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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.02.2017

Letzte Inszenierung von Claus Peymann am BE Ein berührender Abschied

Von André Mumot

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Die Schauspieler stehen am 09.02.2017 im Berliner Ensemble in Berlin bei der Fotoprobe zum Schauspiel "Prinz Friedrich von Homburg" auf der Bühne.  (dpa / picture alliance / Paul Zinken )
Die Schauspieler stehen am 09.02.2017 im Berliner Ensemble in Berlin bei der Fotoprobe zum Schauspiel "Prinz Friedrich von Homburg" auf der Bühne. (dpa / picture alliance / Paul Zinken )

Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" ist Claus Peymann letztes Inszenierung am Berliner Ensemble - und er zeigt seinen Kritikern auf den letzten Metern, dass er sich nicht mehr verbiegen wird.

Es ist ein Stilbruch, wie man ihn nicht alle Tage erlebt: Nach zweieinhalb Stunden düster-trockener Werktreue ertönt plötzlich Cat Stevens' ewige Hippie-Hymne "If You Want to sing out sing out", und die Gestalten auf der Bühne beginnen einen Totentanz, der sie in den Kanonendonner der Schlacht führt. Hier, ganz am Ende, hat man dann doch noch das Gefühl, dass der Regisseur eine Deutung wagt, aber das spielt dann, bei aller Verblüffung, auch schon keine Rolle mehr.

Es ist Claus Peymanns Abschiedsabend als Intendant und Regisseur am Berliner Ensemble, bevor in der nächsten Spielzeit Oliver Reese seinen Posten übernimmt. Noch einmal, ein letztes Mal inszeniert der große Grantler vom Schiffbauerdamm und zeigt seinen Kritikern, dass er sich auf den letzten Metern ganz gewiss nicht mehr verbiegen wird. Er will die Klassiker rigoros beim Wort nehmen, und so verfährt er auch mit Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" – lässt das sperrige Militär- und Gewissensdrama vom Blatt spielen, vertraut ganz auf den Text und wird ihm, leider, nie gerecht.

Hin und wieder ein Anflug von Herz und Humor

Sabin Tambrea gibt in der Hauptrolle einen schwer neurotischen Prinzen, der aus Träumerei und Unbeherrschtheit den Befehl des Kurfürsten (eine angenehm knorrige alte Schauspielereiche: Roman Kaminski) verweigert und vorm Kriegsgericht zu Tode verurteilt wird – ein ätherisches Geschöpf, nicht ganz von dieser Welt, ein Schlafwandler und Pathosdeklamierer. Jede Emotion lässt Peymann vollkommen ungebrochen ausspielen und erreicht dabei ein maximales Spannungsdefizit. Es wird viel geredet, auch geweint und gelacht, aber nur die wenigsten Emotionen schaffen es über die Rampe, von den Gedanken ganz zu schweigen. Immerhin bringt die wunderbare Carmen Maja-Antoni hin und wieder einen Anflug von Herz und Humor zustande, wenn sie zum schnurrbärtigen Obristen Kottwitz wird.

Eine Liebserklärung an das Theater 

Der oft gegen das Berliner Ensemble vorgebrachte Vorwurf des Museumstheaters, selten hat er so ins Schwarze getroffen wie an diesem Abend, an dem Achim Freyer wiedermal eine schwarze Bühne gebaut hat ohne Welt, ohne Leben, nur mit einem Leuchtfaden, der bis auf den Balkon hinaufführt und über dem der schlafwandelnde Prinz ins Nirwana balanciert. Hin und wieder ertönt Kanonendonner oder Pferdegetrappel aus dem Mottenksiten-Hintergrund und häufig wird mit Säbeln gestikuliert, es werden Hände gerungen und Ohnmachtsanfälle ausgeführt. Jede Kriegsgegenwart ist endlos weit entfernt, alles Heute ausgelöscht, aber auch von feiner, psychologisch tiefgreifender Zeitlosigkeit ist nichts zu sehen.

Trotzdem oder gerade deswegen ist es ein berührender Abschied und ein bemerkenswerter Abend. Es ist Peymanns Liebeserklärung an seine Idealvorstellung von Theater, an Texte und Verse und Gesichter, und immer wieder hat man im Zuschauerraum das Gefühl, dass all das vermurmelte Hin- und Hergerenne zwischen Schlachtfeldern und Kurfürstengemächern gar nicht fürs Publikum stattfindet, sondern für den Regisseur selbst. Und so ist auch der Cat Stevens-Song gewiss ein Geschenk, das Peymann sich selbst macht und mit der noch einmal allen da draußen trotzig versichert: "There’s a million ways to be – you know that there are."

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