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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.02.2010

Letzte Gedanken

Antonio Machado: "La Guerra - Der Krieg", Ammann Verlag, Zürich 2010, 320 Seiten

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Internationale Brigaden während des Bürgerkriegs 1936 in Spanien. (AP)
Internationale Brigaden während des Bürgerkriegs 1936 in Spanien. (AP)

"La Guerra - Der Krieg" ist der letzte Band der Werkausgabe des 1939 verstorbenen spanischen Nationaldichters Antonio Machado. Die Texte, die vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkriegs entstanden, zeugen von seiner wachsenden Desillusionierung.

"Ich denk an Spanien, das ganz verkaufte,/von Fluß zu Fluß, von Berg zu Berg, von Meer zu Meer." dichtet Antonio Machado im Februar 1937 in Valencia, wohin er, aus Madrid kommend und der republikanischen Regierung folgend, vor den vorrückenden Truppen des Putsch-Generals Franco geflüchtet ist. Das Gedicht bricht unvermittelt ab, der Gedanke des "verkauften" Landes wird aber fortgesetzt in essayistischer Prosa. Der abrupte Wechsel ist alles andere als eine formale Spielerei. Er gibt einer Fassungslosigkeit Gestalt, die die gebundene Sprache gleichsam nicht halten kann und die daher zurückgreifen muss auf einen Versuch, das Ungeheuerliche in analytischen Gedanken statt poetischen Bildern zu fassen.

Den "Verkauf" Spaniens (an die Interessen Deutschlands und Italiens) seitens der putschenden Miltärs setzt Machado ins biblische Motiv vom Judas Ischariot, dem er neben jenen schäbigen 30 Silberlingen kein einziges begründbares Motiv für seinen Verrat zugesteht. Machados Zuversicht, die spanischen Generäle würden bei ihrem Verrat scheitern, weil sie das Volk und die Arbeiterschaft nicht auf ihrer Seite hätten, könnte dem propagandistischen Zweck dieses Textes geschuldet sein. Womöglich war es auch ein Irrtum und der Dichter meinte genau das, was er schrieb. In jedem Fall verleiht das Wissen um das historische Scheitern solcher Hoffnungen diesem und vielen anderen der hier versammelten Texte ihre tragische Größe.

Letzte Gedichte, darunter das auf die Ermordung Federico García Lorcas hin entstandene "Das Verbrechen geschah in Granada", und Essays, Berichte und Bekenntnisse, einen Dramentext und Reflexionen von Machados "apokrypher" Kunstfigur Juan de Mairena versammelt dieser Band.

Vieles, aber nicht alles steht in einem engen Zusammenhang mit dem Spanischen Bürgerkrieg. Machados (philosophische) Lektüren und Betrachtungen, das Nachspüren und Werten der Erfahrungen seiner Generation, das Aufgreifen kultureller Phänomene wie des Tonfilms bilden Anlässe für diese Texte. In dieser Zusammenstellung vermitteln sie das Bild eines gereiften, vielfältig und weitläufig interessierten philosophischen Dichters, den die Zumutungen seiner Zeit in eine wachsende Desillusionierung trieben.

Besprochen von Gregor Ziolkowski

Antonio Machado: La Guerra – Der Krieg
Schriften aus den Jahren des Spanischen Bürgerkriegs
Herausgegeben und aus dem Spanischen übertragen von Fritz Vogelgsang
Ammann Verlag, Zürich 2010
320 Seiten, 34,95 Euro

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