, mit seinem guten Namen sagt, das ist Unsinn, das hat nichts mit Wahrheitsfindung und mit Wissenschaft zu tun. Und dass er dieses in den Medien auch auf breiter Front vertreten kann, dass halte ich also wie gesagt, für den besseren Weg, als durch Verbote Märtyrer zu machen. Und dann kommen die ganzen Verschwörungstheoretiker und wissen dann ganz genau, wer dahinter steckt und wer da etwas verboten hat.

Und das ist ja nun immer das Beliebteste, dass es Tabus gäbe oder dass man irgendetwas nicht sagen dürfe. Also solche Märtyrer würde ich nicht gerne machen, sondern lieber mit offenem Visier in allen Medien sagen, das ist Quatsch und zwar nicht gewöhnlicher Quatsch, sondern das ist frevelhaft, so mit der Wahrheit umzugehen.

Vogelgesang: Schlussfrage, was könnten wir Ihrer Meinung nach hierzulande sonst noch tun, zu einer besseren Aufarbeitung der türkischen Geschichte durch die hier lebenden Türken? Und es sind ja wirklich viele Türken, die hier leben.

Benz: Ja, wir müssen alles dazu tun, dass jetzt nicht die Mehrheit der Türken stigmatisiert wird und dass man jetzt auf alle Türken mit dem Finger zeigt, nur weil es ein paar nationalistische Heißsporne, die nichts lernen wollen, gibt, und dass wir so solidarisch sind, mit unseren türkischen Bürgern, dass wir gemeinsam die Mehrheit bilden und uns nicht in Anspruch nehmen von wild gewordenen Nationalisten.

Vogelgesang: Faruk Sen vom Zentrum für Türkeistudien in Essen hat es heute im Deutschlandradio Kultur abgelehnt, vom Genozid der Türken an den Armeniern zu sprechen. Wolfgang Benz vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin hat in Fazit dazu Stellung genommen. Vielen Dank, Herr Benz.

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