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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.06.2009

Letzte Zuflucht Kirche

Seit 25 Jahren: Kirchenasyl in Berlin

Von Anne Demmer

Kirchturm (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)
Kirchturm (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)

Seit 25 Jahren gewähren Gemeinden Kirchenasyl in Berlin. Für die abschiebungsbedrohten Flüchtlinge kann so lebenswichtige Zeit gewonnen werden, denn neben einer Unterkunft und Verpflegung, informieren und recherchieren die christlichen Unterstützer vor allem die Situation der Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern und helfen mit rechtlichen Fragen weiter.

Ponte: "Ging alles irgendwie ganz schnell. Auf einmal waren zwei, drei Polizisten hier und sie wollten ihn mitnehmen. Die Polizisten kamen von hier hinten an und wir haben ihn mitgenommen den jungen Tschetschenen in die große Kirche. Alle haben versucht dann noch zu telefonieren, um dann noch mehr Leute hier rein zu holen und dann haben wir schnell eine Andacht organisiert."

Pohl: "Das war eben auch für die Polizisten eine Situation, mit der sie glaube ich nicht gerechnet haben. Sie kommen hierher, um jemanden zu verhaften und hier ist ein Gottesdienst und da läuten die Glocken. Das war für sie sehr befremdlich, denke ich, diese Situation in diesem Augenblick."

Die Kirchenglocken schlagen an diesem Tag im März Alarm. Polizisten betreten einen Vorraum der Galiläa-Samariter Kirche in Friedrichshain, um einen jungen Mann festzunehmen. Doch die Gemeinde stellt sich quer. Eine Telefonkette wird gestartet. Über 40 Leute werden informiert und ein spontaner Gottesdienst abgehalten. Die Ausländerbehörde will den tschetschenischen Flüchtling nach Polen abschieben, weil es das erste EU-Land war, in das er eingereist ist. Er war wegen fehlender medizinischer Behandlung und einem fehlenden Schutz vor tschetschenischen Sicherheitskräften nach Deutschland weitergereist. Der junge Mann sei schwer traumatisiert und krank, deswegen nicht transportfähig. Sie gewähre dem Flüchtling Kirchenasyl aus humanitären Gründen. So erklärt die Gemeinde ihre Entscheidung in einer Mitteilung an Innensenator Körting und die Ausländerbehörde. Der Flüchtling sei der Sohn eines inzwischen ermordeten Rebellen. In seiner Heimat drohe ihm Folter.

Trotz seines kritischen Gesundheitszustands verlässt der junge Tschetschene die Kirche nicht, aus Angst verhaftet zu werden. Immer wieder taucht die Polizei auf. Die Gemeinde wendet sich an die Presse, um Druck auszuüben. Über Tage verbarrikadieren sich duzende Gemeindemitglieder, Unterstützer aus der Nachbarschaft, Studenten und Leute der Antirassistischen Initiative in der Kirche, um ihn zu schützen. Nachts verwandelte sich das Kirchenschiff in ein buntes Bettenlager. Zeitweise nächtigte der junge Tschetschene zusammen mit dem Pfarrer sogar auf der Orgelempore. Für den gläubigen Muslim nicht nur ein ungewöhnlicher Schlafplatz, sondern auch ein ungewöhnlicher Gebetsort.

Rehse: "Da hat er seinen Teppich ausgerollt, seinen Kompass ausgerichtet und dann hat er gebetet. Auch wenn wir teilweise dabei waren. Wir haben das sozusagen jetzt respektiert, dass wir nicht besonders drauf geachtet haben. Wir haben ihm den Freiraum gelassen und er hat dann sein Ding gemacht, während wir dann irgendwo ruhig in der Ecke gesessen haben. Das war dann so unser gemeinsamer Umgang miteinander."

Axel Rehse weist auf eine Nische in der menschenleeren Kirche. Der 30-jährige Softwareentwickler schloss sich spontan der Unterstützergruppe für den jungen Tschetschenen an. Sein Russisch aus Schulzeiten kam ihm da beim ersten Zusammentreffen zugute.

Rehse: "Ein junger Mann, sehr verschüchtert und auch sehr vorsichtig und saß da so ein bisschen verschämt in der Ecke und irgendwie – ja man stellt sich dann auch ein bisschen sich selber vor, wenn man irgendwo so in der Situation wäre. Hat schon auch einen recht hilflosen Eindruck gemacht."

Ponte: "Also die ersten Tage hat er mit uns gespielt, Dame gespielt oder irgendetwas anderes, Filme geguckt, zum Schluss hatte er gar keine Lust mehr auf irgendwas. Der hat natürlich auch unsere Sorgen gespürt und gesehen, es ging die ganze Zeit um ihn, um seine Situation und er war die ganze Zeit dabei und konnte nicht so richtig verstehen und das war eine sehr große Anspannung für ihn."

Maria Ponte ist Fotografin und wohnt mit ihrem Freund direkt gegenüber der Samariter Kirche. Eine junge Spanierin, schwarze kurze Haare mit einem rosigen Gesicht. Sie engagiert sich auch in der Suppenküche der Gemeinde für Obdachlose. Von ihrem Fenster aus hatte sie genau im Blick, was um die Kirche herum passiert. Im Notfall war sie schnell am Ort des Geschehens, falls die Polizei aufkreuzte.

An diesem Sonntag erinnert nichts mehr an die brisanten Tage im März. Kinder spielen im Garten vor der Kirche. Die Erwachsenen sitzen in der Sonne, rauchen und trinken Kaffee, der im Kirchencafé ausgeschenkt wird. Der 27-jährige Tschetschene ist nicht darunter. Mittlerweile lebt er in einem Asylbewerberheim am Rande von Berlin. Über seine Vergangenheit kann er nicht sprechen. Das wäre zum jetzigen Zeitpunkt zu gefährlich für ihn.

Nach langen Verhandlungen zwischen den Behörden und der Gemeinde wurde der Polizeiarzt in die Kirche gelassen, um den schwer erkrankten Mann zu untersuchen. Edeltraut Pohl berät seit Jahren Migranten und Flüchtlinge in der Gemeinde. Sie hat die Federführung für das Kirchenasyl übernommen. Zwei Wochen war sie mit dem jungen Mann rund um die Uhr zusammen. Immer wieder stellte sie sich die Frage:

Pohl: "Ist die Entscheidung, die wir für ihn getroffen haben, ist die nun richtig? Das sind ja Fragen, die ihn auch beschäftigt haben. Wir haben uns das praktisch ausgemalt, was passieren wird, was kann passieren, wenn also der Polizeiarzt kommt, nehmen sie ihn gleich mit, alle diese Gedanken, die man dann hat."

Jörg Passoth nimmt den alles entscheidenden Anruf entgegen: Nicht reise- und transportfähig – so das Ergebnis der polizeiärztlichen Untersuchung. Keine Abschiebung!

Passoth: "Ich war selber fürchterlich aufgeregt, ich hatte ja darauf gesetzt, dass es so kommt und war wahnsinnig erleichtert."

Er hat selbst als Pfarrer zahlreiche Kirchenasyle in Berlin eingeleitet und die Samariter Gemeinde in der kritischen Situation beraten.

Passoth: "Die Argumentation des Kirchenasyls bezieht sich ja darauf, dass gerade nicht versucht wird gegen staatliches Handeln irgendetwas zu unternehmen, wohl aber reklamiert wird, dass es in dem einen oder anderen Fall besondere Konstellationen gibt, die vielleicht noch nicht so wahrgenommen worden sind, nun noch mal ausdrücklich betont werden, dazu noch mal recherchiert wird usw. usw. und unter Umständen eine neue Faktenlage oder eine neue Betrachtungsweise dann zum Vorschein kommt oder nötig ist."

Für viele Flüchtlinge ist es der letzte Ausweg - durch das Kirchenasyl wird oft lebenswichtige Zeit gewonnen.
Als Pfarrer ist Jörg Passoth mittlerweile im Ruhestand. Doch für den Verein Asyl in der Kirche, der sich 1993 in Berlin gegründet hat, nach wie vor aktiv. Bei ihm laufen alle Stränge zusammen. Von seiner Wohnung aus vermittelt er die Asylsuchenden an die Berliner Gemeinden. Über die Jahre hat er ein Netzwerk aus Kirchenleuten, Beratungsstellen, Anwälten, Psychologen und Ärzten aufgebaut, die er jederzeit kontaktieren kann. Zurzeit sind es rund 13 Berliner Gemeinden, die bereit sind, Flüchtlingen in akuter Not Asyl zu gewähren.

Passoth: "In der Regel wird eine Gemeinde, die eine solche Aufnahme beschließt sich mit der Behörde in Verbindung setzen und wird sagen, wir haben hier den so und so aufgenommen und bitten um ein Gespräch, wir sind der Auffassung, dass er oder sie aus humanitären Gründen und dann kommt das, was man bisher weiß in groben Zügen, in irgendeiner Form einen Aufenthalt hier bekommen sollte."

Den Ruf eines ernsthaften Verhandlungspartners mussten sich die Kirchenleute allerdings erst einmal bei den Behörden erarbeiten, so Jörg Passoth.
Vor mehr als 25 Jahren hat alles begonnen: Im Herbst 83 wird der Libanonkrieg für die Kreuzberger Heilig-Kreuz Gemeinde zum Greifen nah, erinnert sich Pfarrer Jürgen Quandt, heute Vorsitzender von Asyl in der Kirche. Vor seiner Tür stand eine Gruppe junger Kreuzberger aus der linken, autonomen Szene, die sich nicht einfach abwimmeln lassen wollte.

Quandt: "Dass Abschiebungen von Palästinensern in den Libanon im großen Stile im Herbst 83 bevorstehen könnten, obwohl im Libanon noch ein Bürgerkrieg war. Diese damals jungen Leute haben sich an uns als Kirchengemeinde gewandt und haben gefragt, ob wir was dagegen tun könnten und haben uns, die Christen erinnert an dieses alte Recht auf Asyl in der Kirche. Und bevor wir aber mit dieser Diskussion zu einem Ergebnis gekommen waren, haben uns diese jungen Leute vor eine konkrete Entscheidungssituation gestellt, das war als sie dann mit diesen Flüchtlingen und ein paar Matratzen anrückten und um Aufnahme in das Gemeindehaus baten."

Welche Konsequenzen die Aufnahme der Flüchtlinge haben würde, war dem Pfarrer in diesem Moment nicht bewusst

Quandt: "Das hat sich dann sehr schnell und dramatisch auch entwickelt, weil dann innerhalb kürzester Zeit nicht nur eine Familie im Gemeindehaus untergebracht werden musste, sondern im Laufe von einer Woche drei Familien und darauf war natürlich die Gemeinde nicht vorbereitet. Es waren gar nicht die Räumlichkeiten vorhanden, es musste sehr schnell spontan alles Mögliche organisiert werden. Es mussten die Gremien der Gemeinden um Zustimmung gebeten werden, es musste die Öffentlichkeit informiert werden, also das war dann eine sehr turbulente Zeit."

Es war das betreten gesellschaftspolitischen Neulands, so Pfarrer Quandt.

Quandt: "Keiner wusste genau, was ist das eigentlich, ist das nun eine Gesetzeswidrigkeit, die da begangen wird, wenn jemand aufgenommen wird in kirchlichen Räumen, der eigentlich kein Aufenthalt mehr hat, wo ein Gericht oder eine Behörde festgestellt hat der Aufenthalt ist hier nicht länger gestattet, verletzt man da irgendwelche Regeln oder macht man sich damit strafbar, das sind Fragen, die diskutiert worden sind und wir sind der Meinung gewesen, das Recht auf Unversehrtheit an Leib und Leben ist höher einzustufen als die Belange der Bundesrepublik Deutschland, wie es denn in solchen Ausweisungsbescheiden oft stand. Und diese Frage ist bis heute immer wieder umstritten und wird bei jedem Kirchenasyl neu diskutiert."

Bis zum heutigen Tag suchten über 3000 Menschen deutschlandweit in kirchlichen Einrichtungen, Klöstern und Gemeinden Schutz vor Abschiebung - in den überwiegenden Fällen erfolgreich.

Für Abdullah Veli und seine Frau Nermin war es ein langer und harter Kampf. Die Muslime sahen sich permanenten Drohungen und Diskriminierungen in ihrer Heimat Bulgarien ausgesetzt, weil sie der türkischen Minderheit angehörten. Ihren Familiennamen Veli mussten sie zwangsweise in den bulgarischen Nachnamen Veleff ändern.

Veli: "Haben sie direkt unseren Namen geändert, so war auch unsere Sprache verboten, unsere Kultur, unsere Feste waren alles verboten und wir durften überhaupt nicht normales Leben dort in dieser Zeit führen."

Bereits nach dem Zusammenbruch der türkischen Herrschaft 1878 kam es immer wieder zu Vertreibungen von Muslimen und Abwanderungswellen in die Türkei. Das wiederholte sich unter kommunistischer Herrschaft als türkischstämmige Bulgaren vor der staatlich verordneten "Bulgarisierung" in den 80ern flohen. Abdullah Veli wollte sich wehren - 1984 nahm er an einer friedlichen Demonstration gegen die verordnete Namensänderung teil. Er wird verhaftet und zu zehn Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Fünf Jahre sitzt er in Isolationshaft und wird regelmäßig gefoltert. Zeitweise weiß seine Frau nicht, ob er überhaupt noch lebt. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes werden ihm die restlichen fünf Jahre erlassen. Doch man gibt ihm zu verstehen, dass es weiterhin gefährlich sei, sich im Land aufzuhalten. Schwer traumatisiert flüchtet das Paar nach Deutschland. Die gelernte Schneiderin und der ausgebildete Bautechniker lassen alles zurück, was sie sich mühsam aufgebaut haben.

Veli: "Wir haben so viel gearbeitet. Haben wir Haus gemacht, Garten, Auto haben wir gekauft. Wir haben gute Leben. Wir sind nur mit eine Koffer hier Deutschland gekommen. Alles haben wir gelassen da. Und nach zehn Jahren war alle weg."

Mit nur einem Koffer in der Hand und der kleinen Tochter auf dem Arm kommen sie mit dem Zug in Berlin an. Hier müssen sie noch einmal ganz von vorne anfangen. Einfacher wird das Leben für die Velis aber auch in Deutschland nicht. Ihr Asylantrag wird abgelehnt – nach fünf Jahren leben in der Warteschleife im Asylbewerberheim. Die Begründung: Bulgarien gilt als sicheres Herkunftsland.

Veli: "Die haben gesagt 'Nein, sie haben keine wichtigen Gründe', obwohl ich war wirklich psychisch zerstört. Ich kann immer noch nicht Sätze so richtig bilden und erzählen, das was ich fühle. Jetzt mein Körper zittert, wenn ich diese Zeit erzähle."

Nach der Ablehnung des Asylantrags sollte das Ehepaar mit seinen mittlerweile zwei Kindern abgeschoben werden.

Veli: "Morgens kommt drei Polizisten. Wir waren noch Wohnheim halb sechs. Meine Tochter muss zur Schule gehen, die ältere und die kleinere war noch kleiner, drei Jahre alt, und sagte, packen sie ihre Koffer, halbe Stunde haben sie Zeit. Sie müssen zurück nach Bulgarien."

Die Abschiebung missglückt - aus ihnen bis heute nicht bekannten Gründen. Sie werden zurück ins Flüchtlingswohnheim geschickt. Abdullah Veli will wissen, was da los ist. Dem Sachbearbeiter der Ausländerbehörde fällt dazu nur ein: "Mit ihnen ist etwas nicht in Ordnung. Warten sie bis zur nächsten Abschiebung". Abdullah Veli will nicht mehr warten. Die Familie steht einmal mehr vor dem Nichts: ohne Aufenthaltsgenehmigung, ohne Duldung, ohne Pass. Das Paar entschließt sich unterzutauchen. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an die Zehlendorfer Paulus Gemeinde, die ihnen anbietet in ihrer Fluchtwohnung unterzukommen. In ständiger Angst vor Kontrollen, können sie kaum die Wohnung verlassen.

Veli: "Wir haben illegal anderthalb Jahre gelebt. Illegal und niemand wusste, wo wir leben. Erstmal am Alexanderplatz in dieser Fluchtwohnung, wo ist jetzt evangelisches Konsistorium und dann in Paulus Gemeinde auch. Wir durften nicht raus. Und wenn wir mussten was einkaufen, das hat unsere Betreuungsgruppe, welche hat uns geholfen einkaufen gemacht, Kinder zum Arzt gebracht oder zur Schule, meine Tochter durfte auch zur Schule gehen Gott sei Dank, das war auch sehr wichtig für uns. In erste vier Monate kam auch Klassenlehrerin zu Hause, das war auch große Hilfe, wirklich von menschlicher Seite. Ich kann nicht beschreiben. Das war wirklich sehr gute, schöne Sache und sehr gute Erlebnis für mich."

Die Paulus Gemeinde versucht, der Familie ,so gut es geht, das Leben zu erleichtern. Für das Ehepaar wird ein Therapieplatz beim Verein "Xenion - Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte" organisiert, um das Trauma der Vergangenheit aufzuarbeiten. Und auch finanzielle Hilfe erhält die Familie von der Gemeinde. Die Anstrengungen der Paulus Gemeinde, ein Bleiberecht für die Velis zu erkämpfen, haben sich ausgezahlt. Heute, das sind rund 13 Jahre später, sitzen Abdullah Veli und seine Frau am Esstisch in ihrer Wohnung und trinken ihren morgendlichen Kaffee. Mittlerweile wohnt die Familie in einem Haus der Gemeinde Dahlem, direkt neben der Kirche. Herr Veli trägt eine blaue Arbeitshose und ein Jeanshemd. Um den Hals baumelt seine Brille. Er arbeitet als Hausmeister der Gemeinde. Seine Frau hat in der angrenzenden Kita eine Anstellung gefunden. Ihre jüngste Tochter steht kurz vor dem Abitur und würde gerne studieren. Die Ältere arbeitet für eine Firma als Buchhalterin. Die Erinnerungen an die Geschehnisse in Bulgarien, aber auch die permanente Angst über Jahre vor der drohenden Abschiebung in Deutschland, werden sie immer wieder einholen. Aber irgendwie ist zumindest ein bisschen Ruhe eingekehrt. Vor sechs Monaten hat die Familie einen Antrag auf Einbürgerung gestellt. Jetzt wartet sie nur noch auf ihre deutschen Pässe.

Nermin Veli / Abdullah Veli: "Wir fühlen uns ganz gut. Jetzt ich kann sagen, ich bin auch ein Mensch, ich kann auch gute Leben haben, das muss nicht unbedingt viel Geld haben. Sicherheit. Jetzt haben wir die Sicherheit. Haben wir Arbeit, haben wir alles. Möchten wir nur arbeiten und Gesundheit haben. Das ist wichtig für uns."

Jörg Passoth von Asyl in der Kirche hat eine Einladung von Familie Gadamourie bekommen. Flüchtlinge aus Tschetschenien, die im Haus des evangelischen Paul Gerhardt Stifts in Wedding untergekommen sind. Zusammen mit Mitarbeitern des Stifts hat Jörg Passoth das Kirchenasyl für das Ehepaar und ihre sechs Kinder angeschoben, als es notwendig wurde.

Bei seiner Ankunft sitzen bereits ein Dutzend Gäste an einem großen Tisch - beladen mit tschetschenischen Spezialitäten: Teigtaschen, Fleischklopse, Hühnchen, Salate und süßes Gebäck mit bunten Streuseln. Damit will sich die Familie bei ihren Unterstützern bedanken.

Obwohl der Tisch schon fast überquillt, trägt Frau Gadamouri immer noch weiter große und kleine Teller mit Speisen herein. Ihr Mann hält sich im Hintergrund, er möchte nicht sprechen. Vor lauter Aufregung hat Frau Gadamouri ganz rote Wangen. Ihre Haare werden akkurat von ihrem beigefarbenen Kopftuch verdeckt. Ein Übersetzer hilft bei der Begrüßung der Lehrerin ihres 16-jährigen Sohnes Ali, der in Wedding eine Hauptschule besucht.

Lehnhardt: "Guten Tag. Ich bin Frau Lehnhardt, die Lehrerin von Ali. Ist Ali auch da? Er kommt gleich. Ich weiß eigentlich gar nicht, was Gutes passiert ist."

Gadamouri: "Viel Hoffnung, das würden wir uns nicht trauen auszusprechen. Aber auf jeden Fall geht es uns besser und mit dieser Hoffnung ist auch eine bestimmte Erleichterung verbunden."

Lehnhardt: "Ich hab ja auch oft gedacht nach den Ferien, Ali ist gar nicht mehr da. Und es sah ja nicht gut aus."

Ali ist der Älteste von den sechs Kindern der Gadamouris. Zwei seiner Schwestern besuchen auch bereits die Schule. Die Jüngeren gehen in die Kita um die Ecke. Die Kinder leiden generell unter der Unsicherheit am meisten. Die Familie hat eine mehrmonatige Duldung bekommen mit der Aussicht auf Verlängerung. Noch weit entfernt von jeglicher Normalität, aber ein erster Etappensieg. Für die Gadamouris Grund genug zum Feiern.

Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche sind deutschlandweit zurzeit 38 Erwachsene und 37 Kinder in kirchlichen Einrichtungen untergekommen. Ende 2009 läuft jedoch die Bleiberechtsregelung für geduldete Migranten aus. Wer von den 180.000 Menschen, die von der Reglung betroffen sind, dann einen festen Arbeitsplatz vorweisen kann, hat Glück gehabt. Für die anderen sieht es düster aus: Sie sind vor potenziellen Abschiebungen nicht mehr sicher. Eine Welle gleichzeitiger Fälle kann und will die Kirche jedoch nicht bewältigen. Die Gemeinden seien nicht bereit, für eine verfehlte Migrationspolitik einzustehen, erklärt Jürgen Quandt, Vorsitzender von Asyl in der Kirche.

Quandt: "Das Kirchenasyl wird in humanitären Härtefällen Einzelner wieder eine Hilfe sein können, aber keine Lösung darstellen für die Gruppe der Betroffenen insgesamt. Das muss eine politische Lösung sein und die wird nicht über das Kirchenasyl erreicht."

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