Dienstag, 13.04.2021
 

Fazit | Beitrag vom 03.04.2021

Leitmotiv der documenta 15Die Lust aufs Landleben wieder entdecken

Von Ludger Fittkau

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Eine Frau bei der Landarbeit in Indonesien. (imago / Aurora / Konstantin Trubavin)
Die Ökolandwirtschaft ist ressourcenschonend und zukunftsfähig und bietet Jobchancen für viele Frauen. Mit ihr will das Künstlerkollektiv "ruangrupa" das Landleben retten. (imago / Aurora / Konstantin Trubavin)

Mit dem Slogan "Raus aufs Land" oder "Lumbung Calling" will das Künstlerkollektiv "ruangrupa" sämtliche Probleme der Zeit lösen. In einer Gesprächsreihe stellt es sein erstes Thema für die documenta 15 vor: nachhaltige Dorfgemeinschaften.

Traditionelle indonesische Volksmusik bot das Künstlerkollektiv "ruangrupa" aus Jakarta zum Auftakt seiner programmatischen Veranstaltungsreihe zur documenta 15, die im kommenden Jahr über die Bühne gehen soll, wenn es die Pandemie zulässt.

Dabei ist es in Indonesien wie wohl in vielen anderen Teilen der Welt so: Die Jugend in den Dörfern findet das ländliche Leben nicht mehr cool. Sie ist im Internet zuhause oder will weg in die Städte, angezogen vom urbanen Lebensstil.

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Eine Alternative ist "Lumbung". Das steht für mehr als die "Reisscheune", die dieses Wort ursprünglich bezeichnet. "Lumbung" ist die politkulturelle Idee, die   "ruangrupa" zum Leitmotiv für die documenta 15 machen will.

Mit Ökolandbau die Welt retten

"Lumbung" propagiert für den ländlichen Raum des Riesenlandes Indonesien mit seinen 17.000 Inseln ökologische Landwirtschaft. Die ist ressourcenschonend und damit zukunftsfähig, bietet Jobchancen für viele Frauen und ist der Schlüssel für eine Wiederaneignung traditioneller Werte und Kulturtechniken auf dem Land. "Lumbung Calling": Das ist der Aufruf, die Lust auf das Landleben wieder zu entdecken – mit der documenta 15 auch weltweit!

Raus aufs Land – das war heute die politpädagogische Botschaft, die Hochschulprofessorin Melani Budianta im Auftrag von "ruangrupa" über YouTube und Facebook übermittelte. Social-Media-Kanäle würden während der Pandemie auch von lokalen indonesischen Dorfgemeinschaften rege genutzt, um sich über Ökolandbau und agrarisch geprägte Lebensweisen auszutauschen, so Budianta.

Die ersten Auswanderer kehren wieder zurück

Während Budianta an der größten Universität Indonesiens mit gleich zwei Standorten in der Zehn-Millionen-Metropole Jakarta als auch in der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Depok lehrt, ist Armin Salassa Biobauer auf dem Land. Er schildert die Landflucht aus seinem Dorf, die bereits einsetzte, als die sogenannte "Grüne Revolution" Mitte des vorigen Jahrhunderts die Industrialisierung der Landwirtschaft mit Kunstdünger und Pestiziden auch nach Indonesien brachte. Das zwang viele Menschen aus seiner Region zur Arbeitsemigration.

Doch vor rund einem Jahrzehnt kehrten die ersten Auswanderer wieder zurück. Diese Rückkehr verkörpert für Salassa die Hoffnung, dass auch der Jugend klar gemacht werden kann: Das ländliche Leben ist vor allem dann eine Alternative zum coolen Stadtleben, wenn die Landwirtschaft wieder nachhaltig betrieben werden kann.

Einschränkungen für Frauen durch den politischen Islam

Einige Probleme, die "Lumbung Calling" mit sich bringt, wurden vor allem im Chat angesprochen: Dörfer sind weltweit nicht immer Hochburgen des Feminismus. In Indonesien kann man dort auf sehr reaktionäre Spielarten des politischen Islam treffen, die die zuvor optimistisch beschriebenen Entfaltungsmöglichkeiten von Frauen im Ökolandbau sehr einschränken könnten.

Das könne vorkommen, sagt auch Wissenschaftlerin Budianta, aber die "Lumbung"-Dorfgemeinschaften seien nicht allein, sondern arbeiteten beispielsweise mit den lokalen Regierungen zusammen. Das mache es möglich, politisch gegenzusteuern.

Was aber passiert, wenn auch die lokale Regierung islamistisch geprägt wird? Ist der Ökolandbau für Frauen dann immer noch so attraktiv? Nur eine von vielen Fragen, die unbeantwortet blieben.

Wie wird daraus Kunst auf Weltniveau?

Es gibt weltweit gerade nicht nur bei der Umweltbewegung "Fridays für Future" ein großes Interesse an noch intakten Räumen der Biodiversität. Und Toronto oder Berlin sind vielleicht aus Sicht der Stadtökologie auf Dauer "zu cool", weil irgendwann zu dicht bevölkert. Aber ist das ein Grund, aufs Land zu gehen? Auch das Künstlerkollektiv "ruangrupa" lebt in der Megametropole Jakarta. Zwei aus der Gruppe arbeiten seit einigen Monaten im "Ruru Haus" mitten in der Kasseler Innenstadt, um die documenta vorzubereiten.

Eine Frage, die ebenso offen blieb: Wie kann die politisch notwendige und sinnvolle Debatte um Ökolandbau und die Zukunft der Dörfer in aktuelle Kunst von Weltniveau einfließen, die das Publikum von der bedeutenden Kunstausstellung in Kassel eigentlich erwartet? Die Antwort auf diese Frage werden wir womöglich erst bekommen, wenn die documenta 15 ihre Pforten öffnet.

Nach "Lumbung" will "ruangrupa" soziale Phänomene in den Blick nehmen, die uns auf den ersten Blick vertrauter scheinen als die Reisscheunen-Metapher: Humor und Großzügigkeit, Unabhängigkeit, Transparenz, Genügsamkeit und Regeneration. Klingt alles ähnlich sympathisch wie die Ökodorf-Gemeinschaftsscheune, doch auch ein wenig wie das Wellnessweiterbildungsprogramm gestresster Mittelschichten in den Megacitys der Welt.

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