Lena Gorelik: "Wer wir sind"

    Ein Glasschränkchen als Schrein

    05:13 Minuten
    Das Cover des Buchs zeigt die schwarze Silhouette einer Frau im Profil.
    In Lena Goreliks Roman geht es um Würde und Respekt, um Kulturwechsel und die Nöte der Migration. © Rowohlt / Deutschlandradio
    Von Sigrid Löffler · 01.07.2021
    Audio herunterladen
    Ein Mädchen kommt mit seiner Familie aus Russland nach Deutschland und landet in einer schwäbischen Kleinstadt in einem Asylbewerberheim. Lena Gorelik erzählt in ihrem autobiografischen Roman von Entwurzelung und sozialem Abstieg.
    Drei Dinge haben so unterschiedliche deutsche Autorinnen und Autoren wie Lena Gorelik, Sasha Marianna Salzmann, Alina Bronsky, Olga Grjasnowa oder Dmitrij Kapitelman gemeinsam: Deutsch ist nicht ihre Muttersprache. Sie alle sind in den Neunzigerjahren als Kinder mit ihren Familien als jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen und haben Romane über ihre Einwanderungserfahrungen geschrieben.
    Tonlage und Sprachklima ihrer Romane mögen unterschiedlich sein – humorvoll, ironisch, spöttisch, sarkastisch, anekdotenselig oder wild, zornig, anarchisch, bitter –, doch die ihnen zugrundeliegenden Erfahrungen ähneln einander.
    Sie alle landeten zunächst in Asylantenwohnheimen, fühlten sich in Deutschland fremd und unwillkommen, wurden als Kinder ohne Deutschkenntnisse in der Schule gemobbt und durchlebten mit ihren Eltern einen schmerzhaften beruflichen und sozialen Absturz, aus dem sie sich nur befreien konnten, indem sie darüber schrieben.

    Autorin erzählt die eigene Geschichte

    Lena Goreliks neuer autobiografischer Roman "Wer wir sind" passt thematisch genau in dieses Erzählmuster und behauptet doch seinen ganz eigenwilligen Erzählton. Sie macht kein Hehl daraus, dass sie hier ihre eigene Geschichte und die ihrer Familie erzählt.
    1992 kam sie als Elfjährige mit Eltern, Bruder, Großmutter und der gesamten Familienhabe in neun Bündeln aus Sankt Petersburg nach Deutschland und landete in einer schwäbischen Kleinstadt hinter Stacheldraht in einer überfüllten Asylantenbaracke, deren Gestank sie bis heute nicht loswurde – eine "Mischung aus Bratfett, Verzweiflung, Schimmel, Angst und Scham".
    Dass die Eltern in Russland Ingenieure gewesen sind, dass die Großmutter eine Textilfabrik geleitet hat, gilt in Deutschland nichts – ihre sowjetischen Zeugnisse und Diplome werden nicht anerkannt. Der Vater schuftet als Zeitarbeiter, die Mutter anfangs als Putzfrau.
    Goreliks Alter Ego im Roman, das Mädchen Lena, stürzt durch ihre Entwurzelung und Verpflanzung in eine fremde neue Welt in einen Strudel ambivalenter Gefühle, ein unsortierbares Gemisch aus Neugier, Staunen, Befremden, Einsamkeit, Sehnsucht nach dem alten Zuhause, Trauer um das verlorene russische Leben, Demütigung, Eigensinn, Trotz, Ehrgeiz, Stolz und Scham. Die quälende Scham dominiert.

    Scham, Abstoßung und Rebellion

    Lena schämt sich ihrer falschen Klamotten und ihres Außenseitertums in der Schule, wo die Hochbegabte in der Klasse als Streberin verspottet wird. Vor allem aber schämt sie sich für ihre Eltern – für deren schlechtes Deutsch, ihre Unbeholfenheit, ihre Unterwürfigkeit auf deutschen Ämtern, ihre ängstliche Sorge um die Tochter. Für deren Fortkommen und künftiges Glück haben die Eltern schließlich Armut, Mühsal und Erniedrigung in der Fremde auf sich genommen.
    Lena fühlt sich von dieser Liebe überwältigt und wehrt sich gegen deren erstickende Intensität. Andererseits leidet sie darunter, den Verlust der elterlichen Würde mitansehen zu müssen.
    Insofern sind Scham, Abstoßung und Rebellion nur verquere Äußerungen der zornigen und hilflosen Liebe Lenas zu den Eltern, wie sie rückblickend aus ihrer heutigen Perspektive als erfolgreiche Sprachwechslerin und anerkannte deutsche Schriftstellerin erkennt. Indem Gorelik diese schmerzhaften Erfahrungen aufschreibt, kann sie sich mit ihrer Herkunft versöhnen, sich selbst in allen Widersprüchen akzeptieren und den Eltern endlich auch ihre Liebe zeigen.

    Das Ringen um Mehrfach-Identität

    Es geht in "Wer wir sind" also um Würde und Respekt, um Kulturwechsel und die Nöte der Migration, um das Ringen um Mehrfach-Identität, um gelebte, verschüttete und verlorene Traditionen, um die Unzuverlässigkeit von Familienlegenden, um Wehmut über eine vergangene und verschwundene Lebensart, um das Rätsel der Ankunft im Zufluchtsland Deutschland.
    Für all dies findet Lena Gorelik ein prägnantes Dingsymbol: ein Glasschränkchen, das wie ein Reliquienschrein die schönen und bedeutsamen Dinge, aber auch die schmerzlichen Erinnerungen ihres Lebens bewahrt.
    Der Schrein ist das Dingarchiv ihrer Familiengeschichte, ihres Lebens und des Lebens ihrer Kinder. Die Zeiten mischen sich darin. Es ist dieser Schrein, der dem Roman seine besondere Aura verleiht.

    Lena Gorelik: "Wer wir sind"
    Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2021
    320 Seiten, 22 Euro

    Mehr zum Thema