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Interview | Beitrag vom 25.06.2021

Leseaktion zur DDR-Frauenbewegung Kinder versorgen, arbeiten und Politik machen

Elisa Ueberschär und Tanja Krone im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Tanja Krone und Elisa Ueberschär. (30 Stunden Runder Tisch / Monika Krajka)
Die Künstlerinnen Elisa Ueberschär (links) und Tanja Krone wollen in Leipzig Frauen eine Stimme geben, die 30 Jahre nicht gehört wurden. (30 Stunden Runder Tisch / Monika Krajka)

Eine starke Rolle der Frauen und Diversität: Das forderten Frauengruppen zur Wendezeit der DDR. Daran erinnern die Künstlerinnen Tanja Krone und Elisa Ueberschär mit dem Happening "30 Stunden Runder Tisch" in Leipzig.

Stephan Karkowsky: Ich muss zugeben, das Wort Frauenbewegung klingt nicht mehr ganz taufrisch. Ob es damals dasselbe meinte wie Feminismus heute? Das können Sie ab 18 Uhr auf dem Leipziger Markt selbst überprüfen, dann werden dort zwei Künstlerinnen gemeinsam mit allen, die mitmachen wollen, 30 Stunden lang Texte vortragen aus der Frauenbewegung der DDR der Jahre 1989 und 1990. Eine der beiden ist Tanja Krone, die andere Elisa Ueberschär. Wo kommen die Texte her, Frau Krone?

Krone: Die Texte haben wir in verschiedenen Archiven gesammelt. Wir haben in Leipzig angefangen, das sind einmal Frauenkultur e.V. und Mona Lisa e.V. Das sind zwei von Frauen geführte Archive, und die haben über die Jahre viele Texte angesammelt. Das dritte war die Robert-Havemann-Gesellschaft, die in Berlin ist. Die haben ein Archiv angelegt, das nennt sich "Grauzone". Dort konnten wir in den letzten Wochen noch mal einziehen und eigentlich alles holen, was wir brauchten.

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Karkowsky: Haben Sie mal einen kurzen Auszug für uns, Frau Ueberschär?

Ueberschär: Der Programmentwurf der Fraueninitiative im Neuen Forum:

"'Frauenfragen: Wozu? Es gibt Wichtigeres!', und 'Was, du bist eine Emanze, gegen die Männer und so?' und 'Sieh doch endlich ein, es ist biologisch begründet!'. Die Palette der Vorwürfe bietet keine Farben, dass frau sich wirklich malen könnte. Deshalb sollte frau sie einfach überhören.

Doch da die Vorurteile auch aus den eigenen Reihen, das heißt, von Frauen kommen, halten wir es für erforderlich, uns unschuldig Angeklagte zu verteidigen. So geht es uns also auf lange Sicht um die Änderung der Beziehung zwischen Mann und Frau. Es geht uns um die Bestimmung, Wiederherstellung und Bewahrung einer natürlichen Lebensweise ohne Reduktion auf einen einfachen Biologismus."

Dreifachbelastung und Gleichberechtigung

Karkowsky: Texte also vom Runden Tisch tatsächlich. Was war denn eigentlich die Frauenbewegung in der DDR, wo Frauen ja grundsätzlich eine etwas andere Rolle hatten als im Westen, Frau Krone? Ähnelten sich die Forderungen?

Krone: Das kann ich jetzt ad hoc nicht so sagen. Das habe ich einfach nicht überprüft. Aber diese Bewegung bezog sich vor allem auf den Umbruch, also die Wende, die Auflösung der DDR und den Gedanken oder den Versuch, eine neue Gesellschaft zu schaffen in dieser Zeit. Es gab viele unabhängige Frauengruppen, auch vorher schon, und die schlossen sich im sogenannten Unabhängigen Frauenverband (UFV) zusammen. Der gründete sich Anfang Dezember an der Volksbühne in Ostberlin.

Wir haben ziemlich viel Kraft aufgewendet, um dafür zu sorgen, dass das neue Gesellschaftsmodell eins ist, in dem auch Frauen vorkommen, in denen die DDR-Frauen vorkommen, aber natürlich auch alle Frauen und 'Frauensternchen', sag ich mal. Dass es auch da um Diversität ging, liest man aus vielen Texten schon raus.

Ost-Berlin, 19. Februar 1990. 13. Sitzung des sogenannten Runden Tisches. Diskussion zwischen Vertretern der SPD, des Neuen Forums, der CDU, der Grünen Partei, des Demokrat. Aufbruchs, des FDGB, der Vereinigten Linken u. a. mit Vertretern der Regierung der DDR. Als Moderatoren fungieren Vertreter der Kirchen. (akg images / Sewcz)Ziel der Frauen: der Runde Tisch im Februar 1990 in Berlin. Opposition und DDR-Regierung verhandelten miteinander. (akg images / Sewcz)

Karkowsky: Was für Befürchtungen hat man damals gehabt, Frau Ueberschär, was genau war der Schwerpunkt in diesen Texten? Ging es da um Gleichberechtigung zu Männern, denn das war ja eigentlich in der DDR gar nicht das große Problem, oder?

Ueberschär: Jein. Es ging natürlich trotzdem auch um Gleichberechtigung. Ein großes Thema ist ja auch der Mythos der Gleichberechtigung in der DDR: Gleichberechtigung hat damit begonnen und geendet, dass die Frau ebenfalls berufstätig ist. Es gab aber trotzdem einen Gender-Pay-Gap und es gab trotzdem eine Dreifachbelastung der Frau, die sich noch auf Haushalt und Kinderbetreuung und Arbeit bezog. Also gab es schon auch Gleichberechtigungsforderungen.

Aber was eigentlich das Besondere war, ist, dass es mit den Männern gemacht werden sollte. Das ist vielleicht auch ein großer Unterschied zur Frauenbewegung im Westen, dass es einfach immer mit den Männern ging.

Kitaplätze und Abtreibungsparagraf

Karkowsky: Wie zentral waren denn die Frauen der Frauenbewegung damals an diesen Runden Tischen, Frau Krone?

Krone: Dieser UFV hatte sich gegründet, weil sie an den Runden Tisch wollten, das war das klare Ziel, und deshalb saßen auch die Frauen mit an dem Tisch. Ich glaube, nach ihrem Geschmack zu wenige, aber sie waren präsent. Aber die Runden Tische wurden ja auch ziemlich schnell aufgelöst, im März nach den ersten Wahlen wurden die abgeschafft. Ich glaube, es gibt keine große Zufriedenheit im Nachhinein.

Es gibt ja auch viele Frauen, die über die Jahre weitergemacht haben, die werden wir zum Teil jetzt auch in Leipzig auf dem Markt treffen, und wir hoffen auch, dass sie uns mehr darüber erzählen. In den ersten Gesprächen hat man jedenfalls das Gefühl gehabt, es hätte auch unbedingt mehr erreicht werden sollen. Ein Beispiel ist ja dieser Abtreibungsparagraf, der in der DDR einfach schon mal weiter entwickelt war, als er das heute ist. Da wurde auch sehr darum gerungen, dass der einfach übernommen wird, was eben nicht der Fall war.

Kinder beim Spielen in der Kindertagesstätte in der Leninstrasse in Rostock, DDR, 1976. (imago / Frank Sorge)Kita-Alltag in Rostock 1976: Die Versorgung mit Kitaplätzen war in der DDR kein Problem. (imago / Frank Sorge)

Oder das Thema Kitaplätze, das ist ja eigentlich in den letzten Jahren auch wieder das große Thema geworden und ist es auch heute wieder. Das war damals das Thema, dass die gesagt haben, hier, wir haben ein Modell, das funktioniert super, lasst uns das einfach übernehmen. Und das hat nicht stattgefunden. Vieles wurde vielleicht gehört, aber ist nicht tief genug gedrungen.

Gespräche mit Zeitzeuginnen

Karkowsky: Frau Ueberschär, wer sich nicht überraschen lassen möchte, was genau passiert da heute Abend auf dem Leipziger Marktplatz und dann 30 Stunden lang?

Ueberschär: Wir werden 30 Stunden lang Texte aus den Archiven verlesen, und das machen wir nicht alleine, sondern wir haben im Vorhinein dazu aufgerufen, dass viele Menschen kommen und mit uns vorlesen. Es gibt auf jeden Fall zwei Vorlesepulte. Wir etablieren eine große Strohballenlandschaft, die zum Verweilen einladen soll, weil wir natürlich auch Zuhörende brauchen.

Wie Tanja Krone gerade schon angedeutet hat, wird es bestimmte Slots geben, in denen wir Live-Interviews, Live-Gespräche mit Frauen von 89/90 führen, die damals in Leipzig oder in Berlin aktiv waren, und das verteilt sich dann. Mit einem Gespräch geht es heute Abend um 20 Uhr los und morgen geht es weiter um zehn. Zwischendurch, ich glaube, um zwei und um vier, kommen noch Frauen, und so wird sich das Ganze staffeln.

30 Stunden sind nicht zu lang

Karkowsky: Frau Krone, Sie machen das nicht nur aus Spaß an der Historie der Frauenbewegung, richtig? Sie wollen ein Zeichen setzen.

Krone: Ja, wir wollen, dass die Texte gehört werden. Ich wusste nichts von diesen Texten, und dann sind wir eben in diese Archive gegangen und haben so eine Vielfalt von Texten gefunden. Wir möchten einfach, dass die durch unsere Stimmen noch mal in die Welt getragen werden können, stellvertretend sozusagen. Und 30 Stunden ist wichtig, weil es einfach viel Zeit ist, und es ist auf gar keinen Fall zu viel Zeit. Aber wir haben uns auch diese Zeit gesetzt, um uns selber herauszufordern, weil 30 Jahre lang oder länger wurden die Texte eben nicht gehört, und jetzt wollen wir einfach noch mal Raum und Zeit dafür bieten. Vielleicht brauchen wir mehr, mal gucken.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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